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Vierte
Man ſehe dann dieſe Armee am Abend des Tages, am Abend eines ſiegreichen Tages, man ſehe dieſe decimirten, zerriſſenen Colonnen von Staub und Blut bedeckt, die noch rauchenden Geſchütze mit zerſplitterten Laffetten, zerſchoſſenen Protzen, die ſo ſtolzen Pferde ermattet, mit einem ſchmutzigen, feſt gewordenen Schweiß bedeckt, man ſehe umher——, doch wir werden ſpäter uns auf einem Schlachtfeld am Abend eines ſolchen Tages finden. Und nun erſt, wenn dieſe glänzende Armee unglücklich focht! Wer ſucht dann ihre Trümmer und wie wird er ſie finden? Dann verſchwindet jede Poeſie, um einer entſetzlichen Proſa den Platz zu überlaſſen.
Wer den Krieg und die Schrecken einer Schlacht nur aus intereſſanten und ſpannenden Erzählungen kennt, wie wir ſie gern hören an eines kurzen Tages langem Abend, umlichtet von dem flackernden Schein eines lauſchigen Caminfeuers, oder wer in müßiger Stunde, umgeben von allem Comfort des Lebens, nur es lieſt, wie das Leben des Soldaten ſo aufregend und wechſelvoll ſich geſtaltet, wie es ihn heute hierhin, morgen dorthin, heute zu dem armen Bauer, morgen zu einer reichen Fürſtin in's Quartier wirft, wie er heute kaum trockenes Brod findet, während ihm morgen ſchöne Hände Champagner credenzen werden, wie er „Burgen mit hohen Mauern und Zinnen“ und„Mäd⸗ chen mit ſtolzen, höhnenden Mienen“, Beute und Liebe gleichmäßig gewinnt,— wie irrt er, wenn er dieſe Bilder auf die Kriege der heutigen Zeit anwendet.
Man frage die Sieger von Curtatone, Cuſtozza und Novara, von Pered, Komorn und Temeswar; man frage die Soldaten von der Alma, von Inkerman und Balaklava, die Erſtürmer des Malakows und der Karabelnaja; man frage die Kämpfer von Magenta und Solferino, was ſie von alle dem gefunden haben?
. Alle jene poeſiereichen Schilderungen entſtammen einer früheren, einer weniger realiſtiſch geſinnten Zeit. Dieſe gute, alte Zeit! Sie hatte ihre Bequemlichkeiten, es war Methode in ihr. Dazumal wurden die Kriege anders und nicht ohne allen Comfort geführt. Es war auch bei ihnen eine bequemere Manier. Es lag Gemüth in der Sache. Die Feldherren trugen nicht blos den eignen, ſondern auch den Gewohnheiten ihrer Soldaten eine gebührende Rechnung, und obwohl ſie im unmittelbaren Dienſt vor dem Feind ihre Anfor⸗ derungen an ſie ſtellten, goͤnnten ſie ihnen doch außer⸗ halb dieſes Dienſtes die möglichſten Freiheiten, ſich der ſuͤßen Gewohnheit ihres immerhin nicht ganz zweifelloſen Daſeins zu erfreuen. Der Soldat endlich war Berufsſoldat, der Krieg war ſein willkommenſtes Gewerbe, ſeine Feiertags⸗ und gute Zeit. Die Maärſche waren meiſt ſo bemeſſen, daß ſie ſo ziemlich etwas ausgedehnten Spaziergängen ähnelten;
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zwiſchen den einzelnen Gefechten und Schlachten, oder den großen Actionen lagen Monate. Man ſchlug in jedem Feldzuge nicht gern mehr als eine ſolche Schlacht und war nach ihr beeilt, ſich zu erholen. Bei dem Anbruch der ſchlechten Jahreszeit, welche nicht der Menſchen Freund iſt, zeigte man ſich nie ſäumig, gute und ſichere Winterquartiere in geſchonten Gegenden zu beziehen, worüber man nicht verfehlte, ſich in ſchul— digſter Hochachtung eine gegenſeitige Mittheilung zu⸗ kommen zu laſſen. Der Krieg fand ſeine Fortſetzung, wenn die Schwalben wiederkehrten und mildere Lüfte das Wandern luſtig machten. Neben alle dem gab es Beute und Mädchen in Fülle; es war für die Leute, welche in jenen Kriegen kämpften, in der That ihrem Sinne nach: eine Luſt, Soldat zu ſein. Es machte für ſie nicht das Geringſte aus, ob er dreißig oder ob er ſieben Jahre währte. Zumeiſt war er für ſie die Blume: Je länger, je lieber!
Und was die Gefahr anlangte, die von dem Beruf nicht ganz hinwegzuleugnen war, und das Ster⸗ ben auf dem Schlachtfelde, ſo trug man dieſen Kleinig— keiten keine ungebührliche Rechnung. Sicher ſtörte Niemand die quartiermeiſterliche Ruhe durch die un⸗ beſcheidene Frage nach dem Vorhandenſein einer Sani⸗ tätscompagnie, und wer kümmerte ſich vollends um die Lazarethe! Man war froh zu wiſſen, daß ſie nicht in der Nähe. Was fiel, das fiel; was verdarb, ver⸗ darb. Wer fragte nach dem Schickſale dieſer Söld⸗ linge, nach dieſen geworbenen Leuten, die um des Soldes und der Beute willen dienten? Es gab ihrer genug, um ihre Lücken zu erſetzen. Ihr Leben koſtete nicht mehr, als der Werbeofficier dafür bezahlte. Sie hatten ſich verkauft als Mittel für einen Zweck. War dieſer erreicht, wer kümmerte ſich noch um dieſe Mittel? Hatten ſie eine Heimath, hatten ſie Eltern?— Wer wußte es! Weinte um ſie eines alten Vaters Auge, brach einer Mutter Herz für ſie? Wer fragte, ob über ihrer Leiche ein Grabhügel ſich wölbe, oder wohin ſie als jammervolle Krüppel ihr elendes Daſein geſchleppt?
Jetzt iſt das alles anders.
Jetzt ſtehen die Kinder des Volkes im Feuer der Schlacht, Väter, Brüder und Söhne;— die Bürger führen ihre Kriege ſelbſt, wie es war in den beſten Zeiten der ewigen Roma, ehe ſie Weltherrſcherin ge⸗ worden.
Jetzt folgen die Blicke Tauſender mit tbeilnahm⸗ vollem Bangen den Bewegungen der Armeen; des Vaters und der Mutter Sorge betet für den kämpfen⸗ den Krieger und das Vaterland nennt die ſeine beſten Söhne, welche es vertheidigen, und reicht ihnen ſeinen Lorbeer.
Nicht mehr der Ehrgeiz des Einzeluen vermag


