Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

zu ſeinem Vergnügen, aber bald verliebte er ſich ernſtlich in

ſie, wenigſtens ſo, wie ſich eine ſolche Natur wie er verlieben

konnte. Leider! wurde die arme Bettina von den feinen

Sitten des jungen Herrn aus der Stadt beſtochen und

ſie ſchenkte ihm bald ihr ganzes Herz, deſſen er gar nicht

würdig war. Sie wurden wirklich heimlich miteinander

getraut und als endlich Diedrich davon unterichtet wurde,

wie das gar nicht ausbleiben konnte, wurde er ſo erzürnt,

daß er ſeine Tochter aus dem Hauſe jagte und von der

Zeit an durfte ihr Name in ſeiner Gegenwart gar nicht

wieder erwähnt werden. Eine alte, unverheirathete Schweſter

kam nun zu ihrem Bruder und führte deſſen Haushaltung.

Georg Evans fühlte den in Bettina erlittenen Verluſt

anfangs ſehr tief, doch ldie Zeit milderte allmälig ſeinen

Kummer und er widmete ſich dem Theater, für das er immer

eine große Vorliebe gehabt hatte, um ſich als Schauſpieler

ſein Brod zu erwerben, und er ſtrengte ſich an, recht tüchtig

in ſeinem Fache zu werden. Indeſſen hatte er nie den Ent⸗

1 ſchluß aufgegeben, jene 2000 Dollar, welche ſein Vater

ſeinem Freund Benſon geliehen hatte, von dieſem Manne wieder zu erlangen.

Das ſtille Städtchen Sleepy Hollow ſtand eben im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben; einige Oellampen zu jener Zeit wußte man noch nichts vom Gas hatten ſich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, nachdem ſie ihren Gefährten in einer geheimnißvollen Art gewinkt hatten, ihr

Beiſpiel zu befolgen; die Läden in der einzigen Straße natürlich High Street(Hochſtraße) genannt waren be⸗ reits größtentheils geſchloſſen; der Regen fiel in Strömen

nach allen Richtungen, als wenn ſie mit dem Winde eine dämoniſche Polka aufführen wollten; es war eine erbärmliche naſſe Nacht und auf der Straße kein Menſch mehr zu ſehen. Drei Polizeidiener hatten ſich nach dem Polizeilocal zurück⸗ gezogen; die Diebe, wenn es deren dort welche gab, fürch⸗ teten, ſich eine Erkältung zuzuziehen; der Arzt war eben von

einem Krankenbeſuch auf dem Lande zurückgekehrt und führte ſein Pferd in den Stall hinter ſeinem Hauſe; die Kellner ¹ in dem großen von Holz gebauten Hötel waren ſehr thätig

beſchäftigt, die Ueberbleibſel des Abendeſſens aufzuräumen; und weit entfernt von dem Geſellſchaftsſaale, in einem nie⸗ drigen, kleinen Schlafzimmer, das ihm gleichzeitig zum Em⸗ pfangzimmer diente, ſtand ein junger Mann, der ſeine Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt hatte und blickte in eine Kiſte, die er eben geöffnet hatte. pEin Schatz in einem alten Möbel, ſagte er,aus ddeen ſich indeſſen etwas wird machen laſſen. Ja, aus dieſer kleinen Kiſte mögen ſich Gewalten erwecken laſſen, eben ſo furchtbar wie die Geiſter in den Arabiſchen Nächten Reichthum, Glück, Rache und das iſt das Beſte von Allem! Es war nichts ſichtbar, was zu dieſen glänzenden Er⸗ wartungen zu berechtigen ſchien. Der Inhalt der Kiſte

herab; die Windſchirme auf den Schornſteinen drehten ſich!

Jolge. 491 der Hausflur des Hötels ſchlagen hörte.Jetzt muß ich eilen, oder der alte Schurke wird ſeinen Laden geſchloſſen haben.

Er knöpfte ſeinen Rock zu, warf ein Tuch von Pferde⸗ haar über ſeine Schulter und trat in die dunkle Straße.

Ich ſah es, ſagte er,an der Ecke der Treppe. Wenn der Schurke es nicht fortgeſchafft hat, wird Alles gut gehen. Wenn das aber der Fall ſein ſollte, wie kann ich es beſchrei⸗ ben, ohne Verdacht zu erregen?

