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Vierte
Shakeſpeare's ſei ein voreiliger geweſen, er müſſe der Aufführung mit größtem Bangen entgegenſehen.
Heinrich Becker war an dieſen Tagen recht übel gelaunt. Und warum? Weil er regelmäßig ſeinen Schirm mit in's Theater brachte, aber— es wollte und wollte nicht regnen; und darum hatte er keine Veranlaſſung, Chriſtel den Arm zu bieten. Dieſer neuliche Gang unter dem Schirm mußte ihm doch be⸗ ſonders gefallen haben.„Was fehlt Ihnen, College?“ fragte da wohl Chriſtel, wenn ſie den Muſentempel verließen.—„Sehr, ſehr viel,“ gab er zur Antwort und warf einen finſteren Blick auf ſeinen Schirm.— „Ah,“ dachte ſie dann,„der Aermſte denkt an die Schweſter. Ob meine Hoffnung ſich noch erfüllen wird?“
Und immer ſorgenvoller blicken Goethe's Augen, und den ſauren Tagen folgen ſchlafloſe Nächte, und jetzt—
Jetzt iſt er da, der große Tag.
„Heute Abend!“ hört man auf der Straße rufen; „heute Abend!“ ruft Anna Amalia, als Karl Auguſt, um nach ihrem Wohlſein zu fragen, in ihr Eckſtübchen tritt;„heute Abend!“ rufen die Mägde am Brunnen, die Kinder in der Schule, die Soldaten auf der Wache. Und die Thorwächter rufen's auch, aber ſie fluchen dabei, denn die Wagen, welche durch die Thore rollen, ſind wirklich nicht zu zählen.„Woher?“„Von Apolda.“ „Woher?“„Von Erfurt.“„Woher?“„Von Gotha, ſind geſtern Abend ausgefahren.“„Woher?“„Von Halle, ſeit geſtern Mittag unterwegs.“ O, und iſt das ein Tumult in den Schenkhäuſern! Weder im „Erbprinz“, noch im„Elephanten“ iſt noch an ein leeres Zimmer zu denken; und im„Anker“ hat man
—ſchon Zwei, die über den Durſt getrunken, an die
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Luft geſetzt; und im„Thüringer Hof“ iſt der Haus⸗ knecht ſchon dreimal die Treppe hinuntergeſtürzt; und im„Adler“ hat's gar ſolch' eine Schlägerei gegeben, daß ſechs Perſonen mit blutigen Köpfen zum Wund⸗ arzt gerannt ſind.
Auf den Thürmen ſchlägt es Mittag.
Seht hin! Was biegt da eben um die Altenburg,
ddie ſich an der Jenenſer Straße über Weimar erhebt?
Das iſt ein wunderlicher Zug! Vorauf ein Gefährt, wie ein viereckiger Kaſten aufzuſchauen, und wenn wir auf dieſen ungepolſterten, ſogar noch ungehobelten Bänken eine Fahrt von Jena nach Weimar machen ſollten, wir würden doch wahrlich glauben, es ſei auf unſer Verderben abgeſehen. Aber die damals darauf ſaßen: Profeſſor Schiller und ſeine Lotte und die ge⸗ lehrten Herren Profeſſor Paulus, Niethammer und Hufeland mit ihren Frauen— die waren ſo heiter, als ob ſie auf Sammetpolſtern und Sprungfedern
Folge. 517
Platz genommen hätten, und die Frau Profeſſorin Schiller wendet den Kopf und nickt einem Studenten im zweiten Wagen zu, der eben, die Flaſche ſchwin⸗ gend, ein Hoch auf Frauenaugen ausbringt. Ja, im zweiten und dritten Wagen ſitzen die Muſenſöhne ſo eng beiſammen, daß in des Wortes wahrſter Bedeu⸗ tung kein Apfel dazwiſchen zu Boden fallen kann, und links und rechts laufen noch Etliche nebenher und ſchwingen Pfeifen und Stöcke und hetzen die Hunde auf jeden Stein und jeden Baum. Halt, jetzt iſt das Thor erreicht. Als der grimmig dreinſchauende Wächter ſein ſtereotypes„Woher?“ brummt, ſchallt's aus dem erſten Wagen:„Von Jena,“ aus dem zweiten „Von Paris“ und aus dem dritten„Von London“. —„Galgenvolk, infames!“ knurrt der Beamte,„das kommt von dem ſacramentſchen Theater!“ Aber die Jünger der Wiſſenſchaft lachen und ſtürmen in ſein Häuschen und aus funfzig Kehlen zugleich ertönt der Ruf nach Feuer für die Pfeife.
Ein wenig ſpäter ſchritten zwei dieſer Muſen⸗ ſöhne, Heldorf und Gruber, die ſich den Kopf zer⸗ brachen, weshalb ihr Freund Hans von Blumenthal nicht auf der Kneipe zu finden, dem Hauſe des Barons zu, um aus Junker Hans' Munde den Grund ſeiner Abweſenheit zu erfahren. Der jauchzte nun förmlich auf, als die Freunde in ſein Zimmer traten, und umarmte die Bürgerlichen mit einem Feuer, wie er feuriger kein Vollblut hätte umarmen können. Denn Hans that ſich nicht wenig darauf zu gut, daß er, der Gymnaſiaſt, Jenenſer Studenten, die eben das dreizehnte Semeſter hinter ſich hatten, auf Du und Du ſtand und mit ihnen trinken und fechten durfte; nur bedachte er in ſeinem Stolze das Eine nicht, daß weder Heldorf noch Gruber ihn je eines Blickes ge⸗ würdigt haben würden, wenn er nicht, ſo oft ſie gen Weimar gezogen, für ſie die Zeche bezahlt hätte⸗ Deshalb war nun ihre Verwunderung, als ſie ihn nicht auf der Kneipe gefunden, eine ſehr große ge⸗ weſen, und da ſie, wie man zu ſagen pflegte, auch diesmal arm wie Kirchenmäuſe nach Weimar gekom⸗ men, ſo gebot es vor Allem der leere Beutel, ihm „auf die Bude zu rücken“.
Aber ſie ließen vor Schreck Stock und Mütze fallen, als ſie den Freund und Goͤnner nun näher in's Auge faßten. War denn das der fidele Hans? Wo war ſeine Luſtigkeit, ſein ſilberhelles Lachen ge⸗ blieben? Und auf dem Tiſche dort ein Stoß Bücher! Und wo waren die Pfeifen hingekommen, die beſtändig in jener Ecke geſtanden?
„In drei Teufels Namen!“ ſchrie der kleine, dicke Heldorf und warf ſich, ſo lang er war, auf das Sopha,„bei der Unſchuld meiner Liebſten! Freund
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