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geſſen! Iſt's gefällig, Excellenz? Adieu, gute Mutter; wenn es franzöſiſche Torte giebt, die Du ſo ſehr liebſt, mauſe ich ein recht großes Stück für Dich...
Klar und milde lag der Himmel über der Stadt. Auf dem Töpfermarkt, über den nun Chriſtel an Goethe's Hand ſchritt, hatten Jenenſer Studenten ein Feuer angezündet, um das ſie lagen, rauchend, ſingend und trinkend.„Gehen wir ſchneller,“ ſagte der Dichter,„der köſtliche Abend ladet zum Plaudern ein, hier aber beleidigt der Tumult mein Ohr.“ Schwei⸗ gend durchſchritten ſie dann die Rittergaſſe und bogen um das Gefängniß; da war das Witthums⸗Schlößchen erreicht.
Mit höͤher ſchlagendem Herzen tritt heute der Beſchauer in dieſe Räume, darin eine der liebenswer⸗ theſten Fürſtinnen aller Zeit gewaltet hat. Aber da⸗ mals ſetzten dieſe vier Wände dem behenden Fuße Anna Amalia's keine ſo engen Grenzen, denn da führten noch Glasthüren hinaus in einen lauſchigen, von Nachtigallen bewohnten Garten, der dem Axtſchlag ſtückweis weichen mußte, bis mit einem Male auch der letzte Ahornbaum verſchwunden war.
Eine grüne Hecke und ein leiſe plätſcherndes Waſſer, eben hoch und breit genug, um ſich im Herzen der Stadt unbelauſcht zu wiſſen, trennten den Garten vom Theaterplatz. Saftiger Raſen, wohlgepflegte Gänge, Baumgruppen, ſo recht zum Verſteck gemacht, Statuetten: ein Apoll, eine Venus, ein Cupido— Alles das umgab einen kleinen Tempel, zierlich wie aus Dragée, der mit Gemälden von Oeſer's Band
mit italieniſchen Kupferſtichen, Stippes, einer Pendule, Meißner Porzellangeſchirr und chineſiſchen Pagoden wie ein Schmuckkäſtchen vollgepfropft war. Epheu und wilder Wein umarmten den Tempel und in ſeiner Dachſpitze ſpielte der Lufthauch mit einem harmo⸗ niſchen Glöcklein. V
In dieſen Garten traten jetzt Goethe und ſeine junge Freundin.
Ihren Arm in den ſeinen legend, ſagte er, nach den hellen Fenſtern deutend:„Die Frau Herzogin wird mich nicht gleich vermiſſen. Darum, mein Kind, laß uns noch ein wenig auf und nieder ſchlen⸗ dern. Die Bruſt ſehnt ſich, von der Frühlingsluft zu athmen, die ſo berauſchend von Zweig zu Zweig zieht.“
Im Ahorngang ſchritten ſie hin und her. Der Dichter fragte Chriſtel, ob ſie auch recht fleißig ihre Lehrerin Corona Schröter beſuche und jedem ihrer Winke Folge leiſte,„denn,“ fuhr er fort,„ſtets blicke zu ihr, der Prieſterin im Reiche des Schönen, wie zu einem Stern empor, an den wir uns klammern möchten, deſſen Berührung uns aber, eben weil er zu hoch über uns ragt, verſagt bleibt.“ 5
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Novellen⸗Zeitung.
Er ſtand ſtill, ſenkte das Haupt, auf ſeiner Apolloſtirn thürmten ſich Gedanken. Sie wagte nicht, ihn weder mit einer Bewegung, noch mit einem Worte zu unterbrechen.
„Laß uns weiter gehen,“ begann er wieder nach längerer Stille,„ich möchte Dir noch einen Vorſchlag machen. Willſt Du neben Corona's Schülerin fortan auch die meine ſein? Ich bitte Dich, unterbrich mich nicht,“ fügte er hinzu, als ein jauchzender Ton ſein Ohr berührte,„Du weißt es, in welchem Grade ich Dein Talent ſchätze; es dünkt mich beſonders lohnend, da mit aller Kraft an's Werk zu gehen, wo die ſchon ſichtbaren Talente auf eine weit größere Fülle noch verborgener Talente ſchließen laſſen, wo man gleich den Bergmann—⸗
Aber länger hielt ſie ihren Jubel nicht zurück: „Herr Geheimerath— ach, Goethe, Goethe— auch Ihre Schülerin!“
Da lag ſie auch ſchon an ſeiner Bruſt und er drückte einen Kuß auf ihr blondes Haar. In der Dachſpitze des Tempels muſicirte das Glöͤcklein, durch die Baͤume ging ein ſüßes Flüſtern, eine Nachtigall
ſang im Hollunderſtrauch...
Ueberkam es da nicht Goethe wie eine Stimmung aus der Zeit der„genialen Wirthſchaft“? War's ihm nicht, als zittere ein Ton durch den Garten— ein Ton, der aus jenem Tempel dringt, darin der Cham⸗ pagner perlt, der Becher kreiſt, die Harfe erklingt, darin ſchöne Frauen ſich Roſen, Perlen und bunte Baͤnder durch das Haar ſchlingen und nur ein Ruf ertönt: Vive la joie!? Er ſchaut ſich um nach dem Tem⸗ pel— dunkel und öde liegt er da; ſein Adlerblick überfliegt den Garten— kein Fackelſchein, kein far⸗ biges Lämpchen zwiſchen den Büſchen; er beſinnt ſich — vorbei, vorbei! Da richtet er ſich höher, ſtraffer auf, da hebt er Chriſtel's Köpfchen von ſeiner Bruſt; ob ihn fröſtelt? Bis an den Hals knöͤpft er ihn zu, den— Miniſterfrack.
„Alſo wäre dieſe Sache in Ordnung.“ Nun, während ſie abermals hin und wieder gingen, war er wieder vom Scheitel bis zur Sohle Miniſter und Hoftheaterintendant. Aber dennoch wollte dieſes Zu⸗ geknöpft nicht lunge dauern; neckiſche Geiſter öffneten wieder einen Knopf nach dem andern, und da ſprengten Bruſt und Herz ihre Feſſeln. Goethe fühlte ſich zur
Mittheilung gedrängt, die Luſt wandelte ihn an, ein
wenig aus der Schule zu plaudern; und ohne Zweifel wußte er auch, daß Chriſtel, trotz ihrer dreizehn Jahre, ihn verſtehen, ſeine Anſichten und Pläne theilen würde.
„Ich und meine Schauſpieler,“ ſagte er,„werden alſo in einen Kampf gehen. Hier ſteht das Publi⸗ cum, welches leichtere Koſt, etwa Kotzebue, Iffland
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