Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

bereitet wird, daß die Königin Eier legt; daß dieſe Bienen nach ihrem Belieben die Raupen aus Eiern für Arbeits⸗ bienen durch eine beſondere Diät in Königinnen umgeſtalten können und daß manche Arbeitsbienen ebenfalls nutzbare Eier legen können. Er wies den Gebrauch der Fühlfäden zur Erkennung und zur Unterhaltung nach; den Urſprung des Schwärmens; den Einfluß, den die Größe der Zelle auf die in derſelben erzogenen Inſecten ausübe; das Seiden⸗ ſpinnen der Larve, und zahlloſe andere Thatſachen ihres heimiſchen Lebens und ihrer Arbeit unter den Blumen, von denen man manche bereits früher vermuthet hatte, die aber der blinde Mann zuerſt gründlich nachwies und ausein⸗ anderſetzte. Er erklärte die Natur und den Urſprung des Propolis(Stopf⸗oder Vorwachs) eben ſo gut, wie das Her⸗ vortreten der feinen Wachsſcheiben zwiſchen den Schuppen am Hinterleibe, und bewies, daß die Lüftung in dem Bienen⸗ korbe durch die ununterbrochene zitternde Bewegung der Flügel der Bienen bewirkt wird und bewies ſeine Forſchungen durch einige merkwürdige Verſuche mit der Befruchtung und dem Wachsthum der Eier in einem Bienenkorbe, die von dem Betrag des in der Luft befindlichen Sauerſtoffes ab⸗ hängen. Sein eigener Bericht über ſeine Forſchungen iſt deutlich und geiſtvoll geſchrieben, als ob ſeine Augen jede einzelne Angabe erblickt hätten, wie ſich das aus der folgen⸗ den Stelle erſehen läßt, wo er ſagt: ⸗Die Bienen werden den Verluſt ihrer Königin nicht ſofort gewahr; anfangs werden ihre Arbeiten nicht unterbrochen, ſie bewachen die Jungen und verrichten ihre gewöhnlichen Arbeiten, aber nach wenigen Stunden tritt eine Aufregung ein, der Lärm verbreitet ſich durch den ganzen Bienenkorb. Man hört ein eigenthümliches Summen, die Bienen verlaſſen ihre Jungen und eilen in einer wahnſinnigen Aufregung über die Waben. Sie entdecken, daß die Königin nicht länger bei ihnen iſt. Aber wie? Woher wiſſen ſie, daß ſie nicht in der nächſten Wabe iſt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß,

ſobald die Königin ihnen zurückgegeben iſt, iſt die Ruhe

augenblicklich wieder hergeſtellt. Sie erkennen ſie. Es iſt nutzlos, ſie durch eine andere Königin zu erſetzen; wenn ſie innerhalb der erſten zwölf Stunden nach der Entfernung der regierenden Königin in den Bienenkorb geſetzt wird, ſo be⸗ weiſen ſie ihr gar keine Achtung. Geſchieht es aber nach dieſer Zeit, ſo wird die fremde Königin von den Bienen als ihre eigene Souveränin behandelt. Sie umgeben, faſſen ſie und halten ſie lange Zeit in einem umdurchdringlichen Haufen gefangen, wo ſie zuweilen vor Hunger, zuweilen aus Mangel an Luft ſtirbt. Am 15. Auguſt war ein Bienenkorb 24 Stunden lang ohne eine Königin geweſen und ich ſetzte dann eine fruchtbare Königin in den Korb. Die Arbeitsbienen berührten ſie augenblicklich mit ihren Fühlfäden, ließen ihren Rüſſel über jeden Theil ihres Körpers ſtreifen und gaben ihr Honig. Die erſte Abtheilung machte dann Andern Platz, die ſie genau in derſelben Weiſe behandelten, während ſie ihre Flügel bewegten und ſich in einem Kreiſe um ſie herum aufſtellten, als ſie ſich zurückzogen. Nach einer Viertelſtunde fing ſie an ſich zu bewegen, ſie war von einer Garde um⸗ geben und fing an Eier zu legen. Welcher Schriftſteller mit den ſchärfſten Augen hätte wohl mehr als das ſagen können? Ganz beſonders iſt zu bemerken, mit welcher Ge⸗ nauigkeit und Sorgfalt er gerade die Angaben darſtellt, welche nur mit den Augen wahrgenommen werden können, wobei er ſich natürlich auf Andere verlaſſen mußte und welche ſeine Leſer und andere Naturforſcher oft mit Zweifel und eiferſüchtigem Argwohn aufnahmen.

