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Vierte
des Lebens umtoſte Mädchen. Zwar hatte ſie durch ihre Worte die Mutter nicht vom Gegentheil über⸗ zeugt, nicht den Zweifel in deren Bruſt beſiegt, allein Eines hatte ſie dennoch erreicht: Frau Neumann war nun ruhiger, weit gefaßter geworden, und ſie ſagte, indem ſie ſich erhob:„Fügen wir uns in Geduld und hoffen wir das Beſte.“
In dieſem Augenblick ward an die Thür gepocht. Eine breite, volle Geſtalt trat ein, den Hut in der Hand, den braunrothen Mantel über dem Arm. Jetzt zog der Herr die Thür wieder in den Falz und wandte ſich...
Da ſank Frau Neumann faſt in die Kniee. „Excellenz...!“ ſtammelte ſie. Da rief Chriſtel aus tiefſter Bruſt:„Herr Geheimerath!“
Es war Goethe. Er warf Hut und Mantel auf den nächſten Tiſch. Er legte die Hände auf den Rücken und blickte die Frauen lange mit ſeinen dunklen Augen an. So blickt Einer, der eine frohe Botſchaft auf der Lippe hat..
Beide waren wirklich ſo überraſcht, daß ſie ver⸗ ſäumten, dem Beſuche einen Stuhl anzubieten. Nun ließ ſich Goethe, nachdem er eine Weile Chriſtel's Rechte zwiſchen ſeine beiden Hände gelegt, nieder, ohne eine Einladung dazu abzuwarten. Er fühlte ſich ermattet, er kehrte ſoeben von einem größern Spaziergang, den er in Geſellſchaft des Herzogs unter⸗ nommen, zurück.
„Nun, meine beſte Frau Neumann,“ begann er mit ſeiner ſonoren Stimme, indem er aus der Seiten⸗ taſche des blauen Fracks ein Batiſttuch zog und damit die Stirn kühlte,„Sie werden ohne Zweifel die neuſte Verordnung unſeres gnädigſten Herrn bereits vernom⸗ men haben.— Aber, ich bitte, ſetzen Sie ſich; liebe Chriſtel, komm Du zu mir.“
Nicht ohne Verlegenheit zog die Frau einen Stuhl heran, und Chriſtel ſchmiegte ſich an Goethe's Kniee. Dann fuhr er fort:„Alſo wird es geſchehen, wie man in unſerer Reſidenz ſchon lange gemunkelt hat. Bellomo wird Weimar verlaſſen; im Mai wird das Theater auf's Neue als Hoftheater eröffnet werden. Sereniſſimus haben die Gnade gehabt, mich mit der Oberleitung des neuen Inſtituts zu betrauen. Um manche unliebſame Reden abzuwenden, hatte es der Herr Herzog für gut befunden, dieſe Aenderung bis heute in das größtmöglichſte Geheimniß zu hüllen. Bereits vor zwei Monaten hat Bellomo die Kündigung empfangen, und derweil hat der Land⸗Kammerrath Kirms es ſich angelegen ſein laſſen, mit auswärtigen Schauſpielern wegen eines Engagements in Verbindung
zu treten.“
Da ward die Frau bleich bis in die Lippe und
Folge. 467
ſihr Auge ſchweifte zur Tochter hinüber, als ob ſie ſagen wollte:„Siehſt Du, wer hat recht gehabt?“ Und Chriſtel ſchaute mit der zitternden Frage zu Goethe auf:„Wir— wir dürfen nicht hoffen... 2*
„Ei, Du Zweiflerin!“ rief er und drohte mit dem Finger.„Würde ich dann ſelbſt gekommen ſein? Nein, mein Eintritt hat Freude im Gefolge. Horchen Sie auf. Mutter wie Tochter ſollen uns willkommen ſein— ſo lautet der Wille Sr. Durchlaucht. Und noch Eins: die Gage wird beträchtlich erhöht werden, Sie Beide zuſammen werden fortan die wöchentliche Summe von fünf Thalern erhalten.“
Frau Neumann glaubte nicht recht zu hören, ſie vergoß Thränen, aber Thränen des Entzückens. Fünf Thaler die Woche! O wie prächtig, wie ſo ſorglos ließ ſich's damit leben! Im Nu bauten ſich tauſend Luftſchlöſſer vor ihrem innern Auge auf, und Goethe's Hände küſſend, rief ſie unter neuen Thränen:„Dank, Dank, Exkellenz!— O, wenn mein Mann das erlebt hätte!— Chriſtel, was ſagſt Du nur dazu?“
Doch Chriſtel ſah und hörte gar nichts. Sie tanzte auf einem Fuße durch die Stube.„Fünf Thaler!“ jauchzte ſie,„wo ſollen wir nur hin mit all' dem Geld! Juchhe, jetzt können wir ja jeden Tag mein Leibgericht eſſen, Pökelfleiſch mit Bohnen! Mutter, Pokelfleiſch mit Bohnen!— Ach, Herr Geheimerath, eine große, große Bitte! Zanken Sie mich nachher tüchtig aus, meinethalben, aber ſchlagen Sie mir jetzt dieſe Bitte nicht ab: darf ich Ihnen einen Kuß geben?“
Und ohne ſeine Antwort abzuwarten, flog ſie ſchon an ſeinen Hals. Da zog er ſie mit beiden Armen an ſeine Bruſt, und von ſeiner Wimper rollte eine glänzende Thräne hinab auf ihre Wange.
Das war um die Stunde, wo die Sonne mit den Schleiern des Abends im Kampfe liegt.
Goethe griff wieder nach Hut und Mantel; jetzt warf er ihn um die Schulter.„Soll ich Mademoi— ſelle Schröter von Dir grüßen?“ fragte er, ſchon an der Thür.„Wir treffen uns in einer kleinen Stunde bei der Herzogin Mutter, wo Papa Wieland einige Lieblingsgeſänge der gnädigſten Frau aus dem Oberon⸗ leſen wird. Oder beſſer, Du in Perſon empfiehlſt (Dich Deiner Lehrerin Corona, Du biſt ja ein ſtets geſehener Gaſt im Witthums⸗Schlößchen.“
„Darf ich denn? Ei, wenn's zur Frau Herzogin geht, bin ich immer bereit!— Bitte, Bitte, verziehen Excellenz noch einen Augenblick. Ich ſpringe nur in die Kammer und werfe mein Mouſſelinkleid über.— Mutter, raſch das Tuch, das mit der rothen Kante mein' ich.— Wo iſt mein ſpaniſcher Hut, wo ſind die ſeidenen Handſchuhe?— So, da wärz ich fir und fertig.— Halt, die Gretchentaſche hab' ich noch ver⸗


