Vierte Folge.
ſchnitzten Chorſtühlen, welche den Rittern des goldnen Bließes gehörten, deren Capitel hier in Spanien zum ein— zigen Male von Karl V. verſammelt wurde. Ich trat nun in die Kreuzgänge, die ſich an den Dom anſchließen; auch ſie ſind ſo einfach als erhaben. Ein Kranz von Capellen ſchließt ihre großartigen Bogenſtellungen ein. In der Mitte iſt ein Garten voll Lorbeer⸗, Oleander⸗ und Orangenbäumen. In einer der Ecken, unter einem vorſpringenden Kreuzge⸗ wölbe, ſprudelt ein anmuthig gefaßter Brunnen.
Der Ausgang führte mich in eine Gaſſe in der Rich⸗ tung auf den Platz de la Conſtitution. Das Gebäude, welches hier die ganze eine Seite der Gaſſe einnimmt, iſt gegenwärtig die casa de la deputation provincial. Man tritt durch ein prächtiges Thor, über welchem Ritter Georg in einem Rahmen der geſchmackvollſten Bildnerei germani⸗ ſcher Kunſt in Stein ausgehauen iſt, und unter einem zweiten breiten Korbbogen hin in den innerſten Hof und glaubt im fünfzehnten Jahrhundert zu ſein. Eine feine Treppe führt aus dem Hofe hinauf in die Galerien des erſten Stockwerks, welche von leichten Spitzbogen, von ſchlanken und leichten Säulen zuſammengeſetzt, den Hofraum auf ſeinen vier Seiten einfaſſen. Ein zweiter Stock von Galerien über dem erſten wird durch niedrigere, breite Tudorbogenſtellungen gebildet. Endlich ſind an den flachen Dächern die Mündungen der Dachrinnen hier beſonders hübſch geformt. Es ſind die an den älteren Gebäuden der Stadt vielfach bemerklichen Affen, Bären, Adler, Thierge⸗ ſtalten aller Art, welche wagerecht in den Hof hinein abſte⸗ hen und bei Regen von allen Seiten das Waſſer herunter⸗ ſpritzen. Die Theile des Gebäudes, zu welchen die Gale⸗ rien unmittelbar hinführen, ſind gegenwärtig dem oberſten Gerichtshof von Catalonien eingeräumt. An der Seite
neben dem Eingang zur Capelle, welche ſich ferner dort befindet, fiel mir eine alte riſſige Thür auf, durch deren Löcher Sonnenhelle hindurchfiel. Ich öffnete ſie und befand mich vor einem Garten oder vielmehr, ich trat in einen Saal, welchen der glänzende Himmel überwölbte, deſſen Säulenreihen durch Orangen⸗ und Citronenbäume gebildet wurden, welche zwiſchen den Quadern emporgewachſen waren und unter der ſonnigen Himmelsdecke einen grünen ſchattigen Baldachin zuſammenſtellten, aus deſſen Gezweige die weißen Orangenblüthen guckten und dufteten und die ſchönſten Citronen herabhingen, die ich je geſehen habe. Hinter der doppelten Reihe dieſer Bäume waren Beete mit Blumen und Strauchwerk und ein Springbrünnchen ange⸗ legt. Dieſer kleine duftende Garten, eingeſchloſſen von den ſchmucken gothiſchen Wänden eines Jahrhunderte alten Baues, mußte er nicht einem Auge, welches dem Merkwür⸗ digen nachſpähte, für ein Wunder der Semiramis gelten? Das ſonntägliche Gewoge auf der Rambla lädt mich ein, ihm zu folgen. Es führt hinaus aus der Stadt auf die
Landſtraße, wo unter den ſchattigen Bäumen hundert Tar⸗ tanas zwiſchen dem Fußgängern hin⸗ und herholpern. Das geht Alles nach den Campos Elyſeos und anderen benach⸗ barten Luſtgärten, unter denen jene elyſäiſchen Felder die berühmteſten ſind. Der Wirth würde dennoch ſchlechte V Geſchäfte machen, wenn er mit dem Wenigen, was einzelne
aus der Menge ſeiner Gäſte bei ihm verzehrten, zufrieden ſein müßte; er erhebt daher ein Eintrittsgeld für den Garten und vermiethet ſeine Stühle, auf welchen ſich die Geſell⸗ ſchaften, vornehme wiegeringe, zuſammenſetzen und beim Spiele einer Regimentsmuſik den Abend verplaudern, zu deſſen Ver⸗
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Unſere gemüthlichen oberdeutſchen Gartenwirthſchaften kamen mir bei dieſen Campos Elyſeos in den Sinn, denen nichts Aehnliches ſich in den Sitten einer andern Stadt auf
beiden Seiten der Pyrenäen wiederfindet.— So ſchildert uns Barcelona der Reiſende„in das Land voll Sonnen⸗
ſchein“. 6.
