Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

458 Novellen Bourbons von bourgeois eentilemmeshut Bürgergene⸗ rälen eingenommen ſahen, die bald geadelt und gefürſtet werden ſollten.

Ungläubig ſchüttelte ich den Kopf, als mir damals Fox lachend verſicherte, dieſe neugepflanzten Größen ſeien die Keime zu einer neuen Ariſtokratie, welche der Mann, der ſchon in ſeiner Seele den Herrſcher ſpiele, an die Stelle der alten, durch Robespierre und Genoſſen asgerotteten Wälder zu ſetzen gedenke.

Warten Sie nur noch zehn Jahre, ſprach er in einer Geſellſchaft zu den Luynes, Chevreuſes, Norilles und Rohans, die halsſtarrig noch vor jeder demokratiſchen Be⸗ rührung zurückſchauderten,und ich verſpreche Ihnen, aus dem Stoffe, den Sie ſo cavalièrement Canaille zu nennen pflegen, wird eine ſtattliche Schaar von Herzögen, Herzo⸗ ginnen und Kammerherren hervorgegangen ſein; Messieurs, Ihr ſeid Alle in Eurem Herzen Hofleute. Ja! Alle! Und wahrhaftig, Euer gegoſſenes Kalb wird wieder aufgeſtellt werden, ſo ſchön, wie Eure eitelſtolzen Herzen es nur wünſchen können.

Eines Tages beſah ich die prächtigen Reſtaurationen im Carrouſſel, und begab mich dann mit Fox nach einem von Madame Recauner in ihrer Villa gegebenen Feſte.Und iſt das jenes Paris der Mirabeau und Robespierre? Vor kaum zehn Jahren glaubte man, die Hauptſtadt werde unter Menſchengebeinen begraben werden, wie Pompeji unter der Aſche, und jetzt ſieht man ſie glänzender als je hervortreten, ſprach ich zu Fox.,

Mögen die Todten ihre Todten begraben, antwortete dieſer ſehr ernſt.Sollte vielleicht Ihrer Meinung nach das franzöſiſche Gouvernement die ſchöne Straße der Boulevards, durch die wir ſoeben gefahren, unvollendet laſſen, weil an dem einen Ende der Magdalenenkirchhof und am anderen die Baſtille einſt lagen?

Ich habe nichts gegen die neuen Einrichtungen der franzöſiſchen Regierung, entgegnete ich,ich bewundere nur die Schnelligkeit, womit zugleich die öffentlichen Arbeiten im Lande und die Eroberungen im Auslande betrieben werden; ich ehre das Gefühl, welches Kirchen und Altäre wieder her⸗ ſtellt

Das war unvermeidlich; denn ſelbſt der Hoheprieſter des Unglaubens hat eingeſtanden: Si Dieu n'existoit pas, il faudrait l'inventér.

Aber ich kann nicht begreifen, wie der Ehrgeiz dieſer Menſchen ſchon nach Kronen und Wappen ſtreben kann, während die Abtei noch ſteht und die Guillotine jeden Augen⸗ blick wieder aufgerichtet werden kann!

Ich gebe Ihnen fünf Jahre, dann werden dieſe Men⸗ ſchen ihren Conſul zum Könige machen ja, wer weiß, wohl noch früher! Sie haben viel Zeit verloren und müſſen das nachholen; vielleicht machen ſie ihn gar zum Kaiſer, wie der Bildhauer in der Fabel, der erſt aus dem Marmorblock einen Jupiter meißelte, dann vor demſelben niederfiel und ihn anbetete wie einen Gott.

Die Menſchen in Paris beeilten ſich wiederzugewinnen was ihnen in ſo entſetzlicher Weiſe geraubt war; ſie wollten den verlorenen Glanz wieder herſtellen und ſich für die zwölf Jahre ſchwerer Sorgen und beſchämender Demüthigung wieder erholen.

4 Sie hatten viele Hoffnungen und Verheißungen vor ſich und für die Künſte ſchien eine neue Zeit aufzutauchen. Die Pa⸗ riſer waren reich an Künſtlern und reif, ſie zu verſtehen und zum Höchſten anzufeuern. Die Pracht der großen Oper war

Zeitung.

unübertrefflich und das Théätre frangais faſt unerreichbar für jede andere Bühne. Alles lebte wieder auf. Die Parvenus, beſonders die Parvenus der Tuilerien und von Malmaiſon, ſuchten durch Pracht die Ahnenreihe zu erſetzen.

