Vierte Folge. 473
nun bedünken, als ſei es faſt eine Kleinigkeit, einen Stier im Kampfe zu beſtehen. Demnach erbat er ſich's vom Junker, den letzten Bullen bekämpfen zu dürfen, und der Edelmann, der ſelbſt Herz hatte, nahm dieſes zweideutige Zeichen von Muth, das erſte, welches er an ſeinem Lector jemals bemerkte, ſo gnädig auf, daß er ihm mit Freuden ſeine Einwilligung gab. Herr Bartholomäus Schwalbe befahl demnach, ein gutes Beil herbeizubringen. Mit dieſer Waffe ſchritt K kecklich in die Schranken und nahm ſtolz einem der Knappen eine Miſtgabel aus der Hand. Als der Ritter ſich jetzt in Erwartung des Sig⸗ nals dem Behälter gegenüberſtellte, fand er ſchon eine Schwierigkeit, an die er vorher nicht gedacht hatte; er wußte nämlich nicht, wie er's beginnen ſollte, ſeine beiden Waffen zugleich ſo zu halten, daß ihm jede ſtracks zur Hand ſei. Ihm wurde in der That ein bischen grün und gelb vor den Augen, als er wahr⸗ nahm, zwiſchen einem Beil und einem Bakel ſei doch ein merklicher Unterſchied; ja er würde aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach den fürchterlichen Kampf wieder auf⸗ gegeben haben, wenn nicht in dieſem Augenblicke auf einen Wink des Herrn Leibpoeten, der mit innerem Entzücken die Verlegenheit des Herrn Präſidenten be⸗ merkte, die Trompeten das Zeichen gegeben hätten. Raſſelnd öffneten ſich die Pforten des Behält⸗ niſſes und dem Genie war es dabei, als ſehe er die Thore der Hölle ſich aufthun und tief im Innern des Herzens verwünſchte er den Wärter, der jetzt mit Peitſchenhieben den Bullen heraustrieb.„Gott, ſei meiner armen Seele gnädig und barmherzig!“ rief er laut in Todesangſt, als das wilde Vieh mit geſenkten Hörnern auf ihn losrannte. Kein einziger unter den vorigen Stieren hatte ſo geradezu ſeinen Mann atta⸗ kirt und unſer Champion verſicherte in der Folge wohl hundertmal, der Teufel ſelbſt habe unmöglich ſo glupſch ausſehen können. Aber was war hier zu thun? An Davonlaufen war nicht zu denken, denn die Schranken waren verſchloſſen. Er faßte ſich daher ein Herz, ſo gut es ging, ließ das Beil fallen und hielt dem Thiere den Dreizack entgegen. Doch, ich weiß nicht, ob zu ſeinem Glück oder Unglück, ver⸗ fehlte er in ſeiner namenloſen Angſt den Feind, dieſer
Feuilleton.
aber verfehlte ihn, ſo behende er auch auf die Seite ſprang, nicht völlig, ſondern fuhr ihm mit ſeinem rechten Horne in die ſchönen ſchwarzſammtenen Hoſen, die zu dieſem feſtlichen Tage neu gemacht worden waren und ſtreifte dabei die Lende des Schwarzen gar jämmerlich. Da der Sammet ſtark war, ſo blieb der arme Ritter am Horn des Stieres hängen; der Bulle aber ſchüttelte und ſchleuderte ihn entſetzlich, und ſicher würde jetzt Ludimagiſter ohne Teſtament aus der Welt gegangen ſein, wenn nicht auf den lauten Zuruf des Junkers alle Quadrillen herbeige⸗ ſprungen wären und dem Stier mit ihren Gabeln ſo tapfer zugeſetzt hätten, daß, als er nun todt da lag, kein Gerber einen Groſchen für ſeine Haut gegeben hätte.
Man befreite den ohnmächtigen Kämpfer nunmehr von der Laſt des auf ihm liegenden Bullen, und es koſtete einige Mühe, den Herrn„Ornarius“ wieder in’s Leben zurückzurufen.
So endigte ſich das merkwürdigſte Stiergefecht, welches jemals die Sonne beſchienen hatte, und nun verwandelte ſich der Kampfplatz in einen Freudenſaal, denn es ward ein langer Tiſch, mit einer guten Mahl⸗ zeit bedeckt, hereingetragen, an welchen die vierund⸗ zwanzig Champions ſich ſetzten und von ihren Knap⸗ pen bedient wurden. Nachdem dieſelben aber geſpeiſt hatten, erlaubte ihnen der gnädige Herr, die Mädchen aus dem Dorfe zum Tanz herbeizuholen und von ſeinem Balcon herab ſah nun der Junker mit alle der theilnehmenden Freude eines guten Vaters auf das Vergnügen und den Frohſinn ſeiner Kinder. Das war ſo ganz des biederen Junkers Sitte, daß er ſeinen Unterthanen die Freude und das Glück, wie Herr Schwalbe einmal ſagte, gern mit Löffeln eingegeben hätte, wenn’s nur möglich geweſen wäre.
Dieſe Schilderung zeigt gewiß in ihrer derben, oft ohne viel Wahl herbeigezogenen Komik den ganzen Ton der Müller'ſchen Proſaepik; doch es wird auch daraus klar, daß der Verfaſſer nicht nur für den Ge⸗ ſchmack ſeiner Zeit zu ſchreiben verſtand, ſondern auch durch gute Charakteriſtik ſeiner Gegenwart der Nach⸗ welt etwas hinterließ, das man als ein treues Er⸗ innerungsblat achten und dankbar annehmen darf.
Ein Blick auf Barrelona.
Gemälde ohne zu ſtarke Trübung durch Verfall und Rückſchritt
Von den Städten jenſeit der Pyrenäen werden ge⸗ bieten. wöhnlich Madrid, Liſſabon, Sevilla und Cordova hervor⸗ Barcelona iſt eine der ſchönſten und ſehenswertheſten gehoben; doch es ſind noch andere da, die ein freundliches Städte der Gegenwart. Es beſitzt nicht blos eine bedeutende


