Vierte
„Verlorne Menſchen! Verlorne Menſchen!“ ſchrie Blumenthal, und wieder beſchattete eine Puderwolke ſein Geſicht.„Komödianten ſind Geſindel, nicht um ein Haar beſſer! Und mit dieſem Auswurf verkehren Söhne rechtſchaffener Eltern! Hochwürden, das muß, das muß anders werden!“
Aber jetzt ſtimmte Herder einen weit milderen Ton an, denn über Schauſpieler beſaß er ſelbſtver⸗ ſtändlich ganz andere Anſichten. Dies ſuchte er Herrn Blumenthal auch begreiflich zu machen, doch da dieſer hartnäckiger bei ſeiner Meinung verharrte, brach er davon ab und ging wieder zu ſeinem Lieblingsthema über. Und hatte er nicht recht? Durch die trübe Brille, die er ſonſt faſt bei allen Gelegenheiten auf die Naſe drückte, ſah er in dieſer Angelegenheit ge⸗ wiß nicht. Die Schüler lernten im Verkehr mit Schauſpielern früh die Schattenſeiten des Lebens kennen, ſie thaten Blicke in Verhältniſſe und Cabalen, die ihnen nicht frommen konnten. Und ohne Zweifel mußten ſich der Herzog und Goethe das gleichfalls geſtehen; doch was die hohen Freunde einmal nicht wiſſen wollten, das freilich wußten ſie auch nicht.
Der Baron ſpielte mit ſeinen Handſchuhknöpfen.
Dann erhob auch er ſich und verſicherte, daß ſein Hans niemals wieder weder auf einer Probe, noch zu einer Aufführung erſcheinen werde. Herder nickte zu jedem dieſer Worte und rief endlich aus:„Möchten doch alle Väter ſo denken! O, dann wäre mir ein Schmerz erſpart, der gleich einem Wurm an meinem Herzen nagt!“ —,SHochwürden,“ verſetzte Jener, die Miene eines Protectors annehmend,„ich bin der Mann, der Ihnen helfen kann, und ich werde Ihnen helfen. Ich kam deshalb auch her. Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Papier und Feder. Schreiben Sie jetzt noch einmal an Sereniſſimus, aber ſchärfer und nachdrücklicher. Unter Ihren Namen werde ich dann den meinen ſetzen und dann— ei, Sie werden ja ſehen!“
Herder's Geſicht hatte etwas von einem ungläu⸗ bigen Thomas. Den Kopf ſenkend, die Arme kreu⸗ zend, ſchritt er ein paarmal durch die Stube, um plötzlich mit fragenden Zügen wieder ſtehen zu bleiben. „Und wenn die Antwort abermals ablehnend lautet?“ 1 Da warf ſich Blumenthal in die Bruſt, auf ſeiner Weſte zitterten die rieſigen Berloquen.„Wiſſen der Herr Generalſuperintendent,“ ſprach er langſam und feierlich,„daß man bei Hofe auf mich ſtolz iſt, daß man die ſehr richtige Meinung hegt, die preußiſchen von Blumenthals würden durch ihren hieſigen Aufenthalt ein beſonders freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen den Höfen von Berlin und Weimar herſtellen?“
Folge. 501
„Ah!“ rief Herder, ſich leicht verneigend.
„Alſo nehmen Sie Platz.— Oder beſſer, Sie ſenden mir das Schreiben zur Unterſchrift in meine Wohnung. Bon.— Die Antwort von Sr. Durch⸗ laucht dürfen wir morgen erwarten, und dann werden Sie hören, daß auf höchſten Befehl kein Gymnaſiaſt mehr die Bühne betreten darf. Au revoir!“
Drei Finger reichte er hin; Herder begleitete ihn bis vor die Thüre.„Au revoir.“—„Meine Empfehlung an Fräulein Cornelia“.
Am Nachmittag trug der Diener des Barons einen dicken, breitgefalzten, mit einem großen Siegel verſehenen Brief auf's Schloß...
Zwei Tage darauf erhielt Herder ein im Auf⸗ trag Karl Auguſt's von Goethe abgefaßtes Schreiben, in dem es hieß:„Das Theater iſt ohne Mitwirkung des Schulchors nicht im Stande, die Aufführung be⸗ ſonders der Oper zu leiſten; um jedoch die vorge⸗ kommenen Hinderniſſe des Schulbeſuchs zu beſeitigen, hat man von Seiten des Theaters gegenwärtig ſchon die Einrichtung getroffen, daß die Proben von 11—12 und Abends von 4 Uhr an gehalten werden.“
Herder las und zuckte die Achſeln und ärgerte ſich, daß er zu wiederholter Beſchwerde ſich hatte verleiten laſſen...
Von Stunde zu Stunde wartete Herr von Blumenthal auf Antwort aus dem herzoglichen Cabi⸗ net. Er empfing gar keine.
„Uebermüthig ſieht's nicht aus Dieſes ſtille Gartenhaus;
Allen, die darin verkehrt,
Ward ein guter Muth beſcheert.“
Einer nach dem Andern ſchreitet über die Brücke, den Wieſenpfad hinunter und bis zur Hecke, die Goethe's Garten und Haus von der Fahrſtraße trennt.
Zwei Pförtchen, ſchlicht aus Latten gezimmert, unterbrechen dieſe Hecke. Vor dem einen bleiben die Angekommenen ſtehen. Niemand wagt ſich in das Heiligthum, eher in das Haus, als bis Corona Schröter oder Chriſtel Neumann eingetroffen ſind. Mann ſpricht ganz leiſe, wie im Vorzimmer eines Herrſchers, man langt die Rollen aus der Taſche und fragt ſich gegenſeitig eben ſo leiſe um Rath, mit welchem Ausdruck wohl dieſe oder jene Stelle zu leſen ſei. Zehn ſchlägt's da auf dem Schloßthurm. Wo bleiben die Erſehnten? Die Verſammelten werden unruhig, denn Excellenz liebt die Pünctlichkeit.
Da erſcheinen ſie auf der Brücke, fliegenden Schrittes, Arm in Arm kommen ſie näher. Beide
ſind feſtlich gekleidet: Corona trägt ein Atlaskleid,


