Jahrgang 
27-52 (1867)
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Dierle

beſtand in der Bildung eines Kreiſes, deſſen Mitglieder in eine ſchlafgleiche Erſtarrung verfielen. Selbſt das unge⸗ regeltſte Leben mußte geregelt erſcheinen und Pitt trank ſeine zwei Flaſchen Portwein täglich ſo gelaſſen, wie ein Biſchof der Staatskirche.

Fox pflegte oft ironiſch zu lächeln, wenn ich über den Schlendrian der engliſchen Geſellſchaft murrte.

Sie bemerken nicht, ſagte er einſt,daß, da wir in dem Lande der Maſchinen, Räderwerke, Cylinder, Walzen und Schrauben leben, wir nach und nach in uns ſelbſt eine Aehnlichkeit mit dieſen Quellen der Nationalwohlfahrt ent⸗ wickelt haben. Jedenfalls tröſten Sie ſich mit dem Gedanken, daß der engliſche Charakter ſolcher Feſſeln bedurfte, denn es bleibt gewiß ein großer Irrthum, der uns für ein phleg⸗ matiſches Volk ausgiebt. Wenn wir je auf die Irrwege der Franzoſen gerathen ſollten, ſo würde die ganze Erde unſere ungeheuern Thaten nicht in den Schranken des Geſetzes zu halten vermögen!

Wir ſind bei Allem, was wir thun, mit ganzem Herzen, aber auch mit dem Verſtande dabei, wir meinen es ernſt, und unſere Empfänglichkeit geht tiefer als die Haut. Mir iſt nichts entſetzlicher, als ein Engländer, der das richtige Gleis verläßt.

Man hat oft meine Wohnung in Argyleſtreet, wegen der dort verkehrenden gemiſchten Geſellſchaft, mit der Arche Noah verglichen. Ich bekleidete aber damals einen zu be⸗ deutenden Rang in der Geſellſchaft, um mich ihrer Tyrannei zu fügen, und die Bezeichnung vommauvais ton ſchlechter Geſellſchaften hatte für mein Ohr nichts Abſchreckendes. Wen ich gern hatte, den hatte ich gern; wen ich ſehen wollte, den ſah ich, und wen ich liebte, um mit Coleridge zu reden den liebte ich wirklich.

Da ich mit den größten Männern meiner Zeit verkehrte, ſo pflegte ich auch, ſo oft es mir beliebte, die Bekanntſchaft excentriſcher Schriftſteller, unbekannter Künſtler, geſchickter Schauſpieler, ohne die Furcht vor der Herrſchaft der Faſhion immer vor Augen zu haben. Die höchſte Ariſtokratie hatte

ich aufgegeben; ich beſuchte Niemand als Fox in Folge

meiner Stellung zu ihm und auf Grund meiner für ihn ge⸗ hegten treuen Ergebenheit; mitunter das ihm befreundete Haus von Lord Holland. Ich hatte alſo bei der Wahl meiner Cotterie nur mich ſelbſt und meinen Geſchmack zu berück⸗ ſichtigen.

Aber traurige Rückblicke ſind es dennoch! Ich könnte eine Reihe großer Namen nennen, die oft bei mir gemeldet wurden, deren Träger die mir ſelbſt auferlegte Einſamkeit verſchönerten; allein ſie rufen die Stimmen der Todten wieder vor meine Seele, oder andere Schatten der Vergangen⸗ heit. Die meiſten leben nur noch in den Tempeln des Ruhmes. Sidney Smith, Jeffrey, Rogers und der un⸗ ſterbliche Eine, mein großer Freund Charles Fox. Moore war damals ein vielverſprechender junger Dichter und hat ſeitdem ſein Verſprechen erfült. Miß Owen, eine junge iriſche Romanſchreiberin von großer Genialität. Es gab aber noch Andere, die ich nicht in mein Gedächtniß zurückrufen tann, ohne einen tiefen Schmerz zu empfinden: Romilly,

Whitbread, Curran, Gratlan, Lewis, William Spencer.

