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einen ſpaniſchen Federhut und um die Schultern
einen feinen Kaſchemir; Chriſtel hat ein weißes Kleid an und ein beſcheidenes Blümchen im Haar. Stellen ſie den Sommer und den Frühling dar?—„Wo bleibt Ihr? Es hat zehn geſchlagen! Der Diener hat ſchon den Kopf aus der Thür geſteckt!“ So em⸗ pfängt man ſie, indem Fiſcher, der Wöhner(Regiſſeur), das Pförtchen öffnet und voranzugehen bittet.
Zehn, zwölf Stufen ſchreitet man empor, an einer Steinbank unter Roſenbüſchen vorüber— wenn dieſe Steinbank alte Geſchichten erzählen könnte! Aus dem ſchmalen, hohen Hauſe tritt da der Diener, er nickt gerade wie ſein Herr(das hat er ihm glücklich abge⸗ ſehen), er winkt mit einem Finger und führt die „Komödianten“ an der Küche vorüber in die kleine Stube, die nebſt der Küche das Erdgeſchoß bildet. Dann verſchwindet er, um nach einer Weile aber⸗ mals zu erſcheinen und zu winken, denn Excellenz haben den Eintritt„befohlen“(ſo verkündet er mit Nachdruck). 1
Die Treppe geht's hinauf und in das Wohn⸗ zimmer, woran rechts und links Cabinete ſtoßen. Für die Meiſten, die rundum blicken und dies oder jenes Ding betrachten, eine neue Welt; Corona und Chriſtel fühlen ſich hier heimiſch. Aus welchem Cabinet wird er kommen? Wird er ernſt oder heiter blicken? Die Herzen klopfen vor Erwartung. Jetzt
Novellen⸗ZJeitung.
— nein, das Geräuſch war unten im Hauſe, aber
jetzt— o jetzt....
Auf thut ſich die Thür des rechten Cabinets. Langſam, feierlich, die Hände auf dem Rücken, in weißer Cravate und grauem Ueberrock, aus dem das Jabot mit der Brillantnadel blickt, trit er ein. Ja, er ſchaut heiter drein! Er iſt ſo herablaſſend, ſo gütig, als ob er ein ganz gewöhnlicher Menſch wäre! Sogar faltet ſich ſeine Stirn nicht, als nun Genaſt eine Priſe nimmt, und was das ſagen will, das wiſſen ſeine„Leutchen“ am beſten. 5
Er deutet auf die Stühle um einen länglichen Tiſch in der Mitte des Zimmers. man zieht die Rollen hervor. an ſeiner Lippe. Noch ſchweigt er, aber jetzt räus⸗ pert er ſich und jetzt öffnet er den Mund....
Die Leſeprobe zu„König Johann“ begann. Goethe ſprach erſt einige einleitende Worte und ließ Streiflichter auf dieſe und jene der Perſonen fallen; dann gab er das Zeichen zum Anfang.
Aber kaum hatten die, welche die Titelrolle und die Rolle des Geſandten Chatillon laſen, ihre Stimme erhoben, als Goethe auch ſchon wieder Ein⸗ halt gebot. An jeder Sylbe hatte er zu mäkeln.
Dieſe müſſe reiner, jene vollſtändiger ausgeſprochen!
Man ſetzt ſich, Alle Augen hangen
über ihre Lippen, denn ja erſt im zweiten Aufzug
werden; man dürfe hier nicht b mit w verwechſeln, dort müßten p und b, t und d merklicher unter⸗ ſchieden werden. Wie da die Schauſpieler die Augen aufriſſen! Zwar waren ſie ſchon gewohnt, oft ge⸗ ſcholten und verbeſſert zu werden, aber eine Sorg⸗ falt wie diesmal war doch noch nicht dageweſen. „Noch einmal! Leiſer! Lauter! Von vorn anfangen! Man ſage xerborgten«, aber nicht erborgt'n⸗ Ma⸗ jeſtät!— u. ſ. w.“— Dieſe Rufe nahmen gar kein Ende und die Gequälten geſtanden ſich, daß man, wenn das ſo weiter ginge, vor Abend nicht werde fertig werden.
Allmälig kam jedoch ein wenig mehr Fluß hinein. Goethe mochte ſich ſagen, daß manche Verbeſſerung, um die des Nachdenkens noch ungewohnten Kräfte nicht zu ermüden, auf die nächſte Probe zu ſchieben ſei. Darum ließ er nun ſo manche folgende Sünde unberückſichtigt.— 4
Sein herbſter Tadel hatte indeß die Malkolmis, Amors, den Demmer, Fiſcher und Einer getroffen; weit weniger hatten Genaſt, Becker und Andere unter ſeiner Strenge zu leiden gehabt; Corona, welche die Lady Faulconbridge las, hatte er nur hin und wieder einen bewundernden Blick zugeworfen. Und Chriſtel Neumann? Seht nur hin, wie ſie da⸗ ſitzt, die großen, tiefen, brennenden Augen auf den Herrn und Meiſter gerichtet, während die Rechte mit dem Blümchen im Haar ſpielt. Noch kam kein Laut
tritt Herzog Arthur in die Scene. O wie ihr Herz⸗ chen hämmert! Was Goethe ſagen wird! Seit Wochen-„
„ iſt ſie Abend für Abend zu ihm hinausgegangen, und da hat er ſie in dieſer Rolle unterrichtet, er ganz allein; diesmal hatte Corona ihre Mitwirkung ver⸗ 7
weigert.
Eine Pauſe trat ein; wie nach überſtandenem Gewitter ſeufzten die„Leutchen“ auf. Dann ertönte das Commando:„Zweiter Aufzug!“ Die Leſer Louis' und Arthur's ergriffen das Wort. Mit keinem Laute unterbrach Goethe, obgleich der Erzherzog und Louis theils den ſingenden ſächſiſchen, theils den ſylbenver⸗ ſchluckenden öſterreichiſchen Dialekt hören ließen. „Er hat nichts zu tadeln,“ flüſterte man ſich da zu. „Weiter,“ trieb er,„weiter,“ und als dann Chriſtel die Scene mit Hubert las— jene Scene, welche ſeitdem 4 mit unauslöſchlicher Schrift in die Annalen der 1 Weimarer Theatergeſchichte eingetragen iſt, da ſog er Sylbe für Sylbe ein, wie man etwa, plötzlich in einen Roſengarten tretend, begierig den berauſchenden Duft
4
einathmet, nachdem man eine Weile auf dürrem Felde 1
umhergeſchlendert iſt.
„Noch einmal,“ rief er.„Aha,“ dachten nun
Einig et je
noch Händ ging er d zerſch eupor eilen Slirn. Ein heſich ſeinen Stim iu'’s
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