Jahrgang 
27-52 (1867)
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Naht dir kein Wand'rer Liebend und traut,

Sei du des Heilands Züchtige Braut!

Zage nicht!

Zage nicht, wenn grau und trübe . Um Dich her das Leben iſt! Zürnen, ja! kann Gottes Liebe, Zürnen eine kurze Friſt; Aber haſſen, Chriſt, Dich haſſen, Dich in Deiner Noth verlaſſen, Zürnen, bis das Herz Dir bricht Nein! das kann die Liebe nicht!

Sie, die Schmach für Dich und Plagen, Die geduldig, wie ein Lamm,

Deine Sünden einſt getragen

Am verfluchten Kreuzesſtamm,

Wie? ſie ſollt' an Deinen Leiden,

An dem Jammer jetzt ſich weiden, Der aus Deinen Augen ſpricht?

Nein! das kann die Liebe nicht!

Nein, mein Chriſt! und ob auch bleiern Sich Dein Himmel überzieht,

Hinter grauen Wolkenſchleiern

Iſt die Liebe ſtill bemüht,

Dich aus Deiner Leiden Ketten,

Aus der Trübſal Dich zu retten,

Dich vom Jammer zu befrei'n,

Wann die rechte Zeit wird ſein.

D'rum nur Muth! Es naht die Stunde Der Erlöſung, banges Herz!

Wühle nicht in Deiner Wunde;

Hand und Auge himmelwäͤrts!

Dorther, dorther muß ſie kommen,

Soll die Hülfe wahrhaft frommen; Dorthin will durch Schmerz und Müh'n Dich des Vaters Liebe zieh'n.

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Unter dem rothen Kreuz. Von Dr. Jul. Naundorff. Leipzig, bei Veit und Comp. 1867. Dieſes umfangreiche Buch, welches noch den wei⸗ teren Titel führt:Fremde und eigene Erfahrungen auf böhmiſcher Erde und auf den Schlachtfeldern der

Novellen⸗Zeitung.

Neuzeit, wird Ihnen im erſten Augenblicke als ein Fachwerk erſcheinen, deſſen Leſerkreis nicht umfaſſend ſein dürfte. Doch im näheren Hinblick auf Tendenz, Gegenſtand und Behandlung deſſelben zeigt ſich ein anderes Reſultat. Der vielerfahrene und umſichtige Verfaſſer, der ſich ſogar in ſorgſamen Studien eine oft treffliche Darſtellung und einen guten Styl ange⸗ eignet hat, beſchäftigt ſich hier mit der Pflege der Verwundeten auf den modernen Schlachtfeldern, ein

Stoff, der das geſammte Intereſſe der Civiliſation,

unſeres Zeitalters in Anſpruch nimmt. Dies Intereſſe des Werkes ſteigert ſich durch die lebendige farben⸗ reiche und datenreiche Art, wie es Naundorff wahr⸗ nimmt und unſerer Gegenwart warm und ſinnvoll ans' Herz legt.

Wer ſich nun einen deutlichen Begriff vom Weſen und den Conſequenzen des Krieges machen will, was leider dringend iſt, da wir noch immer nicht an der Aera des ewigen Völkerfriedens angelangt ſind, der leſe dieſe Schilderungen und Betrachtungen, deren all⸗ gemeine Haltung von allen Laien verſtanden werden wird.

Ich überlaſſe das Feſſelnde der einzelnen, oft wahrhaft und eben durch ihre realiſtiſche Wahrheit ergreifenden Details den ſtillen Stunden, in denen ſich die Freunde der Aufklaͤrung mit dieſem Gegen⸗ ſtande beſchäftigen werden, und führe hier nur eine allgemeine Betrachtung über die heutige Kriegführung und Stellung des Soldaten an, da dieſer Abſchnitt das beſte Licht auf die ganze Behandlung wirft:

Man rühmt oft den Glanz, welcher den Stand des Soldaten umgiebt, und welcher hell genug ſtrahlt, viele und oft ſo ſchöne Augen zu blenden. Diejenigen, welche ein Heer unter dem kriegeriſchen Klang der Trompetew, dem wirbelnden Schall der Trommeln, mit wehenden Fahnen beim Leuchten des jungen Tages in den ernſten Kampf rücken ſehen, können ſich einer emporwallenden Begeiſterung nicht erwehren und fühlen unter dem gewaltigen Eindruck die ganze ritterliche Poeſie, welche den Schmuck eines Standes bildet, der ſeines Gleichen nicht hat auf der Erde.

Die langen, dichtgeſchloſſenen Colonnen, beſchattet von einem Wald blitzender Waffen, wohlgeordnet und gleichmäßig dahinſchreitend, zwiſchen ihnen feurige Roſſe mit Reitern, welche von Jugend und Kraft ſtrahlen, funkelnde Geſchütze, ſtumm zwar, aber dräuend

mit dem Prunk ihrer ſtättlichen Beſpannung, die bunte

Schaar der Marketender und Marketendermädchen, das wilde Volk des Troſſes, zigeunerähnlich folgend, mit Federn und Sträußen auf den Hüten und an den Kummeten der Pferde, alles ſo hell, ſo friſch und ſo voll Feuer wie der Morgen, der dieſes bunte, leben⸗

dige Gemälde mit ſeinem Lichte übergießt.

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