Jahrgang 
27-52 (1867)
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472 Novellen⸗Jeitung.

Literariſche Briefe von Ott anck.

Bibliothek der beſten Werke des 18. und 19. Jahrhunderts. Leipzig, bei Otto Wigand. 1867.

(Schluß.)

Der Präſident bat jetzt himmelhoch, Se. Gnaden möchten doch Ihr koſtbares Leben nicht in Gefahr ſetzen; die anderen Herren ſtimmten mit ein, aber der männliche Siegfried blieb unbeweglich.

Haltet nur Alle das Maul! rief er.Das iſt ja nur ein Bagatell, obſchon ich's mein Lebtage nicht practicirt habe. Wollen doch'mal ſehen, ſeht Ihr.

Damit wollte er zur Loge herausgehen. Der Ludimagiſter verfluchte in ſeinem Herzen das Stier⸗ gefecht und den Muth Sr. Gnaden, der ihn jetzt in Gefahr ſetzte, einen ſolchen Gönner zu verlieren; er warf ſich dem Junker zu Füßen, umfaßte deſſen Kniee und bat flehentlich. Umſonſt! Held Siegfried wollte ſich nicht vergebens ſeinen Namen angemaßt haben. Halt' Er's Maul, altes Weib! rief er, riß ſich los, ſchwang ſich auf den Braunen und ritt in die Schranken.

Unſer Edelmann amüſirte ſich übrigens nicht erſt damit, in den Schranken umher zu reiten und ſeinen Gaul courbettiren und piruettiren zu laſſen, ſondern raſch, wie er in die Schranken geſprengt war, poſtirte er ſich dem Behälter gegenüber, zog den Säbel und wartete des Feindes.Na, rief er den Trompetern zu,habt Ihr Brei im Schnabel? Blaſt's Signal, daß's Ding'n Ende kriegt!

Das Signal ward gegeben, die Pforten flogen auf und hervor trat der Stier, der wahrſcheinlich kein Freund von Muſik war. Er wüthete mit ſeinen Hörnern gegen die Erde und ſchleuderte die Schollen hoch in die Luft. Der Junker erwartete ihn feſten Fußes, doch der Bulle ſah nicht eher hin, bis ihm einige Schwärmer läſtig wurden; da ſetzte er ſich aber auch ſo in Gang, daß Mann und Roß verloren ge⸗ weſen wären, wenn ihm der Junker nicht mit einer ſchnellen Wendung ausgewichen wäre; ſo wie aber der Bulle an ihm vorüberſchoß, fuhr Siegfrieds Säbel dem Thiere ſo kräftig in's Genick, daß es ohne Wei⸗ teres zu Boden ſtürzte.

Laut verkündeten jetzt die Trompeten des Stieres Fall und den Sieg des gnädigen Herrn, der ganz ge⸗ laſſen vom Pferde ſtieg, ſeinen Säbel auf dem Felle des erlegten Thieres abwiſchte, ihn dann mit ſeinem Taſchentuche noch ſauber abputzte und hierauf ruhig in die Scheide ſteckte. Der ganze Hofſtaat drängte ſich jetzt um Herrn Siegfried her, ihm Glück zu wün⸗

ſchen; aber der Junker, dem das Gratuliren immer als eine der fadeſten Sachen in der Welt vorkam, ſtopfte den Herren ſchnell den Mund, indem er ſprach: Wiſchi waſch! Seid Ihr toll, Leute, daß Ihr ſo viel Weſens macht? So'n todter Ochs iſt wohl des Schnacks werth! Ja, wenn's ein Haſelwurm oder der ſieben⸗ köpfige Drach' geweſen wär! Aber'n Bulln, ſeht Ihr, das iſt ſo viel als nichts, den kann jeder Schlachter⸗ junge todtſchlagen. Wollt' Euch nur zeigen, daß es'ne Schande iſt, wenn ſo'n ganzer Haufe über Einen her⸗ kommt, fuhr der Edelmann fort.Will das auch nicht

mehr haben, ſo will ich. Hat Einer aber Luſt, allein

mit einem Bullen zu fechten, ſo kann er's meinet⸗ wegen thun.

Ein raſcher Burſche aus der grünen Quadrille erbot ſich ſogleich hiergu wenn man ihm außer dem Dreizack noch ein Meſſer erlauben wolle. Das räum⸗ ten Se. Gnaden willig ein und verfügten ſich wieder nach ihrem Sitz.

Als nach gegebenem Zeichen der Stier heraus⸗ rannte, empfing ihn der beherzte Kämpfer mit vorge⸗ gehaltener Gabel, die, ſo tief ſie nur konnte, in die Bruſt des Bullen dra Im demſelben Augenblick

ließ der Burſche aber die Gabel fahren, ſchwang ſich

mit großer Behendigkeit auf das Thier, das durch den Schmerz der Wunde und die ungewohnte Laſt noch wüthender wurde und die vildeſten Sprünge machte. Der abenteuerliche Reiter nahm aber ſeine Zeit wahr, und ſtach dem Bullen ein ſpitziges Meſſer gleich hinter dem Kopfe in's Genick, wie dies an manchen Orten die Fleiſcher gewohnt ſind, beim Schlachten des Rindviehs zu thun, und augenblick⸗ lich ſank der Stier todt nieder.

Der Junker bezeugte ſeine Zufriedenheit über die That, meinte jedoch, es ſei bei dieſem Kampfe nicht ſo ganz redlich zugegangen; denn dadurch, daß ſich der Burſche auf den Rücken des Stieres ge⸗ ſchwungen, habe er ſelbigem ſchon gewiſſermaßen die Gewalt, ihm zu ſchaden, benommen. diger Herr, erwiderte der Bauer,Jeder macht's, ſo gut er kann.Freilich wohl, antwortete der Junker und machte dem kühnen Burſchen wegen ſeines bewieſenen Muthes ein hübſches Geſchenk.

Dem Ludimggiſter, welcher vielleicht ein wenig zu ſtark gefrühſtückt hatte, ſchwoll bei dieſen Vorfällen der Muth und er meinte jetzt bei ſich ſelbſt, wenn man den Bullen ſo auflaufen ließe, dann ſei nichts leichter, als ihm mit einem Beile noch einen Schlag vor die Bleſſe zu geben, daß er alle Viere von ſich ſtrecken müſſe. Die ſechs Stiere, welche er todt vom Platze hatte ſchleppen ſehen, hatten ihn gewiſſermaßen vertraut mit der Gefahr gemacht, und es wollte ihn

J nu, gnä⸗