Jahrgang 
27-52 (1867)
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466 trübe Gläſer zu betrachten, wollte die Sache erſt eine Weile mit anſehen, bevor er ſie gutheißen könne. Herr Bruder, rief Wieland, die Doſe auf- und zu⸗ klappend,ein Genie iſt der Goethe nun einmal und der Land⸗Kammerrath Kirms, der dem ökonomiſchen Theil vorſtehen wird, ein Rechenmeiſter comme il faut. Wie befindet ſich Ihre liebe Frau, Herr Bruder? Darf ich ihr mit aller Ergebenheit die Hand küſſen?

Meine Frau werden Sie bei der Ihrigen finden. Sie eilte ſogleich zur Hofrathin Wieland, nach dem uns mein Küſter eine volle Stunde vor Eintreffen des. Wochenblattes die Neuigkeit durch's Fenſter zu⸗ gerufen hatte. Auf Wiederſehen am Abend bei der Herzogin Mutter!

Ja, ganz Weimar ſtand auf dem Kopf. Die Herren von Adel ſaßen hinter Schaumwein im Gaſt⸗ hauſeZum Erbprinzen oder im Georg Meyer's renommirter Weinſtube am Markt; die Bürger waren in denElephanten und in denAnker geeilt. Alle waren ſie der Freude und des Stolzes voll, Alle redeten ſie ſich ein, ſchon allein durch dieſen gnädigſten Erlaß wäre aus Weimar ein Berlin oder Wien ge⸗ worden.Hoch Karl Auguſt! Hoch Goethe! ſo ſchallte es überall, und die an den fröhlichen Kreiſen vorüber⸗ gingen, ſtimmten ein in den Ruf und trugen ihn weiter von Straße zu Straße.

Und auch ein junges Mädchen vernahm dieſen Ruf ein Mäͤdchen, welches am Fenſter eines Hauſes in der Jakobsſtraße lehnte. Könntet Ihr Chriſtiane Neumann jetzt vor Euch ſehen, Ihr würdet ausrufen: ⸗Welch' ſüßes Geſchöpf! Iſt ſie Jungfrau, iſt ſie noch ein Kind? Ja wahrlich, in dieſem Momente war das ohne Einblick ihn ihren Taufſchein ſchwerlich zu wiſſen. Jetzt am Fenſter lehnend, nach dem Son⸗ nenſtrahl haſchend, der den Blumenſtock hinter der Scheibe liebkoſte, war ſie ein ſpielendes, tändelndes Kind; aber jetzt, wie ſie ſich nach der Mutter um wandte und die Hoffnungsloſe mit ernſten, innigen Worten aufzurichten ſuchte, glich ſie einer Jungfrau, deren kindlichen Sinn die Wogen des Lebens bereits hinweggeſpült. Und nun berührte der Ruf:Hoch Karl Auguſt! Hoch Goethe! ihr Ohr nun mit einem Male hatte ſie die ſich ſorgende Mutter, ihre eben noch ſo ernſten Worte und ihr ſchwarzes Trauer⸗ kleid vergeſſen. Sie warf die ungepuderten frei flat⸗ ternden Löckchen in den Nacken, ſchlug die ſchmalen, hübſchen Finger zuſammen, tanzte durch die Stube und rief aus, wobei ihre Stirn, Wangen, Augen und Lippen lachten:

Mutter, horch' auf! Ich bringe noch ein drittes Hoch aus. Es lebe unſere gute, liebe Herzogin Mutter Anna Amalia lebe hoch!

Novellen⸗Zeilung.

Frau Neumann ſaß auf einem altväteriſchen Lehn⸗ ſtuhl in der Nähe des braunen, dickleibigen Kachelofens. Sie hielt eine Näharbeit in der Hand, aber ſie nähte nicht daran. Ihre Augen, die ſich im Weinen geübt hatten, ſchweiften bald von Chriſtianen nach einem kleinen Bilde, das, den kürzlich verſtorbenen Schau⸗ ſpieler Neumann vorſtellend, bekränzt über dem Sopha hing, bald durch die geöfffiete Thür in die Kammer, wo an den Wänden die Theatergarderobe aufgehängt war.Wenn wir weiter müſſen, ſagte ſie mit zitternder Stimme und neue Thränen rollten über ihre bleiche Wange,ſo muß ich die Garderobe hier verſetzen, um Reiſegeld zu ſchaffen. Gieb Acht, Chriſtel, Goethe wird uns nicht engagiren und wer weiß, wohin ſich Bellomo, unſer jetziger Director, wenden wird. Ja, wenn Dein Vaternoch lebte! Ich werde alt und kümmerlich und Du biſt ja ein dreizehnjähriges Kind!

Aber, Mutter, ſoll ich's denn immer und immer wiederholen, daß Anna Amalie mir gut iſt und daß die durchlauchtige Frau niemals einen plötzlichen Abſchied zugeben wird, der wie eine Ausweiſung nusſieht?! Sie rief das, mit drei oder vier Schritten die Stube durchmeſſend, und eine Wolke des Unmuths lagerte auf ihrer Stirn.

Frau Neumann jedoch ſchüttelte leiſe das Haupt

und kaum bewegten ſich ihre Lippen, als ſie darauf verſetzte:Mein liebes Kind, Du kennſt die Großen nicht. So lange wir ihnen Vergnügen bereiten, ſind wir willkommen, nachher aber Ein tiefer Seufzer erſtickte ihre Worte; dann drückte ſie das Haupt an die Lehne und brach kurz ab:Wir wollen uns wieder⸗ ſprechen. 2Gut ſo, Mutter! rief Chriſtel, zu ihren Füßen niederknieend und ihre Hände an ihre Lippen preſſend, ja, wir wollen uns wiederſprechen! Ich, ich kenne die Großen ſehr wohl! Als Anna Amalia mich in Oel malte, hat ſie mir nicht einmal, nein, wenigſtens zwanzigmal hat ſie mir geſagt: Kleine Chriſtel, wir wollen immer beiſammen bleiben, und wenn ich ſterbe, mußt Du dabei ſein! Und der Herzog? Und die Frau Herzogin Louiſe? Ei, Mutter, Du haſt's ja ſelber mit angeſehen, wie mich der Herzog nach dem letzten Prolog, den ich geſprochen, in die Backe kniff, und aus der Kuchendüte, welche mir Frau Louiſe ſchenkte, haſt Du ja auch gekoſtet. nehmen ſind und bleiben Chriſtel's Freunde! Auch Goethe und Papa Wieland haben mich gern und ich weiß ganz genau, daß Profeſſor Schiller in Jena erſt neulich geſagt hat: Chriſtel Neumann läßt ſich wacker an, ſie hat Talent und Fleiß!

Wie ſie ſo ſprach, mit glühenden Wangen, war

ſie bald Kind, bald wieder das bereits von den Wellen

O, die Großen und Vor⸗

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