Vierte Folge.
V. Jahrgang.
——
ſchöne
Gine Fochenchronin für Niteratur, Aunst,
Erſcheintpegelmäßig jeden zreitag.
Leipzig, am 16. Auguſt 1867.
iſſenſchaften und Geſellſchaft.
Abonnementspreis jährl. 5 ½ Thlr.
Euphroſyne.
1
Aus Weimars goldnen Tagen von Karl Neumann⸗Strela. (Fortſetzung.)
„Fahren wir morgen um dieſe Stunde fort,“ ſprach darauf, ſich erhebend, Goethe,„Ihr werdet Euch die Stellen, die am meiſten meinen Tadel herausforderten, gemerkt und alſo Muße vollauf haben, darüber nachzudenken. Ich bitte, faſſet ſtets ſowohl beim Leſen wie auf der Probe Demoiſelle Schröter und Mamſell Neumann in's Auge. Um Beide gruppirt Euch gleichſam geiſtig, laßt Beide Euern Mittelpunct und Halt ſein und ſtrebet ſo nach einer Harmonie, die nur ſo allein zu erzielen
iſt.“
O, da wurden manche Geſichter immer länger;
nur die Wenigſten darunter waren ja von dem Geiſt
und dem Ernſt für die Kunſt beſeelt, um die Wahr⸗
Pbeit jener Worte anzuerkennen. Ward man denn noch nicht entlaſſen?„Hol' der Henker Shakſpeare
ſammt ſeinem König Johann!“ dachten die Malkol⸗ mis, Amors und Andere,„zu Hauſe ſteht die Suppe auf dem Tiſch und die wird kalt!“ Aber Goethe wandte ſich noch an Dieſen und Jenen, hier einen Vers, dort eine Scene zu beſonderem Nachdenken empfehlend; dann endlich entließ er die Verſammel⸗ ten mit einem„Morgen!“...
Dieſe noch nie dageweſene Sorgfalt nun, mit der die Darſtellung vorbereitet ward, brachte neuen unterhaltungsſtoff in die ſo todte Stadt. Wenige nur hießen die Peinlichkeit gut, und ſelbſt der Hof weifelte, ob ſich das Publicum zahlreich genug zur Aufführung einfinden werde; die Meiſten indeß, die ſerſt neulich bei der Darſtellung der„Martinsgänſe“ von Hagemann und der„Theatraliſchen Abenteuer“ von Kranz das Haus förnlich geſtürmt hatten, witzelten über die Thorheit, wie ſie es nannten, daß überhaupt ſolch' ein langweiliges Stück einſtudirt werde.
—