Selbſt Joſephine that mit allen ihren Uebertreibungen doch viel für die Auferſtehung des guten Geſchmacks. Nicht allein Mode- und Juwelenhändler, deren Protectorin ſie wurde, nicht allein Tapezirer und Ebeniſten erblüheten unter ihrer Gunſt: nach dem Rathe der umſichtigen Frau von Campan begann ſie, den Schönheiten des heranwachſenden Hofes Strenge der Etikette, wenn auch nicht der Grundſätze, aufzuerlegen. Tonkünſtler und Maler wurden freigebig empfangen und die reizenden Gärten von Malmaiſon und Trianon ſah man auf dem Porzellan von Sevres und auf Gobelintapeten treu und lebhaft wiedergegeben.

In dieſem Hegen und Pflegen der Künſte war manch Affectirtes, denn die embryoniſchen Herzoginnen und Prinzeſ⸗ ſinnen hielten es für nothwendig, mit der Tunica der Aspaſia auchein anderen Dingen einen claſſiſchen Geſchmack an den Tag zu legen. Aber die Wirkung war hier beſſer, als die Urſache, und durch Beharrlichkeit im Verfolgen ihres großen Zieles konnte zuletzt manche dieſer vornehmen Abenteurerinnen der legitimen Zeit zum Vorbilde gereichen.

Ich fand in Paris den Reiz, den die Erfahrung von Jahrhunderten ihm zugeſteht, daß es nämlich der einzige Ort auf Erden iſt, wo man des Seelenfriedens entbehren kann. Le lien du monde, ou l'on peut le mieux se passér du bonheur, wo man am wenigſten für ſeine Handlungen ver⸗ antwortlich iſt und am eigenen Ich am wenigſten zu verleug⸗ nen braucht. Klima, Menſchen und Oertlichkeit vereinen ſich hier, um eine wunderbare Elaſticität des Geiſtes aufrecht zu erhalten. In Paris, um mich auf irländiſche Weiſe auszu⸗ drücken, liegen die Umgebungen näher an der Stadt. Nach einer Fahrt von zehn Minuten befindet man ſich auf dem Lande, kann Hof- und Stadtleben abſchütteln. Von dem Bois de Boulogne bis zur Oper iſt keine nennenswerthe Entfernung, während in der Mitte der Stadt die öffentlichen Gärten in Blumen prangen, ſtatt der vergoldeten, unſere räucherigen Plätze in London zierenden Statuen.

Daß irgend etwas ganz beſonders Aufregendes in dem Boden oder in der Atmoſphäre von Paris liegen müſſe, geht ſchon daraus hervor, daß ſo wenige Jahre hinreichend waren, den duftigen Hainen der Tutlerien das heitere Leben und die Popularität wieder zu verleihen und jede Spur der großen Tragödie zu verwiſchen, die den Ort zu einer ewigen Verödung zu verdammen ſchien.

Ich hatte London noch nie ſo ſchroff gefunden, als nach meiner Rückkehr von Paris. Den Menſchen mangelte es an Energie, nichts war großartig, und es herrſchte überall eine faſt kindiſche Furcht vor Neuerungen. Man war beſorgt, daß, wenn die Zöpfe der horseguards Leibgarden zu Pferde und die Reifröcke der Damen abgeſchafft würden, die Welt ſich zu ſchnell bewegen und ſich in weniger als vierundzwanzig Stunden um ihre Achſe drehen möchte.

Was man jetzt mit dem Namen des Conſervativſyſtems bezeichnet, wurde damals eben zu einem beſonderen Glaubens⸗ bekenntniß ausgebildet, und unglücklicherweiſe engagirte ſich der Witz bei der Partei des Stillſtehens. Canning und die Antijacobiner führten in der Politik dieſelben Veränderungen herbei, welche die Quarterly review bald in der Literatur einführte. Die größte Zauberei des Staates Prospero*)

*) Anſpielung aufDer Sturm von Shakeſpeare.