Da ſind noch Tomas Sheridan, dieſer geiſtreiche, bezau⸗

berndſte der Menſchen; Lord Guilford, Mſtrs. Siddons, ſeiner Zeit aufzuf Kemble, Lawrence und viele andere liebenswürdige, zwar zu erkennen, daß er die

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Alle meine Gäſte waren Zugvögel. Sie kamen und gingen, paarweiſe oder einzeln, je nach ihrem Gefallen. Ich hatte verſucht, wie ich es in Paris geſehen, wöchentliche Ge⸗ ſellſchaften, mitunter kleine pikante Abendeſſen zu geben, um dem Witz in der Converſation freieren Spielraum zu ver⸗ ſchaffen. Aber es war nicht durchzuführen; ich merkte, daß das Intereſſe dafür lau wurde. Die Engländer lieben in Geſellſchaften nicht das lange Converſiren, und wenn ſie nicht gerade über Politik ſprechen, ſo mögen ſie ihre innerſte Seele nicht gern nach Außen kehren, um den erſten Beſten damit zu unterhalten.

Im Geſpräch mit einem Engländer kann man leicht auf deſſen Zügen leſen, daß eine unausgeſprochene arrière pensée, gewöhnlich ſein beſter Gedanke noch verborgen ge⸗ halten wird, und dieſen hebt er für ſeinen beſten Freund, für ſeine Frau, für ſeine Geliebte, oder für ſich ſelbſt auf er giebt ihn aber ſelten einer größeren Geſellſchaft preis.

Ich mußte immer neuen Stoff zur Unterhaltung auf⸗ treiben, um die Langeweile aus meinem Hauſe fern zu halten, und deshalb zu den verſchiedenen, dann und wann durch die Welt ſtreifenden Meteoren meine Zuflucht nehmen, damit die Genialen unter meinen Gäſten nicht einſchlafen und die un⸗ vermeidlichen älteren Damen nicht allzu wach bleiben möchten. Dieſes zog mir einen Beinamen zu, der faſt geeignet war, wie das rothe, die Peſt anzeigende Kreuz an der Hausthür, alle vernünftigen Leute vom Kommen abzuhalten.

Wer nicht ſelbſt den Verſuch gemacht, kennt nicht die Schwierigkeit, die Engländer zu amüſiren, und es kam mir oft vor, als ob der böſe Geiſt aus Cromwell's Zeiten noch

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immer nicht ganz gebannt und beſchworen ſei. Denn eine große Claſſe hält ſchuldloſe Fröhlichkeit für ein Verbrechen; ſie lieben nicht Gott, aber ſie fürchten den Teufel, und nach⸗ dem ich in Paris die Charaktereinfachheit der bedeutenden Männer kennen gelernt, die ich in England nur in meinem Fox wiederfand, hatte ich keine Geduld mehr mit der förm⸗ lichen Pedanterie Derjenigen, die ich anfänglich bei mir ver⸗ einigte, damit ſie Freude finden und Freude geben ſollten.

Wenn in London ein literariſcher Kreis gebildet wird, kann man ſicher ſein, daß er in pedantiſche Gelehrſamkeit ausartet, während die franzöſiſchen Literaten ſo natürlich und behaglich ſind wie ein Handſchuh. Wie ſie vom Champagner den Schaum nippen, ſo ſchöpfen ſie auch von der Wiſſenſchaft am liebſten nur die Créme, eben hinreichend, um eine Geſell⸗ ſchaft leicht und anmuthig zu beleben. Die Engländer da⸗ gegen zeigen als Repräſentanten der Convenienz und der Routine faſt immer dieſelbe Phyſiognomie, ſeitdem die ſtürmenden Wetter der Bürgerkriege den Schmetterlingsſtaub der Phantaſie verwebt haben.

Trotter war der Mann, der den Menſchen im Men⸗ ſchen ſelbſt ſuchte. Man mußte ihn lieb gewinnen, ſchon wegen der altnationalen jovialen Naivet

ät, womit er ſeine Skizzen entwirft. Und wenn der Miniſter. Fox ihm ſchrieb, bevor er ihn, ohne ſein Anſuchen, zu einem bedeutenden Poſten von England berief:Man hat allgemein bemerkt, daß die ir⸗ ländiſchen Schriftſteller in ihrer Sprache zu bilderreich ſind für den engliſchen Geſchmack, iſt's ein Fehler, der, wenn er überhaupt einer iſt, ſich leicht ablegen läßt ſo iſt aus der maleriſchen Weiſe, wie er die Menſchen und Verhältniſſe gaſſen und darzuſtellen wußte, des Deutlichen ſen vermeintlichen Fehler niemals

weniger berühmte, aber nicht weniger verdienſtvolle Men⸗ ganz ablegte.

ſchen, die jetzt wie bleiche Schatten vor meinem Gevächtniß emporſteigen.