476
er zu mir ſagte: ⸗Leben Sie dem Vergnügen und ſpäter werde ich etwas für Sie thun.“ Dieſen Rath befolgte ich ſo angelegentlich, daß die Zeit mir ſchnell verſtrich, gleichzeitig aber auch mein ganzes Geld, bis ich mich zuletzt ganz ohne weitere Exiſtenzmittel befand. Nun beſchloß ich, nach Amerika zu gehen und ſicherte mir für die Ueberfahrt eine Cajüte am Bord eines Segelſchiffes, das aus der Themſe abſegeln wollte, und mit einiger Schwierigkeit war es mir gelungen, die dazu erforderlichen vierzig Pfd. Sterling herbeizuſchaffen. Eine Woche vor der Abfahrt des Schiffes wurde ich krank, was mich zwang, den Gedanken, nach Amerika zu gehen, aufzugeben, und was noch ſchlimmer war, die 40 Pfd. St. waren verloren. Wäßhrend dieſer Krankheit erfuhr ich die Tiefe der engliſchen Gaſtfreundſchaft und wurde von Denen, mit welchen bekannt zu werden ich das Glück gehabt hatte, wie ein Bruder behandelt. Man drang in mich, nach Paris zu gehen und die dortigen Aerzte zu Rathe zu ziehen und einer meiner engliſchen Freunde nahm mich in ſeiner Reiſe⸗ Equipage mit dorthin. In Paris verbeſſerte ſich meine Geſundheit und ich machte die Bekanntſchaft des Marquis Aguado, welcher damals Director zweier Theater war: der Opéra und des Théatre des Italiens. Ich wurde auch ſehr genau mit dem Prinzen Belgiojoſo bekannt, mit dem ich öfter en amateur Duette ſang. Meine finanziellen Ver⸗ hältniſſe wurden indeſſen ſo zerrüttet, daß ich den Prinzen damit bekannt machte, welcher in mich drang, mich ganz zum Sänger auszubilden. Dieſer Vorſchlag war mir anfangs höchſt zuwider. Mein Augenmerk war früher auf eine ganz andere Laufbahn gerichtet geweſen, als die eines Künſtlers, die ich damals für unmännlich und meinem Geſchmack zuwider hielt. Der Prinz aber wollte von meinen Einwürfen nichts hören und gab mir die Verſicherung, daß er trotz ſeiner ſocialen Stellung ſelbſt auf die Bühne gehen würde, wenn nicht Familienrückſichten ihm das verböten. Er ſprach mit dem Marquis Aguado über dieſen Gegenſtand und erlangte für mich ein Engagement auf drei Jahre. Für das erſte Jahr, das ich blos Geſangſtudien widmen ſollte, erhielt ich 14,000 Frcs., für das zweite 32,000, für das dritte 45,000 Frcs. Für die erſten ſechs Monate wurde ich unter Meyerbeer's Aufſicht geſtellt, den ich täglich beſuchte. Kein Componiſt, der je gelebt hat, trug eine ſo große Sorge für ſein Werk, wie Meyerbeer, was zu beurtheilen ich während der Zeit, wo ich unter ihm ſtudirte, häufig Gelegenheit hatte. In Paris trat ich am 1. December 1838 in Robert dem Teufel in der großen Opéra zum erſten Male als Sänger auf. Ich ſang dort drittehalb Jahre und fpielte im Comte Ory, im Drapier und anderen Opern. Im Jahre 1840 ließ mich Aguado im Théäatre des Italiens ſingen, auf dem ich im Elisire d'Amore erſchien. Ich habe es wirklich vergeſſen, ob es 1839 oder 1840 war, wo ich mit Giulia Griſi in Lucrezia Borgia in Her Majeſty's Theater in London ſang, aber es war um dieſe Zeit. Mein Auftreten in London war nichts weniger als ein voller Erfolg und meine eigentliche Laufbahn begann erſt 1842, als ich in Dublin mit Tamburini, Griſi, Lablache unter der Leitung Benedict's ſang. Dann kehrte ich nach Paris zurück, wo ich das Repertoire Rubini's ſang, worin ich höchſt glücklich war. Seitdem iſt mein Leben nur allzu ſchnell verſtrichen, während ich jede Saiſon von Paris nach London ging, wo ich ſtets mit der größten Freundlichkeit aufgenommen wurde. Im Winter 1849 ging ich zum erſten Male nach Rußland und im Jahre 1854 nach Amerika. London und Paris waren indeſſen die beiden Städte, an die ich die angenehmſten Rückerinnerungen habe,
†
Novellen⸗ZJeitung.
und dann Dublin, wo ich zuerſt die größten Ermuthigungen erhielt. Seltſam iſt es, daß ich in Italien nie geſungen habe.“ „Eine ſehr intereſſante Erzählung,“ ſagte Benedict, welcher Mario ſehr aufmerkſam zugehört hatte. Mario zündete dann ruhig ſeine Cigarre wieder an, die ihm im Laufe ſeiner Mittheilung erloſchen war. (Aus Once a Week.) C.
