* wär' ich ja ein totaler—— Halt, ward nicht draußen
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Rechten über die Stellen ſeines Geſichts, wo ein Bärtchen hätte ſitzen können.„Aber Papa,“ rief er dann,„ich ſagte ja ſchon, daß ich hier vergehen würde, wenn kein Theater wäre. Das iſt das einzige Amü⸗ ſante in dieſem Neſt, die Welt der Couliſſen läßt das ewige Einerlei außer ihr vergeſſen— o, Goethe wird nun auch einen Anlauf nehmen, uns mit einem Meiſterwerke Shakeſpeare's beſchenken. Eben erſt hat er uns ſeinen Entſchluß mitgetheilt.“
„uns? Uns?“ Der Baron legte die Hand auf den Tua, dn dem er ſtand, und der zornige Zug um ſeinen Mund war einem geſpannten Ausdruck ge⸗ wichen.„Uns?“ wiederholte er noch einmal und wieder hob und ſenkte ſich die Hand.„Ich denke, Du warſt bis jetzt auf Deinem Zimmer und mit Arbeiten beſchäftigt, ich denke doch, Du übſt Dich Abends in der lateiniſchen Sprache, worin Du noch ſo ſehr ſchwach biſt, wie mir Herr Profeſſor Böttiger geſagt hat?!“
„Ha, ha, ha!“ lachte da Hans auf, mit ſeinen ſtählernen Schuhſchnallen liebäugelnd.„Der General⸗ ſchwätzer Böttiger, wie ihn Goethe einmal genannt hat, möchte wohl einen Gelehrten aus mir machen? Quelle
bétise! Sagen Sie ſelbſt, Papa, brauche ich mich bei unſerm Reichthum ernſtlich mit ſolchen Dingen zu befaſſen? Das iſt für die Bürgerlichen. Wie ein Einſiedler Abends auf meinem Zimmer ſitzen? Ei, da
gepfiffen? Richtig, Cäſar von Bork pfeift ſchon wieder. Adieu, cher papa! Er holt mich ab, wir wollen nachſehen, ob das kleine, liebe, ſüße, ſanfte Rudelchen noch, Licht hat. Ich wünſche Ihnen angenehnſte Träume. Bon soir!“
Sprachlos ſtand der Baron. Bevor er noch Worte finden und den Sohn zurückrufen konnte, war der bereits verſchwunden. Beide Hände preßte er gegen die Stirn, ein Zittern befiel ſeine Geſtalt, mit einem ſchweren Seufzer ſank er in den nächſten Stuhl. Da pochte die Reue an ſein Herz und er rief aus: „Dahin iſt es nun mit deiner allzu großen Nachſicht gekommen! Statt die Zügel ſtraff zu halten, haſt du ſie gänzlich fallen laſſen— da haſt du die Frucht deiner verkehrten Zärtlichkeit!— Aber das muß, das muß anders werden! Er erhob ſich wieder und, die Arme über die Bruſt kreuzend, ein paar Gänge durch das Zimmer machend, fuhr er fort:
„Ich will mich freuen, daß ich die Stadt nicht verlaſſen habe. Und wäre es die beſte Penſion, ſo wird Hans doch nicht beaufſichtigt, wie ich ihn fortan beaufſichtigen werde. Wer mag nur das kleine, liebe Rudelchen ſein? Graf Wedel's Tochter heißt Thereſe,
Novellen⸗
von Alvensleben’s Tochter heißt Helmine und die
Zeitung.
Töchter des Freiherrn Brinkenſtein heißen Ada und Julie, wie ich glaube.“— Er ſann noch länger nach, plötzlich aber knipste er mit den Fingern und rief ein:„Halt! Der Junge ſchwatzte ja dreimal in einem Athemzuge vom Theater! Mon Dieu, das Ru⸗ delchen iſt jedenfalls eine— Schauſpielerin, die ihn wie eine giftige Spinne in ihr Netz gezogen hat, die mit der einen Hand ſeine Backe klopft und mit der anderen ſeinen Geldbeutel leert— o, o!“ Im höchſten Zorn ſtieß er den Fuß auf den Boden.„Welch' ein Glück, daß ich in Weimar geblieben bin!“ Die Uhr auf dem Camin hob aus. Da griff er nach dem zierlichen ſilbernen Hammer und ſchlug dreimal gegen eine, nahe der Thür an einem ſeidenen Fädchen ſchwe⸗ bende Glocke. Der Diener erſchien und leuchtete ihm nach dem Schlafgemache vor. Er ward entkleidet;
bevor der Diener wieder ging, ſchloß er noch ſorgſam
die blendenden Gardinen des Himmelbetts. Doch der Baron konnte lange nicht ſchlafen, und als ſich der Schlummer endlich ſeiner erbarmt, träumte ihn von dem„kleinen, lieben, ſüßen, ſanften Rudelchen“. Aber im Traum ſah ſie nicht wie eine giftige Spinne aus — nein, ſie klopfte Hans nicht auf die Backe, ſie ſtieß ihn von ſich und ſank dann in die Arme eines Majors; und darüber freute ſich der Baron ſehr. Plötzlich wachte er wieder auf. Donnernd ward da die Haus⸗ thür in's Schloß geworfen und auf der Flur ein Liedchen geträllert...—
Den Bemühungen der Herzogin Mutter hatte es der Baron zu danken, daß er damals die Reſidenz
nicht verlaſſen hatte. Anna Amalia ſah ſofort ein, †
daß mit ihm nichts anzufangen ſei, und deshalb ſprach ſie beim Abſchied den Wunſch aus, Cornelia am nächſten Tage zu empfangen, um vielleicht mit ihr nach Tiefurt hinausfahren zu können. Dieſe Spazierfahrt fand wirklich ſtatt. Schwer ward es ihr nicht, das Fräulein davon zu überzeugen, daß in Weimar ſehr wohl für ihren Oheim wie für ihren Bruder Platz ſei, denn Cornelia hätte ja die eigene Mutter kaum inniger lieben können, als wie ſie die Herzogin Mutter liebte.
Weit ſchwerer war der Baron zu bewegen geweſen, das Packen der Koffer zu unterlaſſen. Schon hatte er zu dieſem Zwecke den größten Theil der Garderobe in ein beſonderes Zimmer tragen laſſen; aber Corne⸗ lia bat ſo lange und ſo innig, bis er endlich den Befehl gab, jedes Stück wieder an den alten Platz zu bringen. Man könne ſich ja vermeiden, die gnä⸗ digſten Herrſchaften würden ſich ſehr freuen, wenn die Flucht nach dem Gut unterbleibe— genug, Cor⸗
nelia brachte ſo Vieles vor, was dem ſtolzen und
eiteln Oheim ſchmeicheln mußte. Worte, wie:„Den Träger eines alten Adels recht oft empfangen zu
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