Die Laufbahn des Süngers Mario.
„Mein Leben war leer von aufregenden Ereigniſſen, um es ſo zu geſtalten,“ erwiderte Mario.„Es iſt in wenig Worten erzählt. Ich wurde im Jahre 1810 am 18. October in Cagliari auf der Inſel Sardinien geboren. Mein Vater war der Marcheſe di Candia. Ich wurde der Militär⸗Aka⸗ demie als Zögling übergeben und diente dann ſieben Jahre in der ſardiniſchen Armee. Ich war der Adjutant meines Vaters in Nizza, wo er zum Gouverneur ernannt worden war. Zu jener Zeit machte die Herzogin von Berry ihre Expedition im ſüdlichen Frankreich und ich beſuchte ſie am Bord des Dampfers, auf dem ſie verſteckt war. Mein Vater wurde als Gouverneur nach Genua verſetzt und ich folgte ihm in meiner bisherigen Eigenſchaft bei ihm dahin. Als ich in Genua war, gerieth ich in den Verdacht, mit Perſonen in Verbin⸗ dung zu ſtehen, welche zu den politiſchen Opponenten der Regierung gehörten, und in Folge deſſen erhielt ich den Auftrag, gewiſſe Depeſchen nach der Inſel Sardinien zu überbringen. Da das offenbar nur ein Vorwand war, um meiner los zu werden, ſo proteſtirte ich dagegen und es lag mir ſehr viel daran, gegen die unwürdige Behandlung, die mir nach meiner Meinung widerfuhr, an den König Carlo Alberto zu appelliren. Der Marcheſe Paolucci zeigte mir indeſſen den Generalbefehl und die demſelben hinzugefügte Note, nach welcher der Lieutenant, wenn er Einwendungen
gegen die ihm übertragene Pflicht erhebe, ſich ſelbſt als zur
Dispoſition des Oberbefehlshabers geſtellt betrachten ſolle — was in der That nichts Anderes hieß, als daß ich dann unter Arreſt geſtellt ſei. Meinem guten Freunde dem Marcheſe zum Trotz ſchickte ich den Behörden meine Papiere ein und beſchloß, mich für Spanien einzuſchiffen. Da es einiger Zeit bedurfte, um meine Vorbereitungen für meine Abreiſe zu treffen, ſo mußte ich mich in Genua verborgen halten, was ich mit Hülfe einer jungen Dame, an der ich mit großer Liebe hing, einen ganzen Monat lang glücklich fertig brachte. Nach Verlauf dieſer Zeit ſchiffte ich mich am Bord eines nach Marſeille ſegelnden Schiffes ein, von wo ich mich dann nach Spanien zu begeben gedachte. Als ich in Marſeille ankam und mich dort den Behörden bekannt machte, wurde ich mit der größten Gaſtfreundſchaft behandelt, aber man rieth mir ſehr ernſtlich, meine Reiſe nicht ſo, wie ich beabſichtigt hatte, fortzuſetzen, ſondern lieber nach Paris zu gehen, welchen Rath ich befolgte. In Paris verweilte ich nur eine kurze Zeit und ließ mich überreden, mich einer Geſellſchaft anzuſchließen, die ſich eben nach London begeben wollte. Ich war ſehr genau mit der Familie des Admirals Fielding bekannt und durch dieſelbe wurde ich bei dem Herzog Wellington eingeführt. Da ich noch immer ſehr wünſchte, Spanien zu beſuchen, ſo bat ich den Herzog, mir zur Ausführung meines Planes behülflich zu ſein. Er verſicherte mir aber, Spanien ſei kein Land, wo ich Carrière machen könne,— je mehr Energie ich entfalte, um deſto
mehr Feinde würde ich mir machen; und das Einzige, worauf
ich dort mit einiger Gewißheit rechnen könne, ſei ein Coup
herrlichung jedesmal ein großes Feuerwerk abgebrannt wird. de fusil, eine Flintenkugel. Er ſchloß ſeinen Rath, indem
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