Vierte
zu ſchreiben. Wenn ich nun Ihren gütigen Brief leſe, der ſchon etliche Monate alt iſt, und Ihre Freundſchaft ſehe, und Ihre Sorge für einen Un⸗ würdigen, da erſchröcke ich vor mir ſelbſt, und em— pfinde erſt, was für eine traurige Veränderung in meinem Herzen vorgegangen ſeyn muß, daſſ ich ohne Freude dabey ſeyn kann, was mich ſonſt in den Himmel gehoben haben würde. Vezeihen Sie mir das! Kann man einem Unglücklichen verdenken daſſ er ſich nicht freun kann. Mein Elend hat mich auch gegen das Gute ſtumpf gemacht, was mir noch übrig bleibt. Mein Körper iſt wieder hergeſtellt, aber meine Seele iſt noch nicht geheilt, ich binn in einer ſtillen un⸗ thätigen Ruhe, aber das heiſſt nicht glücklich ſeyn. Und in dieſer Gelaſſenheit, iſt meine Einbildungs⸗ krafft ſo ſtille, daſſ ich mir auch keine Vorſtellung von dem machen kann, was mir ſonſt das liebſte iſt. Nur im Traum erſcheint mir manchmal mein Herz wie es iſt, nur ein Traum vermag mir die ſüſſen Bilder zurückzurufen, ſo zurückzurufen daſſ meine Empfindung lebendig wird, ich habe es Ihnen ſchon geſagt, dieſen Brief ſind Sie einem Traume ſchuldig. Ich habe Sie geſehen, ich war bey Ihnen, wie es war, das iſt zu ſonderbar als daſſ ich es Ihnen er⸗ zählen möchte. Alles mit einem Wort, Sie waren verheurahtet. Sollte das wahr ſeyn? Ich nahm Ihren lieben Brief, und es ſtimmt mit der Zeit überein; wenn es wahr iſt, o ſo möge das der Anfang Ihres lückes ſeyn.
Wenn ich uneigennützig darüber dencke, wie freut das mich, Sie, meine beſte Freundinn, Sie, noch vor jeder Andern, die Sie beneidete, die Sich mehr dünckte als Sie, in den Armen eines liebenswürdigen Gatten zu wiſſen, Sie vergnügt zu wiſſen, und befreyt von jeder Unbequemlichkeit, der ein lediger Stand, und beſonders Ihr lediger Stand ausgeſetzt war. Ich dancke meinem Traum daſſ er mir Ihr Glück recht lebhaft geſchildert hat, und das Glück Ihres Gatten, und ſeine Belohnung dafür daſſ er Sie glücklich ge— macht hat. Erhalten Sie mir ſeine Freundſchafft, dadurch daſſ Sie meine Freundinn bleiben, denn, auch biſſ auf die Freunde müſſen Sie jetzt alles gemein haben. Wenn ich meinem Traum glauben darf, ſo ſehen wir einander wieder, aber ich hoffe noch ſobald nicht, und was an mir liegt, will ich ſeine Erfüllung hinauszuſchieben ſuchen. Wenn anders ein Menſch etwas wider das Schickſaal unternehmen kann. Ehmals ſchrieb ich Ihnen etwas räthſelhafft, von dem was mit mir werden würde. jetzt läßt ſich's deutlicher ſagen, ich werde den Ort meines Aufenthalts verändern, und weiter von ihnen wegrücken. Nichts ſoll mich mehr an Leipzig erinnern, als etwa ein ungeſtümmer Traum,
Kolge. 50⁵ kein Freund der daher kömmt, kein Brief. Und doch mercke ich, daſſ mich es nichts helfen wird. Geduld,
Zeit und Entfernung, werden das thun, was ſonſt nichts zu thun vermag, ſie werden jeden unangenehmen Eindruck auslöſchen, und unſerer Freundſchafft, mit dem Vergnügen, das Leben wiedergeben, daſſ wir uns nach einer Reihe von Jahren, mit ganz andern Augen, aber mit eben dem Herzen wiederſehen werden. Biſſ dahin leben Sie wohl. Doch nicht ganz biſſ dahin. Binnen Einem viertel Jahre, ſollen Sie noch einen Brief von mir haben, der Ihnen den Ort meiner Beſtimmung, die Zeit meiner Abreiſe melden wird, und Ihnen das zum Ueberfluſſ noch einmal ſagen kann was ich Ihnen ſchon tauſendmal geſagt habe. Ich bitte Sie mir nicht mehr zu antworten, laſſen Sie mir's durch meinen Freund ſagen, wenn Sie noch was an mich haben ſollten. Es iſt das eine traurige Bitte, meine beſte, meine Einzige von Ihrem ganzen Ge⸗ ſchlechte, die ich nicht Freundinn nennen mag, denn das iſt ein nicht bedeudtender Tittul gegen das was ich fühle. Ich mag Ihre Hand nicht mehr ſehen, ſo wenig als ich Ihre Stimme hören mögte, es iſt mir leid genug daſſ meine Träume ſo geſchäfftig ſind. Sie ſollen noch Einen Brief haben; das will ich heilig halten, und von meinen Schulden will ich einen Theil abtragen, den andern müſſen Sie mir noch nachſehen. Dencken Sie, wir kämen ja aus aller Konnexion wenn ich dieſen letzten, Punckt noch richtig machte.
Das groſſe Buch das Sie verlangen ſollen Sie haben. Es freut mich daſſ Sie dieſes von mir ver⸗ langt haben, es iſt das herrlichſte Geſchenck das ich Ihnen geben könnte, ein Geſchenck das mein Andencken am längſten, und am würdigſten bey Ihnen erhalten wird.
Kein Hochzeit Gedicht kann ich Ihnen ſchicken, ich habe etliche für Sie gemacht, aber entweder, druckten Sie meine Empfindungen zu viel oder zu wenig aus. Und wie konnten Sie von mir zu einem freudigen Feſte ein würdiges Lied begehren. Seit— ja ſeit langer Zeit, ſind meine Lieder ſo verdrüſſlich, ſo übel geſtellt als mein Kopf, wie Sie an den mei⸗ ſten ſehen können, die ſchon gedruckt ſind, und an den übrigen auch ſehen werden, wenn ſie gedruckt werden ſollten.
Hagedornen und einige andere Bücher werde ich Ihnen ehſtens ſchicken, möchten Sie ein Gefallen an dieſem liebenwürdigen Dichter finden wie er es ver⸗ dient. Uebrigens empfelen Sie mich Ihrer lieben Mutter, dem nunmehr nicht mehr kleinen Bruder, der ohnezweifel ein ſtarcker Muſickus geworden ſein wird. Grüßen Sie mir alle lieben Freunde, und erneuern Sie mein Andencken, einigermaſſen um Sich her.


