Jahrgang 
27-52 (1867)
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* Novellen⸗Jeitung.

Blind People; their works and ways;

with sketches of the lives of some famous blind men. By Rev. G. B. Johns. London: John Murray. 1867.

Der Verfaſſer dieſer Schrift iſt Caplan an der Schule für Blinde in St. George's Fields in London und daher in der Lage, die Blinden genau zu kennen. Sein kleines Buch enthält eine deutliche und lebendige Beſchreibung der An ſtalt, an der er arbeitet, die ſehr vielen Perſonen ganz neu und intereſſant ſein wird. Tauſende, die ſich eines geſunden Geſichts erfreuen, wiſſen wenig von der Lage des Blinden, während noch eine viel größere Menge ſich gar keine Vor⸗ ſtellung von dem macht, was der menſchliche Geiſt für Hülfsmittel erdacht hat, um blinden Perſonen die Elemente des allgemeinen Wiſſens, ſelbſt Leſen und Schreiben und gleichzeitig irgend eine Handarbeit zu lehren, die ſie in den Stand ſetzt, ſich ihr tägliches Brod zu erwerben. Dieſe werden obige Schrift mit Vortheil leſen, und wenn ſie an das Ende derſelben gelangt ſind, ſo werden ſie eingeſtehen, daß eine neue Welt des Lebens vor ihnen eröffnet worden iſt.

Dem blinden Manne fehlt einer der nothwendigſten Sinne, wenn eine Vergleichung des Werthes zwiſchen Dingen, die gleich nothwendig erſcheinen, erlaubt iſt. Die meiſten Menſchen glauben ſogar, der Mangel dieſes Sinnes mache den Menſchen gänzlich nutzlos oder doch wenigſtens zu läſtig, um die ihm nothwendige Sorge und Arbeit bezahlen zu können. Das iſt ein großer Irrthum, wie ſich gleich aus den erſten Seiten dieſes Buches ergiebt:

Im Jahre 1712 ſaßen in einem der Zimmer der Fellows in Chriſt's College in Cambridge drei berühmte, ge⸗ lehrte Männer, welche bei dem flackernden Feuer im Camine einen ſtreitigen Punct discutirten. Zwei derſelben waren ſo große Alterthumskenner wie Gelehrte und auf dem Tiſche vor ihnen ſtand ein kleiner Auszug mit römiſchen Münzen, von denen einige zu einem heißen Wortkampfe Veranlaſſung gegeben hatten. Ganz beſonders hitzig wurde der Streit über einen kopfloſen Kaiſer, deſſen Name und Jahreszahl aus der ihnen vorliegenden Münze nur der Eingeweihte errathen konnte. Sie war von dem Aeltern der beiden Sammler als ein eben ſo ſeltner, wie fehlerloſer Schatz gekauft worden; Beide ſtimmten darüber überein, daß ſie höchſt werthvoll ſei, doch über die Jahreszahl, aus der ſie datire, waren ſie ver⸗ ſchiedener Meinung. Ihr am Camine ſitzender Freund be⸗ theiligte ſich an der Discuſſion nicht, als ihm aber zuletzt die Münze gereicht wurde, um ſie zu prüfen und ſein Urtheil zu fällen, war ſeine Antwort ſchnell und entſchieden genug. Es iſt ſeltſam zu ſagen, aber er blickte gar nicht auf dieſelbe, ſondern nachdem er ſie ſorgſam mit ſeinen Fingerſpitzen be⸗ rührt hatte, brachte er ſie zunächſt an ſeine Zunge. Nachdem er das gethan, legte er den kopfloſen Auguſtus auf den Tiſch, indem er ſagte:«50 Jahre vor Chriſto oder 88 Jahre nach deſſen Tode, die Münze iſt keinen Schilling werth. Ich be⸗ zweifle ſehr, daß ſie von Gold iſt und ich bin ſicher, daß ſie keine römiſche iſt. Und am folgenden Tage ſtellte es ſich heraus, daß er vollkommen recht hatte, ſo das alte portugie⸗ ſiſche Sprüchwort erfüllend: Achou o cego hum dinheiro (der blinde Mann hat eine Münze aufgeleſen). Die ihm gezeigte und von ihm ganz richtig beurtheilte Münze war eine ſehr geſchickt nachgeahmte, die bei einer Verſteigerung altrömiſcher Münzen für ächt verkauft worden war. Der einſichtsvolle Richter war aber Nicholas Saunderſon, ein blinder Mann, deſſen Augen nie eine gute, ſchlechte oder gleichgültige Münze geſehen hatten, denn er verlor im Jahre