Folge. 461

Höchſt intereſſant iſt folgende Stelle, worin der Ver⸗ faſſer nachweiſt, wie Gefühl und Gehör dem Blinden die Augen erſetzen müſſen.

Wir wollen annehmen, ein blinder Knabe wird von dem Lande etwa in die Schule für arme Blinde in St. George's Fields geſchickt. Laßt uns ſehen, was aus ihm wird, wenn er die gewöhnlichen Geiſtesfähigkeiten beſitzt. Er wird in ein ſehr ausgedehntes, großes Gebäude gebracht, das eine Menge Zimmer enthält, und an das ſich zwei große, gut gelegene Spielplätze, einer für die Knaben, der andere für Mädchen, anſchließen. Das Gebäude bedeckt faſt zwei Morgen Landes, und er muß ſich beinahe ganz vermittelſt des Gefühls und Gehörs mit allen Theilen deſſelben auf ſeiner Seite, den äußeren Schuppen und Zubehör be⸗ kannt machen, wobei ihn nur die längere Erfahrung eines Mitſchülers etwas unterſtützt. Für den erſten oder ein paar Tage iſt ihm Alles ſo gänzlich neu und ſonderbar, daß er ganz von der Hand eines Mitſchülers oder eines Lehrers abhängig iſt, während er nach dem Schulzimmer, der Capelle dem Speiſeſaal oder dem Korbladen geführt wird, die alle weit voneinander getrennt ſind. Aber ⸗die erſten Eindrücke ſind bei dem Blinden Alles in Allem⸗- und es iſt anzu⸗ nehmen, daß er in der erſten Woche unter ſeinen achtzig Mitſchülern ſich einen zum Gefährten und wahrſcheinlich für die nächſten Jahre zum Freunde auserwählt haben wird, der ihn, wenn es nothwendig iſt, über den Hof zu irgend einem beſtimmten Puncte nach dem Schlafſaale oder auf einer Treppe nach dem Spielzimmer geleiten wird. In Monatsfriſt iſt er mit den gewöhnlichen Gängen vollkommen vertraut. Er kann ſeinen Weg aus dem Speiſezimmer nach dem Korbladen und dieſen 150 Yards langen Laden hinab, gerade an der Seite ſeines eigenen Raums finden, wo er ſitzt und die Weidenzweige für die Korbarbeit ſpaltet. Er kennt ſeinen eigenen Sitz genau und weiß ihn von denen ſeiner Nachbarn wohl zu unterſcheiden. Im Laufe eines Jahres wird er ſeine Werkzeuge wahrſcheinlich an irgend einem Merkmale, das kein Auge zu entdecken im Stande iſt, von denen ſeiner Nachbarn zu unterſcheiden wiſſen; in ein paar Jahren wird er den Thürgriff zu dem Muſikzimmer Nr. 5. ſe wie den zu Nr. 6. genau kennen; er wird mit einem halb⸗ fertigen Korbe in ſeiner Hand ganz ruhig über den breiten Hof genau nach der Thür eines offenen Schuppens gehen, worin ein Waſſerbehältniß iſt, in dem er ſeine Weidenzweige einweichen kann. Sein Gefühls- und ſein Gehörſinn werden ſchweigend und ſicher erzogen; wie ihre Er⸗ ziehung voranſchreitet, werden ſie ſchärfer das Gehör als eine ſcharfe, wachſame Schildwache, Führer und Kund⸗ ſchafter; das Gefühl als Diener für alle Arbeiten und das Entdecken. Für den Sehenden iſt das Gefühl ein Gehülfe; für den blinden Knaben iſt es der erſte aller Sinne. Ver⸗ mittelſt deſſelben kennt er ſeine eigenen Kleider und beinahe ſein ganzes Eigenthum, ſeine Werkzeuge, Kiſte, Bett, Hut, Violine, Schrank, ſeinen Sitz in der Capelle, im Schul⸗ zimmer, in der Werkſtätte; vermittelſt deſſelben lieſt er ſein Capitel im Evangelium Johannis oder in Robinſon Cruſoe; er ſpielt Schach oder Domino; dividirt eine große Summe, oder ſchreibt einen Brief an ſeine Mutter, welchen ſie mit ihren Augen und er mit ſeinen Fingern lieſt. Mit Hülfe ſeines Gefühls webt er eine Decke von farbiger Wolle, in der ſich alle Schattirungen, oder jene beſonderen Blumen und Früchte finden, welche nur auf Teppichen wachſen; oder er faßt die Fußdecke in dem Boudoir einer Dame mit zarten grünen und rothen Franſen ein; mit dem Gefühl ſieht er

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