mordet.“
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„In der That von Eichenholz, und zwar von dem ſchönſten Eichenholz, das je gewachſen iſt. Nun, dieſes Eichenholz würde allein ſchon einen hohen Werth haben, ganz abgeſehen von der Bequemlichkeit, den die Auszüge darbieten. Ich bezahlte dafür ein hübſches Geld bei der Verſteigerung des Nachlaſſes des Herrn Diedrich, der vor zehn Tagen geſtorben iſt; es ſoll ſeit 200 Jahren in ſeiner Familie geweſen ſein, wie man mir erzählt hat; es iſt ein ſchönes Möbel und ſechs Dollar iſt ein Lumpengeld dafür.“
„Ich verſtehe mich nicht auf den Werth ſolcher Dinge, ſagte der Käufer,„aber ich habe eine Tante in der Stadt, welche gerade ein ſolches Schränkchen hraucht. Ich wünſche ihr damit ein Geſchenk zu machen und will es jetzt bezahlen, aber unter der Bedingung, daß Sie, wenn es ihr nicht ge⸗ fällt, es morgen früh zurücknehmen und mir dann einen anderen Artikel dafür geben.“
„Ganz gut— das iſt ganz ſchön, aber wie kann ich es dieſe Nacht ſchicken?“
„Ja, das muß gerade eine Bedingung unſeres Geſchäfts ſein,“ erwiderte der willkommene Kunde, während er ſein Geld dem Herrn Benſon in die Hand zählte,„und Sie müſſen mir auch eine Quittung für das Schränkchen mit ſeinem ganzen Inhalt geben, den zuweilen finden ſich Reichthümer an ſehr ſeltenen Stellen,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.„Ich habe von Stuhlſitzen gehört, die mit Banknoten ausgeſtopft waren.“
„Dieſer Gefahr will ich mich ausſetzen,“ ſagte der Trödler, während er die Quittung ſchrieb,„und was die Beſorgung deſſelben betrifft, es iſt nicht ſchwer, ſo werde ich dieſelbe übernehmen. Wie heißt die Adreſſe?“
„Miſtriß Truman, Nr. 2. Tarrytown Lane,“ ant⸗ wortete der junge Mann,„es iſt kein eleganter Theil der Stadt, aber der Arme muß doch irgendwo wohnen.“
„Es iſt eine ſehr dunkle Gaſſe,“ ſagte der Möbel⸗ händler.„Könnten Sie nicht bis morgen früh warten? Vor zwanzig Jahren wurde dort ein Mann beraubt und er⸗
„O, ſeitdem hat ſich das Alles verbeſſert,“ ſagte der junge Mann lachend,„außerdem iſt ein ſolches Schränkchen, trotzdem daß es von geſundem Eichenholz iſt und ſo lange im Beſitz der Familie Diedrich war, keine große Verſuchung für einen Dieb.“
Herr Benſon blickte zuerſt zweifelhaft auf ſeinen Be⸗ ſuch; aber er ſah nichts weiter, als das ſchöne, aufrichtige Geſicht eines jungen Mannes von 22 Jahren und allmälig überzeugte er ſich, daß er von ihm nichts zu befürchten habe. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, den Käufer einzu⸗ laden, ein Glas Wachholderbranntwein und Waſſer mit ihm zu trinken; aber er verſchwand eben ſo ſchnell wie andere gute Entſchlüſſe.
„Wenn Sie vor mir bei meiner Tante ankommen,“ ſagte der junge Mann,„ſo ſagen Sie ihr, daß ihr Neffe ihr das Schränkchen ſende; aber ich hoffe, zeitig genug dort zu ſein, um Sie zu empfangen.“
Mit dieſen Worten wickelte er ſich in ſein roßhaarenes Tuch ein und ging fort. Herr Benſon blickte ſich ganz ver⸗ gnügt um. Enhhatte ſeinen Tag gut beſchloſſen, indem er ein nutzloſes Möbel zu einem hohen Preiſe verkauft hatte. „Dieſer junge Mann muß ſeine Tante ſehr lieb haben,“ ſagte er,„und wenn ſie ſich nicht beſſer auf die Beurtheilung von Möbeln verſteht, als er, ſo möchte ich wohl wünſchen, daß ſie hierher käme und mehr in meinem Laden kaufte.“ Er ſah ſich um, um ſich zu überzeugen, daß weder von
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Novellen⸗Jeitung.
der Lampe, noch von der Kerze irgend eine Gefahr zu
befürchten ſei, dann nahm er das Schränkchen auf ſeine Schulter, verſchloß ſeine Thür und ging dann ſchnell nach der ihm bezeichneten Gaſſe. Als er an Nr. 2 ankam, klopfte er, erhielt aber für einige Zeit keine Antwort.