1862 als ein zwölf Monate altes Kind durch die Blattern nicht blos das Geſicht, ſondern ſelbſt ſeine Augäpfel. Zu dieſer Zeit war er Profeſſor der Mathematik an der Univer⸗ ſität Cambridge, ein Freund Whiſtonis, Halley's und Sir Iſaac Newton's, deſſenPrincipia den Hauptgegenſtand ſeiner öffentlichen Vorleſung bildeten. Sein ganzes Leben von der früheſten Kindheit an war von dem größten Inter⸗ eſſe geweſen, obſchon wir davon hier nur wenige Puncte, die uns in dem Leben eines blinden Mannes beſonders ver⸗ wundern, berühren können. In der Freiſchule zu Peniſtone in Yorkſhire und mit Hülfe eines Leſers und der wenigen Bücher, die ihm ſein Vater, ein Zollbeamter, zu Hauſe ver⸗ ſchaffen konnte, war es ihm vermittelſt einer unermüdlichen Beharrlichkeit gelungen, ſich eine ſolche Kenntniß der Claſ⸗ ſiker zu erwerben, daß er die Werke des Euclid, des Archi⸗ medes, Diophantus und Newton's in griechiſcher und latei⸗

niſcher Sprache ſtudiren und deren Inhalt ſich zu eigen

machen konnte. Das Alles war gethan, ehe er zwanzig Jahre alt war; mit 25 Jahren war er in Cambridge ein be⸗ rühmter Lehrer, mit 30 Jahren Profeſſor an der Univerſität, Master of Arts(Magiſter) auf königlichen Befehl, und er hielt Vorleſungen über das Solar Spectrum, die Geſetze des Lichts, die Theorie des Regenbogens kurz, über Gegen⸗ ſtände, die er nie geſehen hatte.

Intereſſant iſt die Mittheilung in der erwähnten Schrift über den blinden Huber, der ſich die Bienen zum Gegen⸗ ſtande ſeiner Forſchungen gemacht hatte und der mit dem Beiſtande ſeiner einſichtsvollen Gattin Marie Lullin und ſeines treuen Dieners Frangois Burnens in dieſem Felde der Naturgeſchichte Wunder verrichtete. Von ihm erzählt Johns:

Huber pflegte zu ſeinem Diener Burnens zu ſagen: Ich bin deſſen, was ich ſage, viel gewiſſer, als Ihr ſehenden Leute ſeid, denn Ihr veröffentlicht nur, was Ihr mit Euren Augen geſehen habt, ich dagegen nehme die Mitte aus vielen Zeugniſſen.* Ganz in derſelben Weiſe ſagte Metcalf, der blinde Straßenerbauer, als man ihn über die Richtigkeit und Genauigkeit ſeines Werkes befragte: Sie können zu Ihrem Augenlicht Ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie etwas ſehen müſſen, während ich allein mein Gedächtniß, aber mit einem Vortheil habe; Sie ſehen die Dinge fertig und Sie verlieren den Eindruck bald davon; ich mache mich mit großen Schwie⸗ rigkeiten zum Herrn einer Kenntniß, aber ich vergeſſe ſie nie wieder. Das ſagt jeder geſcheidte blinde Mann, und cum grano genommen, enthält es Wahrheit, die ſich in Huber's Falle unbeſtreitbar herausſtellte. Zu der Zeit, wo er ſchrieb, war von dem Leben und den Gewohnheiten der Bienen ſehr wenig genau bekannt, und wie jeder andere Enthuſiaſt in einem ſolchen Falle hatte er die großen Vorurtheile zu be⸗ kämpfen, die ſich einer kühnen Forſchung ſtets entgegen ſtellen und ſie lächerlich zu machen ſuchen. Es war ſchwer zu glauben, daß ein blinder Mann Thatſachen entdeckt haben ſollte, die zu entdecken den weiſeſten und ſcharfſichtigſten Naturforſchern nicht gelungen war, und lange Zeit wurde auf Alles, was er als Bienenvater ſagte, kaltes Waſſer in Menge ausgeſchüttet. Aber mit der feſten Beharrlichkeit eines blinden Mannes, der ſich ſeiner Macht bewußt und von der Richtigkeit ſeiner Unterſuchungen überzeugt iſt, hielt Huber an den von ihm gemeldeten Theorieen und Thatſachen feſt, ſah allmälig den Zweifel verſchwinden und zuletzt ſeine Ent⸗ deckungen faſt in allen Puncten als richtig anerkannt. Er ver⸗ ſicherte zuerſt, daß die Begattung der Königin in der freien Luft in einer Höhe, wo das menſchliche Auge ſie nicht bemerke, vollzogen werde, daß das Wachs von dem Honig