516 Novellen „O Sie Beſcheidenſte der Beſcheidenen!“ lachte er.„Bei der Vorſtellung ſchießen Sie den Vogel ab— wetten wir?“
„Topp, die Wette gilt! Wenn ich verliere, ſchenke ich Ihnen ein Uhrband oder ein Futteral für Ihre Piſtolen.— Nicht wahr, ich hab' recht gehört, Sie üben ſich zuweilen vor dem Erfurter Thor im Schießen?“
Er nickte.„Reiten, Fechten und Schießen war ſchon meine Luſt, als ich noch ein Junge war. Ei, Sie ſollten nur ſehen, wenn ich mich auf's Pferd werfe, nach Berka ſprenge oder die Höhe nach Etters⸗ burg hinanjage und dabei auf Spatzen losbrenne!“
„Nun, das freut mich deshalb, weil Sie doch ſo aus Ihrer Einſiedelei herauskommen. Ja, meine Mutter ſagt das: man müſſe ſich immer, ſo gut es nur gehen wolle, in die Verhältniſſe ſchicken.“
Da legte ſich ein Schatten um ſeinen Mund. „Was bleibt mir auch weiter?— Sonderbar, daß
„Jeilung.
„Ja, morgen.“
Warum nahm er jetzt nicht ſeine Hand aus der ihren? Ci, er drückte nun ſogar ein wenig ihre Hand! Was mochte das bedeuten?— Obgleich er bereits Abſchied genommen, blieb er doch noch wie angewurzelt
ſtehen. „Was ich ſagen wollte— ja, ja, Ihre Idee vorhin war doch ſehr hübſch.“ „Ach, Sie meinen die von dem Sonnenſtrahl?“ „Ja wohl, die mein' ich.“ V Und noch ging er nicht und noch ließ er ihre Hand nicht frei. „Was ich ſagen wollte— ja, unſere Wette. Da ich nicht gewinnen kann, darf ich weder an ein Uhrband, noch an ein Futteral für meine Piſtolen denken.“
„Wenn ich verliere, haben Sie die Wahl zwiſchen
ich Cornelia noch nicht begegnet bin, die Stadt iſt doch ſo klein.“
„Auch ich glaubte immer, ſie wieder einmal bei der Frau Herzogin zu treffen. Neulich zwar be⸗ gegneten wir uns da abermals in einer Geſellſchaft, allein zu einem Geſpräche zwiſchen uns kam es nicht; die Stuben waren zu voll. Im Uebrigen, wie ich böre, beſucht Ihre Mademoiſelle Schweſter die gnä⸗ digſte Frau nur am Tage und auch anur ſelten, da. die Kränklichkeit und die Abendluft—“
„Da wären wir,“ unterbrach er und deluele auf die Hausthür,„aber, um Vergebung, ich fiel Ihnen in das Wort. Wollten Sie noch mehr von Cornelia—“
„Und jetzt unterbreche ich Sie, College. Was hat das zu bedeuten? Eben, wie Sie den Namen Ihrer Schweſter ausſprechen, läuft da ein Sonnen⸗ ſtrahl über die Straße! Sehen Sie nur, der Regen hat aufgehört, Sie koͤnnen den Schirm zuſpannen. O ich gratulire, ich gratulire, Herr Becker!“
„Wozu?“
„Zur baldigen Begegnung mit der Schweſter.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Denken Sie an den Sonnenſtrahl!“
Er zuckte die Achſeln.„Ihre Phantaſie zaubert liebliche Bilder.“
„Sie Kleingläubiger!“
„Bitte, zürnen Sie mir nicht,“ rief er, ihre Hand ergreifend,„und grüßen Sie die Mutter.“
„Bieten Sie ihr doch ſelbſt guten Tag. Iſt es überhaupt hübſch, an der Hausthür umzukehren?“
„Und doch, ich muß hier umkehren, denn mich rufen unaufſchiebbare Geſchaͤfte. Alſo morgen auf Wiederſehen!“
Uhrband und Futteral.“
„Und trotz dieſer entzückenden Ausſicht wünſche ich um keinen Preis, daß Sie verlieren.“
„Sie ſind ſehr gütig.“
Jetzt ward's einen Momement ſtill, und jetzt zog er wirklich ſeine Hand, nachdem er die ihre recht herzlich geſchüttelt, zurück.
„Alſo morgen!“
„Adieu, College!“ Sie drehte ſich auf dem Ab⸗ ſatz herum und griff nach dem Thürdrücker.
Einen Schritt machte er—„Ach, auf ein Wort noch. Ich hab' doch an Ihre liebe Mutter einen Gruß beſtellt?“
„Ja wohl, Herr Becker, ich werd's ausrichten.“
„Ich bitte ſehr darum. Und nun adieu,“ ſchloß er endlich, aber ſeine Rechte mußte er, als ob's gar nicht anders ginge, doch noch einmal ausſtrecken.
Und indem ſie lachend ihre Zähne zeigte, legte ſie abermals ihre Rechte hinein.„Adieu, College, adien!⸗...
Und ſo ging es nun weiter: Probe morgen und über⸗ und über⸗übermorgen. Mit jedem Tage bäuften ſich die Schwierigkeiten, ſtellte Goethe höhere An⸗ forderungen; und wäre der Tag der Aufführung nicht bereits feſtgeſetzt und Goethe nicht ein Freund vom Worthalten geweſen, ſo würde er wohl die erſte Dar⸗ ſtellung noch eine Woche hinausgeſchoben haben. Wie unaufhoͤrlich hatte er noch immer aus einer Gitterloge zu tadeln! Und als ob ſeine„Leutchen“ nicht all' die Regeln, die er aufſtellte, ſchon früher vernomen hätten! Dieſe Schwerfälligkeit des Aneignens und dieſes ſchleu⸗ nige Vergeſſen waren doch der rechte Beweis, wie wenig„Künſtler“ ſich darunter befanden; und es war daher nur zu erklärlich, daß der herbe Gedanke über ihn kommen mußte, ſein Griff nach einer Dichtung
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