Zur Charakteriſtik der Stiergefechte. Wir haben in Verfolgung der neuen und neueſten Werke über Spanien ſchon vor mehreren Jahren Gelegenheit genommen, über die Eigenthümlichkeiten und Unſitten dieſes
Schauſpiels zu ſprechen. So ſei denn hier ein von uns ſchon
kürzlich citirter Reiſender angeführt, der gleichfalls gegen dieſe Schlächterei ſtimmt.
Wir wohnten, ſagt derſelbe, in der Straße de Alcala, der breiteſten in Madrid, wo ſich mehrere Miniſterien und das Muſeum befinden. Trotz ihrer Bedeutung ſah dieſe Straße von früh 10 bis Abends 6 Uhr ſehr öde aus. Die Juniſonne brannte draußen und ließ es den Madridern am behaglichſten in ihren mit Espartograsdecken zugehängten Zimmern ſein, in welchen die abgeſchwächte Helligkeit des Tages, welche in Spanien viel größer iſt als bei uns im Sommer, dem Auge ſehr wohl thut. Nur am Montag wird in Madrid und namentlich in der Straße de Alcala das Treiben einige Stunden früher rege. Der Montag iſt der regelmäßige Tag für die Stiergefechte uud der Weg zum
Circus geht durch die Straße und vor das Thor de Alcala.
Wenn es nicht eine gewiſſe Pflicht Jemandes, der in Spanien gereiſt iſt, wäre, von Stiergefechten zu erzählen, ſo würde ich dieſelben nicht beſchreiben, aus demſelben Grunde, weshalb ich überhaupt über Madrid möglichſt kurz bin. Sie ſind ſchon viel und hinreichend geſchildert. Auch bin ich nicht im Stande geweſen, die Leidenſchaft der ſogenannten afficionados zu begreifen, d. h. der Stiernarren, um bündig zu überſetzen, was einen regelmäßigen, mit Leib und Seele für dieſe Schauſpiele eingenommenen Beſucher derſelben ausdrückt. Ich begreife wohl, daß Menſchen gern Blut fließen ſehen; unſere heutige Bildung iſt ein lächerlicher Einwand gegen die Tigergelüſte, welche erfahrungsmäßig bei unſerer Gattung möglich ſind; aber unbegreiflich iſt mir, daß immer dieſelbe Art und Weiſe des Herganges ſie nicht abſtumpft und ihnen nicht langweilig wird. Ich bemerke noch beſonders, daß ich in den beiden Vorſtellungen, denen ich beiwohnte, nur ſehr wenige Frauenzimmer geſehen habe. Nachdem der betreffende Feſtordner das Zeichen zum Beginn gegeben und ſämmtliche Mitwirkende, die Stiere ausgenommen, in der Arena umgezogen ſind und die Zuſchauer begrüßt haben, tritt der erſte gehörnte Vierfüßler auf. Er iſt zuerſt verdutzt; er hat eine ſolche Menge und das Geſchrei, mit dem ſie ihn empfängt, noch nicht geſehen und gehört. Er ſieht ringsum, bleibt in der Mitte des Kampfplatzes ſtehen, ſtampft den Boden, brüllt.
Dann läuft er plötzlich weiter und bleibt wieder ſtehen. Er⸗
gewahrt den Picador auf ſeinem Pferde. Die rothe Binde, das Benehmen der Geſtalt ärgert ihn. Noch bleibt er ſtehen. Da hüpfen die Mozzos hinter ihren Verſtecken hervor und ſchwingen ihre rothen Mäntel und necken und umlaufen ihn. Das bringt ihn in Zorn, er ſtürzt auf den einen, auf den andern los, keinen kann er erfaſſen, ſie verſchwinden alle vor ſeinen Augen, ſei's hinter einen Verſchlag ſich bergend, ſei's hinter die Schranken, über welche ſie flink hinwegſpringen und vor welchen er anhalten muß. Da gewahrt er wieder


