Jahrgang 
27-52 (1867)
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Aber geſprochen ward dennoch unaufhörlich dar⸗ über, und das Wochenblatt trug die große Neuigkeit auf die Dörfer hinaus und weiter nach Jena, Erfurt, Apolda; ſelbſt nach der Stadt Halle, deren Zeitung in einem Exemplare nach Weimar, und zwar auf's Schloß gelangte, von wo ſie erſt nach Wochen in die ſtädtiſche Bierſtube kam, war die wunderſame Mähr gedrungen.

Sehen Sie, mein liebes Kind, da ſteht's, ſagte Anna Amalia, mit dem Zeigefinger, daran ein Brillant glänzte, auf die Hallenſer Zeitung deutend, ſollte man es glauben! Und ſogar der Tag der Aufführung iſt angegeben! Nun, wie's auch ausfallen mag, das muß man unſerm Goethe laſſen, er hat den beſten Willen und weiß von ſeiner Bühne reden zu machen. Mein Herr Sohn ſchickte mir vorhin dies Blatt, und daß der ſich ſehr darüber freut, iſt ſicher; ſollte er heute nicht bei ſeiner Mama vor⸗ ſprechen?

Gnädigſte Frau, bemerkte darauf Cornelia, ich wünſchte wohl, dieſe Dichtung Shakeſpeare's kennen zu lernen. Nicht wahr, Herr Hofrath Wieland hat den engliſchen Dichter überſetzt, und ohne Zweifel beſitzen Hochdieſelben dieſe Ueberſetzung?

Freilich, freilich, erwiderte Jene lebhaft,aber um eine dramatiſche Dichtung ganz zu genießen, muß man ſie dargeſtellt ſehen, aber nicht leſen. Gedulden Sie ſich nur, bis der große Tag heranbricht; wie ich hörte, beginnen ſchon morgen die Theaterproben.

Ganz ſtill ward Cornelia und tiefer ſank ihr Antlitz auf den Stickrahmen auf ihrem Schooß.

Ah, rief plötzlich die Fürſtin, nachdem ſie die junge Freundin eine Weile erſtaunt betrachtet, jetzt fällt mir ein, warum Sie die Ueberſetzung ver⸗ langten! Ja, ja, Ihr Oheim, der Baron! Alſo noch immer nicht verſöhnlicher geſtimmt? Und der Mon⸗ ſieur Becker iſt doch ein, ſo ſittſamer, fleißiger und talentvoller Menſch; Goethe lobt ihn ſehr.

Der Name meines Bruders darf in unſerem Hauſe nicht genannt werden, entgegnete mit einem tiefen Seufzer Cornelia.

Und ſich ſo lächerlich zu machen, fuhr Amalia mit erhobener Stimme fort,eine neue Beſchwerde⸗ ſchrift Herder's mit zu unterzeichnen! Pah, der gute Herder, auf den im Uebrigen ich am wenigſten etwas kommen laſſe, denkt in dieſem Falle doch wirklich zu kleinlich. Monſieur Hans kommt ſeitdem zu leing Probe mehr; na, man wird auch ohne ihn fertig.

Cornelia theilte mit, daß ihr Couſin auch keine Auf⸗ führung mehr beſuchen dürfe, daß der Oheim an jedem Abend durch das Schlüſſelloch blicke, um ſich zu uͤberzeugen, ob Hans in ſeinem Zimmer Licht habe.

Rovellen⸗

Zeitung.

Meinethalb, rief da die Herzogin,kann der Vater ſeinen Sohn an den Tiſch binden. Aber mein liebes Kind, weshalb wollen Sie ſich denKönig

Johann nicht anſehen? Oder fürchten Sie, wenn.

Ihr Bruder in die Scene tritt, zu mächtig ergriffen.

Raſch und laut fiel ſie ein:Köoͤnnte ich Hein⸗ rich doch ſehen, könnte ich ihm doch ſagen! Doch plötzlich hielt ſie inne und fügte ganz leiſe hinzu:Die Dankbarkeit,

zu ſehr erſchüttert,

mich?!

Hm, ſagte die Fürſtin, die Zeitung ungſam wieder in den Falz legend,da allerdings müſſen Sie am beſten wiſſen, was Sie zu thun und zu laſſen haben. Es ſei fern von mir, mich in Dinge zu miſchen, die mich gar nichts angehen. Bei Leibe! Ich bin keine Wielandin und keine Herderin, die ihre Naſen gar zu gern in Alles ſtecken und auch deshalb ſehr oft mit einem tüchtigen Naſenſtüber wieder heimgehen müſſen. Nehmen Sie d'rum ſie Ueber⸗ ſetzung mit; wenn ich's Wielanden erzähle, wird er den Mund bis an die Ohren verziehen.

Später, als Cornelia verabſchiedet werd, hän⸗ digte ihr die Herzogin einen prächtig in rothes Leder gebundenen Band ein. Ganz langſam unf zuweilen ſtehen bleibend, um einen Moment auszuruſen, ſchritt Cornelia ihrer Wohnung zu. Wenn. dieſelbe wohl wieder verlaſſen würde? mußte ſie jetzt ſich fragen. Denn wie ſelten fühlte ſie ſich ſelbſt zu dieſem kleinen Gange bis zur Fürſtin krätig genug! Das Verlangen, den Bruder zu umarmen, und der ewige Gedanke, durch die Verhältniſſe darn gehindert zu ſein dieſer Kampf, der ſich immer wee ihre ſo ſchwache Seele niſtete, drohte ihre der in kräfte vollends zu untergraben. Noch hatte ſier⸗ den Muth, über die Brücke zu ſchreiten und ſied ſich abzubrechen, um am andern Ufer und in Armen des Bruders gleichſam zu einem neuen Daſ zu erwachen

Unfern ihrer Wohnung vernahm ſie den R 1

Morgen! und den Gegenruf:Morgen! 4

Ja morgen! Nachdem der erſten noch drei weit⸗ Leſeproben gefolgt waren, ſollte morgen die er Bühnenprobe ſtattfinden. Herr Peter Amor beha 1 tete im Stadtbrauhauſe: ſo lange er denken köf ſei ſolch' eine Quälerei noch nicht dageweſen!

Wieder um zehn Uhr verſammelte man ſich dem Theaterplatz. Als Goethe's Equipage aus Esplanade bog, eilte man in's Haus und auf Bühne. Sofort ließ Goethe beginnen.

Halt! rief er aus ſeiner Gitterloge,da

die mich an den Oheim feſſelt o nicht wahr, die gnädigſte Frau Fgeben