Jahrgang 
27-52 (1867)
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D'rum ſoll mir heute ein Blümlein traut Der Bräutigam ſelber pflücken.

Ei, ſiehſt Du hold die Maiblumen blüh'n Dort oben am Felſenſteine?

Iſt Deine Liebe innig und wahr, Wohlan, ſo bringe mir eine!

Kühn ſtieg der Jüngling den Felſen hinan Was wagt' er nicht um den Engel? Schon hatt' er den höchſten Stein erreicht Und brach die Blume vom Stengel,

Da riß ſich der Stein vom Felſen los Gieb Acht, unglücklicher Knabe!

Ein Angſtruf ſcholl durch den grünen Wald Er lag im Wellengrabe.

Nun rang die Braut mit flatterndem Haar Die Hände in tauſend Schmerzen:

Das Waſſer rauſchte, das Waſſer ſchwoll Hoch über zwei todten Herzen.

Ihr Liebenden, leget mein treues Wort In's Käſtlein der guten Lehren:

1 ed n ſo recht innig und ſinnig liebt, rd ein Opfer begehren!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Goethe's Briefe an Leipziger Freunde. Herausgegeben von Otto Jahn. Leipzig, bei Breit⸗ kopf und Härtel. 1867. 8

Wie Sie bereits ſchon Vieles über Goethe's Leipziger Aufenthalt in der bisher vorhandenen Bi⸗ bliothek über das inſtructive, großartig breite und zu⸗ gleich ſo geiſtig vertiefte Leben dieſes Dichters ge⸗ leſen haben, ſo ſind Ihnen auch manche ſeiner hier mitgetheilten Briefe nicht unbekannt. Da nun ein⸗ mal dem Principe gehuldigt iſt, alle Beziehungen zur Außenwelt und alle ſeine mündlichen und ſchrift⸗

lichen Anſprachen an dieſelbe, ſoweit ſie ſich entdecken.

laſſen, bloszulegen und ihn in allen Geiſtes⸗ und Herzensverhältniſſen, gleichviel, ob ſie Schwächen oder Stärken des Charakters verrathen, zu beobachten, ſo kann man nur jedes Werk gutheißen, das auf den Bahnen dieſes literariſchen Grundſatzes der indivi⸗ duellen Enthüllung mit Fleiß und Umſicht und ohne peinliche Rückſichten gegen Todte oder gar Lebende weiter vordringt.

Novellen⸗Zeitung. 8

Um ſo mehr empfiehlt ſich dieſe Anerkennung bei einem Buche, welches, wie das vorliegende, mit der anerkannten Fähigkeit eines geprüften biographi⸗ ſchen Forſchers zuſammengeſtellt iſt, und außerdem über Goethe's eben zum Studententhum heranreifender, in der Weite ſeines angeſtammten Geiſteshorizontes taſtend umherſchwankender Jugend⸗ und Gemüthsent⸗ wickelung lichtgebend wirkt.

Goethe hatte ſein Leben hindurch die Herzens⸗ beruhigung, faſt alle ſeine Geliebten in die Hände eines geſchätzten Gatten ohne Reue von ihrer Seite

ſÜbergeben zu ſehen, oder er traf ſie ſchon wae an, ſ

wie Frau von Stein, die mit ſeinem Herzen ſpielte, ihn neben mancher geiſtigen Förderung phychiſch be⸗ unruhigte und ausſaugte und ihrer Liebe in meinen Augen ein anſpruchsvolles widerwärtiges Ende gab.

Das praktiſch zweckmäßige Uebergehen zu einem Andern erfuhr Goethe zu ſeiner anfänglichen Qual und ſpäteren Tröſtung ſchon in Leipzig an ſeiner eigentlich erſten Liebe, Käthchen, der gebildeten und anmuthigen Tochter des Weinhändlers Schönkopf, welche ſich mitten in dem noch von ſeiner Seite un⸗ gelöſten Verhältniſſe mit dem Doctor Kanne verhei⸗ rathete. Wir wollen von allen Briefen, welche er an die Leipziger Freunde ſchrieb, nur den einen mit⸗ theilen, den Käthchen von ihm aus Frankfurt, als er ſich am 12. December 1769, alſo in ſeinem zwan⸗ zigſten Jahre, über den ihr durch des liebenswürdigen, aber klug handelnden Mädchens zugefügten harten Schlag durch deren Verlobung ausſprach, erhielt. Dieſer pſychologiſch intereſſante Brief, ein Spiegel für ſein Empfinden bei ſpäteren ähnlichen Fällen, lauftet:

Meine liebe, meine theure Freundinn, Ein Traum

hat mich dieſe Nacht erinnert, daſſ ich Ihnen eine Antwort ſchuldig binn. Nicht als wenn ich es ſo ganz vergeſſen hätte, nicht, als wenn ich nie an Sie dächte, nein meine Freundinn jeder Tag ſagt mir was von Ihnen und von meinen, Schulden. Aber es iſt ſeltſam, und es iſt eine Empfindung die Sie vielleicht auch kennen werden, die Erinnerung an Ab⸗ weſende, wird durch die Zeit, nicht ausgelöſcht, aber doch verdeckt. Die Zerſtreuungen unſres Lebens, die Bekanntſchaft mit neuen Gegenſtänden, kurz jede Veränderung unſres Zuſtandes, thun unſrem Herzen das was Staub und Rauch einem Gemählde thun, ſie machen die feinen Züge ganz unkenntlich, daſſ man nicht weiſſ wie es zugeht. Tauſend Dinge er⸗ innern mich an Sie, ich ſehe tauſendmal Ihr Bild, aber ſo ſchwach, und offt mit ſo wenig Empfindung, als wenn ich an jemand fremdes gedächte, es fällt mir offt ein, daſſ ich Ihnen eine Antwort ſchuldig bin, ohne daſſ ich den geringſten Zug empfinde Ihnen