Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

474.

Zahl merkwürdiger Gebäude, es iſt auch überhaupt in einer Weiſe gebaut, um das glücklichſte Verhältniß zwiſchen Regel⸗ mäßigkeit und Unregelmäßigkeit herzuſtellen. Man empfindet nirgends die Langeweile der Parallellinien aus der Zopfzeit und die mittelalterlichen Gaſſen ſind nicht labyrinthiſch genug, um widerwärtig zu werden. Barcelona wird von einer prächtigen Straße ungefähr in zwei Hälften getheilt, von der Rambla, welche mich an die Linden Berlins erin⸗ nert hat. Die Linden Barcelona's ſind Akazien und Syko⸗ moren. In die Rambla münden von rechts und links die größeren Straßen der Stadt. In den Starivieten, welche dazwiſchen entſtehen, kreuzen ſich die Gaſſen.

Auf der Rambla ſtehen die großen Theater, Gaſthöfe, Cafés, welche an Bedeutung die von Madrid erreichen, ja überbieten. Die Rambla iſt immer belebt, am meiſten Abends, wo in milden Sommernächten bis nach 11 Uhr oft von beiden Geſchlechtern geluſtwandelt oder auf herbeige⸗ ſchafften Stühlen zuſammengeſeſſen wird. Die Straße der reichſten Kaufläden iſt die Calle de Fernando VII. und ihre Fortſetzung die Calle de la Plateria. Dieſe führt zu der durch die Höhe ihres Schiffes und die Schlankheit der ſtützen⸗ den Säulen ausgezeichneten Kirche de Nueſtra Senora de Mar. Das Meer ſoll ehedem bis auf den Platz, auf dem ſie verbaut iſt, gegangen ſein. Gegenwärtig führt der Weg von der Kirche zum Strande über den größten Platz der Stadt, die Plaza del Palazio. Dieſer Platz des Palaſtes heißt ſo des königlichen Schloſſes wegen, das ſich auf ſeiner einen Seite in gothiſchem Geſchmack erhebt; er hieße faſt eben ſo gut Platz der Paläſte, weil die Börſe und das große Zollgebäude ſich nicht minder königlich als das Schloß aus⸗ nehmen.

Barcelona iſt, wie alle alten ſpaniſchen Städte, von feſten Mauern umſchloſſen geweſen. Sie ſind in der jüng⸗ ſten Zeit niedergeriſſen worden. Verlor auch die Stadt hierdurch ein gewiſſes romantiſches mittelalterliches Kleid, ſo wird ihr doch bleiben, was der beengende Mauergürtel und ein bisher heſtandenes Verbot, den alten Stadtbering zu erweitern, 4 Folge hatten. Eng und ſchmal ſind die Straßen Barcelona's; klein, winzig ſeine meiſten Plätze; hoch und rieſig ſeine Häuſer. Man könnte meinen, dies wäre wohl unvortheilhaft und häßlich, wie die düſteren Winkelgaſſen der Städte unter dem wolkigen Himmel Spa⸗ niens, unter welchem dieſe Bauart gefällig wohlthut, ja zu einem artlichen Reize der Stadt wird. Nur zu gern ſucht man zwiſchen den ſchattigen Häuſerreihen, welche man in mancher Gaſſe oder Riera bei ausgebreiteten Armen mit den Fingerſpitzen berühren könnte, einen vor der Mittagsſonne geſchützten Weg, auf welchem die tauſend Erker(denn kein Haus iſt ohne ſolchen), unter denen man hingeht, offen oder hinter einer herabgelaſſenen Espartograsmatte, ein Stück Familienleben, oft ein reizendes Bild erſpähen laſſen. Und die Reinlichkeit in dieſen inneren Stadttheilen iſt vorzüglich. Wenn andere Reiſende in dieſer Beziehung Gegentheiliges ausgeſprochen, ſo müſſen ſie wohl durch zu kurzes Verweilen wiheend ungünſtiger Stunden in Irrthum geführt worden ein.

Will man am Abend in Barcelona ſich freier ergehen und die Gaſſen meiden, ſo bietet ſich auf der breiten Rambla die Gelegenheit, welche die Meiſten ſuchen. Am ſchönſten, am prächtigſten bleiben jedoch die Anlagen auf der Stadt⸗ mauer, wo dieſe die Bucht des Hafens einfaßt.

Man wandelt ja am Saume der See. Ihr Spiegel wirft die Färbungen des Himmels heller zurück und breitet

Novellen⸗

Feitung.