„Ei, das iſt ja das Haus, das ſo lange Zeit leer ge⸗ ſtanden hat! Ich wußte gar nicht, daß ſich wieder ein Miether dazu gefunden hat. Wo mögen ſie ihre Möbel ge⸗ nommen haben?“
Ein zweites, ſtärkeres Klopfen erzeugte im Innern des Hauſes eine Bewegung; in dem Hausgange ließ ſich ein Schritt hören und eine alte Dame öffnete die Hausthür. Sie ſchien über den ſpäten Beſuch ganz verwundert.
„Ich war eben im Begriff, zu Bette zu gehen,“ ſagte ſie,„und ſaß nur ſo lange auf, um meinen Neffen herein zu laſſen, der länger ausbleibt, als er geſagt hat.“
„Er wird ſogleich hier ſein,“ erwiderte Herr Benſon, „einſtweilen macht er Ihnen ein Geſchenk mit dieſem ſchönen Möbel. Er hat es bezahlt— ausgenommen das Träger⸗ lohn— und es iſt kein Spaß, in einer Nacht, wie dieſe, ſo ſolides Eichenholz zu tragen.“.
„Wenn mein Neffe hier wäre,“ ſagte die alte Dame, „ſo würde ich Sie bitten, in mein Zimmer zu treten; aber ich bin eine alleinſtehende Frau und daher würde es unſchicklich ſein;— hier ſind ſechs Pence für Ihren Weg und ich bin meinem lieben Neffen ſehr verbunden. Er iſt immer ſo aufmerkſam für ſeine arme alte Tante.“
„Erlauben Sie, Madame, ſind Sie ſchon lange in dieſer Wohnung?“ fragte Herr Benſon, und darf ich Sie fragen, woher Sie Ihre Möbel bezogen haben?“
„Mein Neffe miethete das Haus vor drei Tagen für für mich. Einige meiner Möbel kamen mit dem Boote von Newyork und der Reſt derſelben wird— wie wigthoffen— in zwei bis drei Tagen eintreffen.“
„Im Fall Sie noch Einiges brauchen ſollten, ſo finden Sie daſſelbe in meinem Laden von der beſten Qualität und zu den niedrigſten Preiſen,“ ſagte Herr Benſon, welcher den Sixpence der armen Frau in ſeine Taſche ſteckte und den Rückweg antrat.„Das iſt mir gar nicht recht,“ ſagte er, als er in High Stret hinauflief.„Es iſt etwas Sonderbares mit dieſer armen Frau. Weshalb gab Sie mir die zwölf Cents, da ſie ſo armſelig ausſah? Und weshalb hatte ſie eine ſo große Freude, als ſie das Schränkchen in ihrem Be⸗ ſitz ſah? Es thut mir leid, daß ich es zu ſechs Dollar Weg⸗ gegeben habe. Der junge Narr würde eben ſo gut das Doppelte dafür bezahlt haben; aber ich bin immer ſo weichherzig. Ich werde nie reich werden; aber wozu wäre das auch. Reichthum iſt keine Glückſeligkeit, Amen!“
Er löſchte die flackernde Lampe am Eingange ſeines Ladens aus, verſchloß die Thür deſſelben von innen, zog dann aus einem geheimen Auszuge eine Flaſche Wachholder⸗ branntwein, ging dann an den Keſſel, in welchem kochendes
Waſſer war und bereitete ſich einen großen Becher voll
Grog, den er mit der befriedigenden Miene eines Mannes an ſeine Lippen führte, welcher fühlte, daß er nach den An⸗ ſtrengungen eines gut benutzten Tages einige Erholung und einen Genuß der Art wohl verdient habe.
wie ein oſtindiſches Götzenbild, den Wohlgeruch ſeines Grogs und ſeines Tabaks einſchlürfend, indem er lächelnd zuſah, wie die Rauchwolken ſich erhoben, während er von Zeit zu Zeit einen Zug von dem vor ihm ſtehenden Getränk ſchlürfte. Die Uhren, welche entweder bei ihm verſetzt oder
Eine Pfeife Tabak fügte bald ihren Wohlgeruch hinzu und er ſaß da,
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