Vierte Folge.
ich Jemanden mit Stiefeln auftreten, und ich wünſche, daß man nur in Pantoffeln probire!“
Flugs verſchwand dieſer Jemand, Stiefeln zu entledigen.
„Halt!“ rief er gleich darauf,„Demoiſelle Mal— colmi I. hat ihren Mantel noch nicht abgelegt; der Mantel hindert nicht allein, die gehörigen Geberden zu machen, ſondern zwingt auch, falſche anzunehmen, die dann bei der Vorſtellung unwillkürlich wieder⸗ holt werden!“
„Halt! die Frauenzimmer müſſen ihre kleinen Beutel bei Seite legen.“
„Halt! ich höre, daß ſich Jemand die Naſe ſchnaubt. Dergleichen muß ſelbſt in einer Probe unterbleiben!— Man fange an!“
Aber noch keine drei Worte hatte König Johann geſprochen, da kam Goethe ſchon wieder mit ſeinem „Halt! Hakt!“
e Bruſt herausgekehrt, die obere Hälfte der Arme biz an die Elnbogen etwas an den Leib ge⸗ ſchloſſen der Kopf ein wenig gegen Den gewendet, mit dem man ſpricht!“
„Die Hand mache keine Fauſt, noch liege ſie wie beim Soldaten mit ihrer ganzen Fläche am Schenkel. Die zwei mittlern Finger zuſammen, der Daumen, Zeige⸗ und kleine Finger etwas gebogen!“*)
Dann ward es in der Gitterloge wieder ſtill, und König Johann und Chatillon redeten weiter.
„Einer, Sie ſtehen auf der linken Seite, folglich müſſen Sie mit der rechten Hand agiren!— Be⸗ achten Sie meine Worte beſſer, ich habe es Ihnen bereits ſo oft geſagt!“
Man kam mit der Geſchwindigkeit einer Schnecke weiter. lang die Geſichter nur irgend werden konnten, wurden ſie. Beſtändig ermahnte Goethe, daß man Demoiſelle Schröter und Mamſell Neu⸗ mann in's Auge faſſen und Beide als Mittelpunct betrachten möge.— Ach, endlich eine Pauſe! Goethe winkte Corona und Chriſtel in ſeine Loge, und die
um ſich der
(hinaus und athemlos wieder zurück:
Uebrigen ſanken theils auf die Stühle hinter den Conliſſen, theils fielen ſie über ihre Beutel her, um ein Butterbrödchen oder wohl gar ein ganz kleines
Fläſchchen(natürlich ſo heimlich wie möglich) an's
Licht zu befördern.
Und wieder ward begonnen und wieder pauſirt, und als endlich, endlich der Baſtard in die Worte ausbrach:
„Dies England lag noch nie und wird auch nie
Zu eines Siegers ſtolzen Füßen liegen,
Als wenn es erſt ſich ſelbſt verwunden half— da ſchlug die Uhr vier.
*) Goethe's„Regeln für Schauſpieler“.
515
Goethe betrat die Bühne. morgen um dieſelbe Stunde Beuther, iſt mein Wagen da?“
Beuther, der Theaterdiener, ein ſpindeldürres Männlein im hechtgrauen Frack, ſtürzte zum Hauſe „Excellenz, ſie iſt da— die Equipage iſt da— ja, ja, ja, ja!“ Außer tauſend ſonderbaren Angewohnheiten beſaß Beuther auch noch die, jeden Auftrag, den er auszurichten hatte, mit vier Ja's zu beendigen.
„Adieu.“ Goethe ging. Unmittelbar nach ihm verließen Alle das Theater, die Meiſten halb todt. Es regnete.
„Ach du lieber Gott, es regnet!“—„Um des Himmels willen, mein neuer Hut!“
„Ach, ich hab' ganz dünne Schuhe an!“„Und ich ein neues Kleid!“„Aber noch warten können wir unmöglich, ich bin todtmüde!“„Ich auch!“„Wer hat einen Schirm?“— ſo kreiſchten vier oder ſechs weibliche Stimmen untereinander.
„Ich habe einen Schirm,“ ſagte Becker.
Und nun tänzelte die Damenwelt um ihn herum. „Ach, liebſter, beſter Becker, nehmen Sie mich unter Ihren Schirm!“„Nein, mich, ich hab' ein neues Kleid an!“„Ihrem Kleide ſchadet es viel weniger, als einem neuen Hut!“„Bitte, bitte, College!“
Doch Becker hatte darauf nur ein Lächeln und Achſelzucken, aber er verneigte ſich vor Corona und Chriſtel, die ein wenig zur Seite ſtanden und ſich ganz ruhig verhielten, und ſagte, indem er den Schirm auffpannte:„Meine Damen, darf ich bitten?“
Sein Anerbieten ward mit Dank angenommen; er ſchlug den Rockkragen hoch und ging ſo lange nebenher, bis man Corona's Wohnung erreicht hatte. Dann ſelbſt den Schirm nehmend, bot er Chriſtel den Arm.
Zwei Weiber begneten ihnen an der Marktecke.
„J Herrjeſes,“ meinte das eine,„Du, war das nicht die kleine Neumannin? J nu gucke'mal an, die hat einen Liebhaber!“
„Gott bewahre,“ belehrte es das andere,„das iſt ja Becker, der Komedijante, dem reichen Baron ſein Neffe, aber ſie leben wie Hund und Katze.“
„Na, aber ihr Liebhaber kann es doch ſein, und wenn er's noch nicht iſt, kann er's ja noch alle Tage werden?!“
Becker ſagte:„Sie glauben nicht, Collegin, wie fehr mich Ihr Spiel erfreut oder, beſſer geſagt, er⸗ baut. Aufrichtig geſtanden, das hätte ich doch nicht von Ihnen erwartet.“
Sie wiegte das Haupt.„Sie, Goethe, Corona — Ihr Alle ſeid ſo nachſichtig!“
„Genug für heute, auf Wiederſehen.—


