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jede Merkwürdigkeit, eine Lampe aus den Pyramiden oder eine Metallſtufe, welche man ihm beſchreibt, und von der er, wenn er ſie einmal befühlt hat, fortwährend ſo ſpricht, als habe er ſie ſelbſt geſeben. Er glaubt, einen guten Theil des Charakters eines Menſchen leſen zu können, wenn er einmal die Hände deſſelben gedrückt hat; und wenn er Jemand einige Minuten ſprechen gehört hat, ſo glaubt er das Alter, den Charakter, den Geiſt und die Natur deſſelben zu errathen zu vermögen. Saunderſon errieth zu Zeiten noch mehr als das. Eines Tages plauderte er eine Stunde lang mit mehreren Perſonen, die zu ihm zum Beſuch gekommen waren, als eine Dame ſich der Geſellſchaft empfahl und das Zimmer verließ. ⸗Was dieſe Dame für weiße Zähne hat!«» rief der ſarkaſti⸗ ſche Profeſſor. ⸗Wie können Sie das wiſſen?⸗ fragte ein Freund.„Weil ſie,“ lautete die hurtige Antwort,«in der letzten halben Stunde nichts gethan hat, als zu lachen.“ Das war ſcharfſichtig genug, aber beſonders charakteriſtiſch von ihm, als einem blinden Manne.“
Das Buch beſchreibt die Rechenmaſchine für die Blin⸗ den, und ebenſo die Art des Schreibens, des Webens und Korbflechtens derſelben, welche Induſtriezweige in großer Voll⸗ kommenheit betrieben werden. Ebenſo werden die Be⸗ luſtigungen der Blinden— Schach, Domino, Muſik— mit⸗ getheilt.
In welch einem außerordentlichen Grade das Gehör
des Blinden ſich verfeinert, wird durch Beiſpiele nachge⸗ wieſen, von denen wir das folgende mittheilen, das Ander⸗ ſon von einem blinden Boten in Edinburg erzählt. Er ſagt:„Ich hatte Gelegenheit, einen Blinden mit einer Ma⸗ trazze auszuſchicken. Zugleich gab ich ihm die Rechnung mit, daß er die Bezahlung erhalten möchte. Zu meinem Er⸗ ſtaunen kehrte er mit der Rechnung, aber auch mit der Ma⸗ trazze zurück. ⸗Ich habe Beides zurückgebracht, Sir,» ſagte er. ⸗Weshalb?⸗«Ei, ich mochte ſie nicht dort laſſen, denn ich bin gewiß, Sie würden den Käufer nie wieder geſehen haben!, denn in ſeinem Zimmer war nicht ein einziges Stück Möbel!« ⸗Weher wiſſen Sie das?“ ⸗O Sir, zweimaliges Klopfen mit meinem Stock erzählt mir das! Und die Vermu⸗ thung— denn nur als eine ſolche kann es betrachtet werden — ſtellte ſich in dieſem Falle als ganz richtig heraus. Das Auge wird auch erzogen und ausgebildet. Carlyle ſagt: Es ſieht, was es die Macht zu ſehen ſich erwirbt. So ent⸗ deckt der Matroſe aus dem Maſtkorbe ein Schiff, von dem wir Landratten nichts ſehen. Der Eskimo entdeckt einen weißen Fuchs in der Mitte von weißem Schnee; der Aſtro⸗ nom einen Stern, während Andere nur ein nebeliges Licht erblicken. Der blinde Knabe erzieht ſeinen Gehör- und Gefühlſinn bis zu einer außerordentlichen Schärfe, bis ſie ihn beinahe für das entſchädigen, was ihm verweigert worden iſt; obſchon ſie, trotz alledem, nicht das für ihn thun, was ein einziger Lichtſtrahl bei einem ſchnellen Blick für ihn thun würde. Es bedarf einer langen Zeit, ehe man lernt, blind zu ſein,» ſagte eine alte ſehr einſichtsvolle, blinde Frau, und ſicher hatte ſie in dieſer Behauptung vollkommen Recht. „Es giebt in England zwölf große Schulen für Blinde unter 20 Jahren, in denen aber kaum der dritte Theil der jugendlichen Blinden Aufnahme findet. Von den bedürf⸗ tigen Blinden über 20 Jahre alt finden etwa 2350 ihr Brod durch Handarbeiten, und zwar 340, die als Tagelöhner, Bergleute und Farmer unter Sehenden arbeiten, während gegen 700 mit größerem Erfolg ſich den eigentlichen Arbei⸗ ten der Blinden, wie Korbflechten und dem Verfertigen von Matrazzen, Seilen, Säcken, Bürſten und Beſen widmen.
