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Vierte
oder Operetten unſeres Concertmeiſters Kranz ver⸗ langt; dort ſehen wir mit unſerem Beſtreben, der Schönheit Altäre zu bauen und heilige Flammen darauf zu entzünden, die den Geſchmack läutern, die bewirken ſollen, daß die Gegner zu unſerer Fahne ſchwören. Ich fühle, es wird ein Kampf auf Tod und Leben werden. Nur zu gern giebt die Menge ſich dem bequemen Glauben hin: Volksſtimme ſei Gottesſtimme— darum wird ſie wohl auch in dieſem Falle nach der alten Koſt ſchreien, Alles daranſetzen, unſere Flammen auszulöſchen, unſere Altäre zu ſtürzen. O wenn nicht die Göttin der Schönheit über uns die Hände breitet, wenn nicht die Muſen herabſchweben, um eine Herkulesarbeit zu verrichten, um mit Beſen und Hacke in Kopf und Bruſt unſerer Gegner zu fahren...“
Raſch fiel da Chriſtel ein:„Ich weiß den An⸗ fang eines alten Liedes: Immer langſam voran, durch Dick und durch Dünn!“
„Und auf«⸗Dünn» reimſt Du zſichern Gewinn⸗? Der Reim iſt ein weuig hart, aber dieſes Immer langſam vorans läßt ſich beſſer hören. Ja gewiß, Schritt für Schritt müſſen wir in's Treffen rücken. Ein An⸗
— griff im Sturm wäre doch eine allzu gewagte Sache.
Das Publicum darf ſeinen geliebten Iffland und Kotzebue nicht ſogleich vermiſſen— mit Iffland's „Jäger“ werde ich den Kampf eröffnen und Stücke des angebeteten Kotzebue wie auch meinen gern ge⸗ ſehenen Bürgergeneral» folgen laſſen. Dann werde der Verſuch gemacht, eine Dichtung Leſſing's, Shake⸗ ſpeare’s, vielleicht den König Johann, Schiller's, ich denke an Don Carlos, einzuſtreuen. Ob die Menge, deren Magen Vieſelbacher Kumbs und Speckklöße ge⸗ wohnt iſt, ſich zu feinerer Koſt bequemen wird? Ich fürchte, mein Kind, ſie wird unſere Götter verhöhnen, „unſere Altäre in den Koth ſtürzen!“
„Und ich hoffe, ſie wird mit uns an unſeren
Altären zu niſeren Göttern beten. Wie ein Ruf
ging es heute durch die Stadt:«Es lebe Goethe!⸗“
„Hm,“ machte er,„ſie denkt an den Goethe, der im Park von Ettersburg und Tiefurt Maskenzüge veranſtaltete, der Feuerwerk abbrennen und bunte
Lampen anzünden ließ. Ja, ja, wir lieben das Sehen,
das Mundaufſperren; aber das Fühlen, Denken, das Sichvertiefen in ein Geiſteswerk... 2“
Chriſtel bemerkte darauf nichts, doch als ſie jetzt
den Garten verließen und dem Schloßportal zuſchritten, trällerte ſie:„Nur immer langſam voran, durch Dick und durch Dünn.“
Ritter des Geiſtes und edle Frauen bewegten ſich in drei Gemächern des erſten Stockwerks. Anna Amalia liebte es, ihre Kinder⸗ einmal in der Woche
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Folge. 469 um ſich zu verſammeln, ⸗zu Thee und Kuchen und Geiſtesnahrung,⸗ wie ſie ſcherzend ſagte. Doch wurden zuweilen auch Fernerſtehende in dieſen Kreis gezogen, und darum begegnen wir hier heute auch dem Baron von Blumenthal und ſeiner Nichte Cornelia. Es heißt von der Lilie, ſie welke nur deshalb ſo ſchnell, weil ſie ſo ſchnell emporgeſchoſſen; Cornelia von Blumenthal war mit einer Lilie zu vergleichen. Groß, ſchlank, bleich, im Antlitz Spuren frühen Vergehens; wie ſie daſitzt, das Haupt ein wenig geſenkt, um den Mund einen Zug des Schmerzes, innerſten Leids— wen rührte ſie nicht, wer hätte nicht Thränen für ſo viel Schön⸗ heit, auf die der Himmel neidiſch herabblickt! Der Baron befindet ſich im Uebergemache mit dem Kam⸗ merherrn von Einſiedel. Einſiedel plaudert von einer kleinen pikanten Perſon mit Namen Chriſtiane Vulpius, mit der Goethe ſeit wenig Tagen ſcharwenzele; der Baron jedoch, ein grämlicher, finſterer Mann, deſſen faſt bronze⸗ farbenen Häͤnde mit den rieſigen Berloquen auf ſeiner Weſte ſpielen, hort nicht darauf; bald ſchweifen ſeine Augen hinauf zum Plafond, bald hinüber nach dem Camin, davor auf einem Tyrolerteppich Karl Auguſt, die Herzoging Louiſe, Herder und Frau von Stein ſitzen. Args Frau von Stein! Krampfhaft preſſeſt Du die Lippen zuſammen; während Dein Auge Funken ſprüht, weineſt Du ohne Thränen. Auch Götter ſind wandelbar! Wo iſt Dein Gott, Dein Goethe? Lächelt er über Dich, ſeine Göttin a. D., während er in den Armen ſeiner ⸗lieben Kleinen⸗, ſeines⸗Veilchens⸗ liegt?
„Ah, guten Abend, Herr Major!“ Die Herzogin Mutter und der Major von Knebel begegnen ſich im dritten Gemache. Die hohe Wirthin läßt ſich in den geſchweiften Armſtuhl nieder; ein wenig hebt ſich ihr weißſeidenes Unterkleid und giebt ſo dem zierlichſten Fuße, zierlich wie die Geſtalt der Herzogin, größeren Spielraum. Jede ihrer Bewegungen iſt haſtig, ſcharf umriſſen. Indem ſie zu Knebel redet, fliegt ihr Kopf bald nach rechts, bald nach links, eine Puderwolke umwallt da ihr Haar; und jetzt läßt ſie den Pariſer Fächer, darauf ein Gemälde Antoine Watteau's, ziem⸗ lich derb auf Knebel's Schulter fallen.
„Ich ſage Ihnen, Sie müſſen eine Frau nehmen.
(Ei, lieber Major das habe noch Zeit, meinen Sie? So ſprechen Alle, die direct auf den Junggeſellenſtand losgehen. Knebel, laſſen Sie ſich warnen. Falten und graue Haare kommen oft über Nacht, und dann iſt es zu ſpät!— Wie wär' es mit dem Fräulein von Blumenthal? Rein, wie friſch gefallener Schnee, aber leider auch ſo bleich. Doch darauf möchte ich wetten, daß Cornelia wieder roſige Wangen bekommt, ſobald ſie das Haus ihres Oheims verlaſſen hat. Was nur ven Baron bekümmern mag? Er iſt reich,


