Jahrgang 
27-52 (1867)
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er hat eine ſchöne Nichte, ſein Rittergut bei Apolda ſoll das Muſter aller Landgüter ſein vorwärts, Knebel, werfen Sie ſich zum Ritter auf, entreißen Sie Cornelia dem alten Hypochonder, dem garſtigen Brumm⸗ bär! Ah, da kommen Papa und Neldchen. Sehen Sie hin, Knebel, wie die Beiden ſich necken.

Und ich ſage Ihnen abermals, kleine boshafte Perſon, heirathen Sie! ruft Papa Wieland, halb ſcherzhaft, halb ärgerlich.Das iſt viel beſſer, als mich toujours mit Ihren Nadelſtichen zu verfolgen. Hei⸗ rathen Sie!

Und ich ſage Ihnen abermals, ruft das Ge⸗ ſellſchaftsfräulein Thusnelda von Göchhauſen, während ein herzhaftes Lachen über ihr bleiches Geſicht fliegt und ihren winzigen, etwas mißgeſtalteten Körper er⸗ heben macht,nehmen Sie eine recht tüchtige Priſe, das iſt und bleibt für Sie doch der beſte Troſt. Und ich habe doch recht: Sie können die Zeit nicht er⸗ warten, bevor Sie ſich an den Leſetiſch ſetzen dürfen, es ärgert Sie, daß die gnädigſte Frau das Zeichen zu Ihrer Erlöſung nicht früher giebt, als bis Goethe

erſchienen iſt. Ich begreife auch wirklich nicht, was

ihn noch zurückhält; o bitte, bitte, Papatzen, nehmen Sie eine Priſe, das iſt für Sie dochb ſchönſte Troſt in Thränen!

Eben hat Wieland eine Entgegnung auf der Lippe, da meldet der Thürſteher:Herr Geheimerath von Goethe Excellenz Mamſell Neumann.

Ging die Sonne auf? Alle eilten ſie auf Goethe zu, ihn umringend; nur die Herzogin Louiſe, die über dieſen Verſtoß gegen jede Form tief aufſeufzte, und Frau von Stein verließen ihre Plätze vor dem Camin nicht.

Eine Weile verging, bevor Goethe mit ſeinen Verneigungen zu Ende war. Dann wandte er ſich von neuem zu Anna Amalia, wegen Mamſell Neu⸗ mann's Erſcheinen um Entſchuldigung bittend. Allein die Herzogin Mutter hörte nicht einmal darauf; ſchon hatte ſie Chriſtel das Tuch abgenommen und ihr ein Stück Berliner Bruſtzucker in den Mund geſteckt. Nun, kleine Chriſtel, laſſen wir uns endlich wieder bei Mutter Amalia ſehen? Fürchtete ich doch, Du wäreſt Deiner alten Freundin untreu geworden! Wie geht's daheim, erträgt die Mutter ihren Verluſt ge⸗ faßter? Da kommt mein Sohn, der Herzog. Biete ihm einen guten Abend.

Chriſtel drückte ihre Lippen auf Karl Auguſt's Rechte; er rief lachend aus:Theure Mama, Sie verwöhnen das Kind. Gleich beim Entrée Zucker! Haſt Du vom Herrn Geheimerath Deine und Deiner Mutter Anſtellung erfahren? So iſt für Eure Zukunft geſorgt, und ich bedaure nur, daß Dein

Novellen ·

Jeitung.

wackerer Vater die Gründung des Hoftheaters nicht mehr erlebt hat.

Ew. Durchlaucht können verſichert ſein, daß meine Mutter und ich uns bemühen werden, dieſe hohe Gnade zu verdienen. So dankte das Mädchen.

Flüchtig nickend wandte der Herzog ſich ab. Er erblickte Goethe zwiſchen den herabgelaſſenen dunkel⸗ rothen Fenſtervorhängen. Eilends trat er auf ihn zu, drängte ihn noch ein wenig tiefer in die Niſche zurück und ſchloß dann die Vorhänge hinter ſich feſter. So waren ſie allein, faſt im Dunkel, vor allzu feinen Ohren geſchützt; die Kerzen auf den Wandleuchtern vermochten den dicken Wollenſtoff nicht zu durchdringen.

Den Arm um ſeines Freundes Schultern ſchlin⸗ gend, begann der Herzog in flüſterndem Ton:Ich verſichere Dich, Wolfgang, mit der Stein iſt's gar nicht mehr auszuhalten. Sie bemäkelt Alles, ganz wie eine alte Jungfer. Daß meine Gemahlin das ſo geduldig anhört, faſſe ich nicht.

Goethe hatte keine Entgegnung darauf; vielmehr gab er dem Geſpräche ſofort eine andere Wendung, indem er nun anhob:Habe ich Dir auf unſerem Spaziergang am Nachmittag bereits mitgetheilt, daß

die Familie Malcolmi in Weimar bleiben wird?

Bellomo hat, wie mir Kirms ſagt, ſeine ganze Ueber⸗ redung angewendet, Malcolmis zur Mitreiſe nach Gratz zu bewegen; doch Kirms hat den Sieg davon⸗ getragen.

Das iſt mir lieb, ſehr lieb. Die ältere Demoi⸗ ſelle Malcolmi macht rapide Fortſchritte, ſie wird's noch zu etwas bringen.

Karl, ſagte der Dichter,geſtehe nur, ihr Bleiben freut Dich nicht nur wegen ihrer rapiden Fortſchritte, Du

Jetzt war es der Herzog, der die Entgegnung ſchul⸗ dig blieb.Und wie ſteht es, fragte er haſtig,mit den Herren Fiſcher und Genaſt in Prag und mit Demoiſelle wie heißt ſie doch gleich?

Demoiſelle Rudorf, meinſt Du? Mit ſämmtlich

Genannten hat Kirms abgeſchloſſen.

Bravo, Wolfgang! Treffen ſie bald ein? Gut, ſo ſchnell wie möglich wollen wir anfangen. Mein Deſſauer Vetter wird zur Eröffnung herüberkommen.

Apropos, Du nannteſt neulich auch einen Herrn

Blumenthal oder Becker was, belauſcht uns Je⸗ mand?

Es war ihm in dieſem Moment, als vernehme er einen Ton des Erſtaunens. Mit der Geberde des Unwillens ſchlug er den Vorhang zurück davor ſchritt der Baron von Blumenthal auf und nieder.

Kein, der hielt ſich an dieſer Stelle nicht auf, um Daß der mit ſeinen eigenen

den Horcher zu ſpielen. 24

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