Novellen⸗Zeitung.
Von den weiblichen Blinden ſind etwa 200 Dienſtboten,
welche, ſobald ſie ſich mit der Geographie des Hauſes ver⸗ traut gemacht haben, die Zimmer kehren, die Betten machen, den Tiſch decken, die Teppiche ausklopfen, beim Waſchen
helfen; gegen 100 arbeiten als Putzmacherinnen und Nähte⸗
rinnen, was, ſo ungläubig es klingt, dadurch beſtätigt wird, daß die blinden Mädchen in der St. George's⸗Schule alle leinenen Sachen nähen, die ſie tragen. Kurz, es giebt in England ungefähr 4,800 Blinde, die ſich ihr Brod mit ihrer Hände Arbeit verdienen, während eine große Anzahl derſelben von der Bettelei, beſonders in den Straßen von London, lebt. Dann giebt es in den mittleren und höheren Ständen viele Blinde, unter denen es 43 Geiſtliche, 17 Aerzte und Wundärzte, 11 Advocaten und 32 Officiere in dem Heere und in der Marine giebt, die in ihrem Berufe erblindet ſind, und 80 Lehrer und 600 Muſiker und Muſik⸗ lehrer. Greenwich und faſt eben ſo viel Soldaten in das in Chelſea aufgenommen.“
Ein beſonderes Capitel des Buches beſchäftigt ſich faſt ausſchließlich mit den muſikaliſchen Anlagen der Blinden und den verſchiedenen Methoden, ihnen in der Tonkunſt Unterricht zu ertheilen.
Am Schluſſe des Buches finden ſich dann noch inter⸗ eſſunte Angaben über Blinde, die ſich in der Geſchichte einen Namen erworben haben. Kurz, das Werk enthält viel Anziehendes, aber bei dem Leſen deſſelben drängt ſich doch einem Jeden die Ueberzeugung auf, wie glücklich der zu preiſen i*ſt, welcher ſich des Augenlichtes erfreut. C
Der letzte Darbar von Sir John Lawrence.
„Brod und Spiele!“ Dieſer Ruf der altrömiſchen Volkshaufen iſt überall das Feldgeſchrei der Maſſen. Gut genährt und gut unterhalten zu werden, fordern beſonders die Orientalen. Es genügt nicht, daß die Engländer in Oſtindien vortrefflich regieren, ſie müſſen auch hin und wieder ein großes Schauſpiel geben. In der erſten Bezie⸗ hung hat Sir John Lawrence, der jetzige Generalgouverneur, es nie an ſich fehlen laſſen; die äußere Herrlichkeit ſeiner hohen Stellung vor den Augen der Menge funkeln zu laſſen, hatte er bisher verſäumt.
Zum Schauplatz des Darbar, einer Gala⸗Aufwartung, wie ſie bei uns in Europa die Fürſten zu Neujahr geben, welche im vorigen November abgehalten wurde, hatte Sir John Lawrence Agra gewählt. Agra iſt eine Schöpfung der Mongolenkaiſer und war lange Zeit ihre Reſidenz und der Mittelpunct ihres ungeheuren indiſchen Reichs. Von Delhi, Lakhno, Allahabad und Benares gelangt man auf der Eiſenbahn in wenigen Stunden nach Agra. Das Wunder ſeiner Prachtbauten iſt der Tadſch, ein Mauſoleum, welches Schah Dſchehan, Akbars des Großen Sohn, ſeiner geliebten Mantaz i⸗Mahal erbauen ließ. Am Ufer der Dſchamma
gelegen und auf drei Seiten von einer hohen rothen Sand⸗,
ſteinmauer umgeben, läßt es ſeinen breiten Dom und ſeine ſchlanken Minarets weithin durch das Land leuchten. Der ganze Bau beſteht aus weißem Marmor, der in den innern Gemächern mit prachtvollem Moſaik von Carneol, Lapislazuli und Jaspis ausgelegt iſt. Von weißem Marmor ſind auch die zahlreichen Springbrunnen des mit den ſchönſten Bäumen und blühenden Sträuchern geſchmückten Gartens. Der ganze Bau, den die engliſche Regierung im beſten Stande erhalten läßt, ſoll 21 Millionen Thaler unſeres Geldes
88 erblindete Matroſen ſind in das Hospital in


