Vierte Solge.
ringſte Zweifel herrſchen könne? Alſo! Und daß Du das Alter noch nicht erreicht haſt, um die Angebetete in Dein Haus führen zu können, das ſiehſt Du ja auch ein. Alſo! Begnüge Dich daher, bis der herr⸗ lichſte Tag Deines Lebens erſchienen, mit ſüßem Lächeln, zartem Augenſpiel und ſchmachtenden Blicken, und erwarte uns nach Schluß der Vorſtellung vor'm Theater, wo wir dann Arm in Arm, wie drei Gra⸗ zien, zum Adlerwirthe wandern werden. Bis dahin, Freund, Gönner, Bruder, lebe wohl und die Muſen ſeien mit Dir!“
Draußen wollten ſich ſowohl Heldorf wie Gruber über den„albernen dummen Jungen“ ausſchütten. Das fehlte noch, daß er, ſtatt mit ihnen zu zechen, der Demoiſelle Rudorf nachlaufe! So war nun Alles prächtig arrangirt, und nur das Eine bedauerten die Wind⸗ beutel, daß ihre ſtets durſtigen Kehlen bis zum Abend trocken bleiben müßten. Gegenſeitig klagten ſie ſich das, indem ſie ohne jedes Ziel durch die Straßen ſchlenderten. Vor einem Hauſe in der Jakfobsſtraße blieb Heldorf ſtehen und zeigte hinauf:„Du, hier wohnt die Mamſell Neumann, die den Arthur ſpielt. Am Fenſter iſt ſie nicht— ha, ha, wahrſcheinlich probirt ſie ihre Hoſen an!“
In dieſem Augenblicke war unſere Chriſtel überall und nirgends. Jetzt zog ſie eine Schublade auf und kramte in all' den Bändern und bunten Lappen, jetzt umarmte und küßte ſie die Mutter. Dann zählte ſie — wer weiß zum wievielten Male!— die Garde⸗ robeſtücke für den Abend durch, dann ſprang ſie mit ſolcher Haſt durch die ganze Stube, daß der Schemel nach rechts und die Strohdecke an der Thür nach links flog. Wie oft auch die Mutter zur Ruhe ermahnen mochte, Chriſtel's Unruhe nahm nur von Minute zu Minute zu. Kaum hatte der Tag gegraut, da war ſie auch ſchon aus dem Bette geſprungen, aber ſie hatte weder nach einer Arbeit greifen, noch das Früh⸗ ſtück einnehmen können, denn alle Eßluſt hatte ge⸗ fehlt. Immer und immer rief ſie:„Wie wird's werden? Ich ſeh's Goethe an, er iſt nicht zufrieden, er macht ſich tauſend Sorgen! Wenn der Profeſſor Böttiger im Parterre ein einziges ſchiefes Geſicht zieht, iſt die ganze Sache verloren!“ Frau Neumann dankte im ſtillen Gott, daß nicht allwöchentlich ein ſo ſchwie⸗ riges Stück zur Darſtellung gelange, denn Chriſtel ſei ja förmlich aus Rand und Band, nicht einmal ihr Leibgericht, Pökelfleiſch mit Bohnen, habe ſie heute angerührt.
Die Sonnenſtrahlen fielen ſchräger; fünf ſchlug die Uhr.„Ich hör' was rollen,“ ſagte die Mutter, „der Theaterwagen iſt pünctlich.“ Die Tochter horchte. „Nein,“ ſagte ſie,„es iſt ein anderer Wagen.“ Einen
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Augenblick ward's dann ſtill.—„Mich wundert ei⸗ gentlich, daß er heute nicht gekommen iſt, ich glaubte beſtimmt, er würde heute vorſprechen, er würde—“ Nicht wenig erſtaunt blickte die Mutter auf:„Wir ſprechen ja vom Theaterwagen— Kind, wen meinſt Du?“
„Ich? Ja ſo! Ach laß, Mutter,“ rief ſie und warf die Schürze über's Geſicht,„ich bin und bleib' ein närriſches Ding!“—„Horch, jetzt wird er um die Ecke biegen, diesmal irre ich mich nicht. Wo wlllſt Du hin, Kind? Dein Hut und Tuch liegen ja hier!“
Aber Chriſtel ſprang mit einem Satz in die Kammer und warf die Thür in's Schloß und ſank in die Kniee und faltete die Hände und betete:„Lieber Gott, mach' Du es, das Alles brav abgeht. Und laß uns recht gut ſpielen, Du lieber, lieber Gott, Becker und mich und Corona und Alle Andern auch, und laß Goethe recht viele Freude erleben, denn gewiß, er verdient es. Amen!“
Frau Neumann klopfte an die Thür.„Chriſtel! wir dürfen die unten nicht warten laſſen!“— ,Da bin ich. Schnell, Mutter, faſſ' mit an.“ Und Beide trugen den Garderobekorb die Treppe hinab.
(Fortſetzung folgt.)
Gedichte von Carl Twelckmeyer.
Das einſame Veilchen.
Liebliches Blümchen, Perle der Flor',
Drängſt dich aus Blättern Schüchtern hervor.
Blickſt ſo verſtohlen Suchend umher,
Ob nicht ein Wand'rer Deiner begehr'.
Schau'ſt in die Ferne Sinnend und ſtill: Ob denn nicht Einer Brechen dich will?
Einſames Veilchen, Duftiges Blau, Perle des Thales, Zierde der Au.