ſich ſchrankenlos offen nach Süden aus; ſeine Begrenzung in der tageweiten Ferne findet er erſt wieder an dem Geſtade Afrikas. Von dorther, aber nicht allein von dorther, aus allen Weltgegenden liegen die Kauffahrer reihenweis im Hafen und bald ſcheidet der eine oder der andere aus dem Walde der Maſten, oder ein ferner weißer Punct am Hori⸗ zont iſt größer und größer geworden und ein ſtolzer Drei⸗ maſter iſt herangewachſen und fährt mit friſchen Wimpeln herein und legt ſich ruhig hin, bis daß die Lagerhäuſer mit ſeinem Inhalt gefüllt ſind. Freundlich kommen zugleich die kühlen Seewinde über das Element, das ſie entſtehen läßt, herüber und ermuntern die rege Arbeit der Menſchen.

Dieſe Seelüfte ſind es, welche Barcelona ein vorzüg⸗ lich liebliches Klima verleihen. Die Hitze, welche im In⸗ nern der Halbinſel oft erdrückend ſein kann, bleibt an dieſer ſchönen Küſte ihretwegen gemäßigt. Selbſt dem Nordländer, der ſich hier niederläßt, bringt die Sonne in ihren Som⸗ mern keine arge Beſchwerde. Ich für meinen Theil verlebte hier Wochen des Juli faſt gleich denen früher im April. Die Hitze iſt viel läſtiger in der Tiefebene nördlich der Pyrenäen; dort liegt Perpignan auf der Iſotherme Roms. Dennoch gedeihen die Orangen nicht in ſeinem Gebiete. Dieſes wird im Winter zu ſehr durchkältet durch die von den Schneebergen her ungehindert über die Ebene ſtreichenden Winde. Auch das gebirgige Catalonien kennt kältere Win⸗ ter, doch Barcelona nicht. Vor ſeinen Thoren beginnt das Gebiet der Orangen. Die Bergketten, welche es in ſeinen Stadtbering einſchließen, ſchützen es vor dem kalten Winter⸗ hauch der fernen Pyrenäen und ein Schneeüberflug über den Montiui iſt eine Seltenheit. Die glückliche mittlere Tempe⸗ ratur Cataloniens iſt in vorzüglicher Weiſe die Wonne ſeiner Hauptſtadt.

Vor der alten Burg ſteht der Dom. Er iſt unbeſchreib⸗ lich ſchön. Er weiſt keine hervorſtehenden künſtleriſchen Einzelheiten auf, Alles über ihn läßt ſich in zwei Worte faſſen: er iſt einfach und groß. Was ſo viele andere Kirchen verunſtaltet, die Hinzuthat der letzten Jahrhunderte an Prunk und Flitter in allen Ecken, iſt in ihm nicht vorhan⸗ den. Der germaniſche Styl herrſcht über das Ganze in ſchöner Reinheit. Frei und leicht, aber auch gewaltig ſpaa⸗ nen ſich die grauen Bogen durch das geheimnißvolle Schwei⸗ gen der Hallen und neben ihren drei Schiffen ziehen ſich oberhalb des Kreuzes der Seitencapellen noch zwei Reihen niedrigerer Bogenſtellungen in der Höhe hin, welche in die düſteren Räume ihre noch lichtloſeren Wölbungen öffnen, Das goldene Stabwerk, welches zum Gerüſte des Hochal⸗ tars emporgeflochten iſt, blinkt allein in der Dämmerung des Kircheninnern, in welches der Glanz des Tages durch die tiefen Farben der glasgemalten Fenſter nur gebrochen hindurchfällt. Eine einſame Kerzenflamme ſendet daher aus der Gruftkirche unterhalb des Hochaltars ihr gelbes Licht hell und weit herauf. Sie brennt über den Gebeinen der heiligen Eulalia an geweihter Stätte. Als ich hinſchaute, ſtieg eben ein Pilger die breiten Stufen, die zur Krypta führen, hinab. Er hatte die Muſcheln auf ſeinem langen Kragen und auf ſeinem Hute nicht vergeſſen und half ſich, ein weißhaariger Alter, mit dem Stabe, an deſſen Ende oben ein kleines Kreuz und ein Fläſchchen angebunden waren, die Treppen hinab. Er knieete dann nieder und betete lange mit bewegter Lippe. Selten begegnet man heute einem ſolchen Bilde frommen Glaubens.

Als ich mich von ihm abwendete, um den Chor anzu⸗ ſchauen, überraſchten mich die Wappen über den feinge⸗