Ein Laden war in der Querſtraße am Ende der Haupt⸗ ſtraße offen. Eine große Lampe brannte noch hell vor der Thür, darunter und durch eine Art von Veranda geſchützt, die bis in die Straße hineinreichte, ſtand ein Ladentiſch, an deſſen oberem Ende zwei Stühle ſtanden; auf denſelben ſtanden verſchiedene Artikel von Steingut zur Benutzung und zur Zierde, ein kleiner Spiegel, an dem mit Kreide der Preisein halber Dollar angegeben war; zwiſchen den Stühlen war ein Haufen alter Bücher und Nummern von Zeitſchriften. Innerhalb des dunkeln Raumes, wo an beiden Seiten eines engen Ganges alte Möbel aufgeſtellt waren, ſaß ein Mann mit einer Feder hinter ſeinem Ohr; auf dem

Pulte vor ihm lag ein Hauptbuch, worin er vielleicht mit Hülfe einer dünnen Talgkerze, die in eine Tinteflaſche ge⸗ ſteckt war, hätte leſen können, wäre er dazu geneigt geweſen,

aber ſeine Studien lagen in einer andern Richtung. Er war in tiefe Gedanken verſunken.

Nach Allem, ſagte er,was hat es mir genützt? Es i*ſt keine große Summe, nur zweitauſend Dollar. Dennoch hat ſie Georg Evans zu Grunde gerichtet, begann er wieder. Sein Vater hätte ſeine Papiere beſſer in Acht nehmen ſollen. Wenn er einfältig genug war, mir ſein Geld zu leihen und er verlor meinen Schuldſchein, was geht es dann mich an, wenn ſein Sohn Alles verlieren muß? Habe ich das Geſetz gemacht? Wenn ſie mir meinen Schuldſchein ge⸗ bracht hätten, würde das Geld dann nicht bezahlt ſein? Der

V junge Mann hat es aufgegeben, mich mit ſeinen Briefen zu beläſtigen. Ich hoffe, niemals wieder etwas von ihm zu hören; überdies ſchützt mich das Geſetz über die Zeitbeſchrän⸗

kung und das ganze Geld würde auch jetzt bereits verſchwen⸗ det ſein, denn ich höre, er iſt ein verworfener Menſch ge⸗ worden und iſt auf die Bühne gegangen. Das iſt eine gotkloſe Welt und die Theater ſind Schulen des Satans,

Amen.

Dieſer Ausruf wurde laut ausgeſprochen und wurde von dem Manne, der ihn ausſprach dem würdigen Herrn Benſon, Pfandverleiher und Trödler alten Hausgeräths u. ſ. w. als die Bekräftigung und das Siegelaller religiöſen Bemerkungen betrachtet. Sein Selbſtgeſpräch war von dem jungen Manne, der ſich in ein Tuch von Pferdehaar einge⸗ wickelt hatte, gehört worden.

Ich bin erfreut, Sir, daß Sie Ihren Laden noch nicht

V verſchloſſen haben, ſagte er, indem er in dem engen Gange bis an's Ende des Zimmers ging.Ich wollte gern mit

ſchien ganz gewöhnlicher Art nichts weiter, als Kleidungs⸗ Ihnen ein kleines Geſchäft machen. ſtücke zu ſein; nicht viele, eben ſo wenig von koſtbaremEine Uhr? ſagte der Pfandverleiher, welcher einen Material⸗ es befanden ſich aber darunter Sachen, die offen⸗ kleinen Auszug in ſeinem Pulte öffnete, worin eine Zahl bar dem ſchönen Geſchlechte angehört hatten alte Hauben, viereckiger Zettel von ſchmutzigem Papier lag.

abgenutzte Shawls, verſchoſſene baumwollene Kleider. DerNein,, zufälliger Weiſe habe ich gar keine Uhr, ent⸗ arme Schelm! Vielleicht wollte er einer alten Tante Ge⸗ gegnete der junge Mann.Ich komme, um etwas zu kaufen. ſchenke machen. Sie konnten dann keineswegs koſtſpielig ſein; Als ich heute vor dem Laden vorüberging. ſah ich ein Möbel, aber die freundliche Erinnerung konnte ihnen in den Augen wie ich eins brauche; ein kleines Schränkchen mit Auszügen dder Tante Werth verleihen. darin, ich glaube, es war von Eichenholz. Ach, vort iſt es,

Horch! Zehn Uhr! ſagte er, indem er die Uhr in gerade unter der Treppe!