Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge.

gekoſtet haben. Nicht zwei deutſche Meilen von Agra ent⸗ fernt liegt das rieſenhafte Grabmal Akbar's, das trotz ſeiner vielen Verſtümmelungen durch fanatiſche Hindu noch immer ſchön iſt. Agra ſelbſt beſitzt noch das Schloß Akbar's mit ſeiner Perlen⸗Moſchee von weißem Marmor, mit ſeinem Audienzſaal, in dem endlich die unglücklichen Sandelholzthore des Tempels von Somnath, die Lord Ellenborough als Kriegstrophäe von Ghasna mitſchleppen ließ, ihre Ruheſtätte gefunden haben, mit ſeinen Zimmern und Bädern, die ganz mit Spiegeln überdeckt ſind, und mit ſeinen zierlich vergitterten Haremsfenſtern, aus denen die Damen des Hofes, ſelbſt unſichtbar, auf die Fluthen der Dſchamma hinabblickten.

Zu dieſem hiſtoriſch denkwürdigen Orte zog Sir John Lawrence auf einer Straße, glänzender als die Via Appia, vorbei an Burgen, Moſcheen und Zeltlagern. Achttauſend Soldaten aller Waffengattungen bildeten ſein Gefolge, die eingeborenen Reiter in maleriſchen Uniformen, zwiſchen den Maſſen der Sipahis und des engliſchen Fußvolkes raſſelnde Batterien, reichgeſchirrte Elephanten und Pferde, Muſikcorps auf Muſikcorps. Jenſeit der Schiffbrücke der Dſchamma betrat man die Stadt, deren Einwohner, bunt phantaſtiſch gekleidet und ſchimmernd von Geſchmeide, ſich auf den Dächern der Häuſer und auf jedem hervorragenden Puncte drängten.

Zwei Tage nach dem Einzuge begannen die Gala⸗ Aufwartungen. Vierundachtzig Fürſten und Häuptlinge hatten ſich in Agra eingefunden und einundzwanzig mußten mit Kanonenſalven empfangen und vom General⸗Gouver⸗ neur mit einem Gegenbeſuch beehrt werden. Bei der Unter⸗ haltung kommen komiſche Dinge vor. Beim November⸗ Darbar fragte Sir John den Fürſten von Dſcheypur, wie viele Kinder er habe. Familienangelegenheiten ſtehen auf einer zu niedrigen Stufe, um der Beachtung eines indiſchen Großen gewürdigt werden zu können. Der Fürſt wandte ſich alſo, eine ächt orientaliſche Miene von Würde und

Kleichgültigkeit annehmend, an einen ſeiner Kammerherrn:

Wie viel Kinder habe ich?Elf, Ew. Hoheit. Bei dieſer Antwort vergaß der Fürſt ſeine Würde und rief zornig:Was? Ueber hundert ſind es.Hoheit, entſchuldigte ſich der Kammerherr,ich dachte nur an die Kinder Ihrer rechtmäßigen Gemahlinnen. Der Kinderſegen des ganzen Harems iſt nicht zu überſehen.

Im Darbarzelt erhob ſich auf einer reichen Golddecke der Thron und rechts und links ſaßen in langen Reihen die vornehmen Hindu und Mohammedaner in Kleidern und mit Diamanten, wie ſie nur die Heimath des Kohinur aufzuweiſen hat. Unter dem Schall der Freudenſchüſſe, die das zwei engliſche Meilen entfernte Fort unaufhörlich abfeuerte, vertheilte der Generalgouverneur beim erſten allgemeinen Darbar die Decorationen des Sterns von Indien. Die damit Begnadigten glaubten im erſten Augenblicke, daß ſie nicht erhöht, ſondern erniedrigt werden ſollten. Rechts iſt in Oſtindien die Ehrenſeite und man bedeutete ſie, zur Linken Platz zu nehmen. Der Sindia, ein Fürſt mit ſechs Millio⸗ nen Thalern jährlicher Einkünfte, proteſtirte dagegen und beruhigte ſich nicht eher, als bis Sir John, der unter Trompetengeſchmetter eintrat, ihm in blumenreichem Hindu⸗ ſtani eine Lobrede über ſeine Verdienſte hielt. Außer den Orden wurden auch Khilluts, d. h. Ehrenkleider und Juwelen, verliehen. Wie am Hofe der Pharaonen wurden die Gaben von Dienern in feierlichem Zuge herbeigetragen. Der Sindia erhielt ein Ehrenkleid von etwa 43,000 Thalern Geldwerth. Umgekehrt brachten die Beſchenkten einen Tribut dar, der

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aber geringer an Werth war. Ihre prächtigen Trachten hatten meiſtens den Fehler, zu eng an den Körper anzuſchließen. Eine Ausnahme bildeten die crinolinartigen Unterröcke der Radſchputenfürſten. An homeriſche Helden erinnerten die Bundela⸗Häuptlinge durch ihre Schilde mit Silberbuckeln und ihre maſſiv ſilbernen Kolben und Streitäxte. Am häßlichſten ſtanden die engen Kleider der Fürſtin Bhopal. Ihre kleine Figur wenn ſie ſitzt, reichen ihre Füße nicht auf den Boden herunter fiel neben dem vierſchrötigen Körper ihres Nachbars, des Sindia, doppelt auf. Sie iſt übrigens eine würdige alte Dame mit einem höchſt intelligen⸗

ten Geſicht. 6.

Madame Riſtori.

Madame Riſtori, welche kürzlich von ihrer Kunſtreiſe

in Nordamerika nach Paris zurückgekehrt iſt, hat in Amerika

zuſammen 168 Vorſtellungen gegeben, deren Brutto⸗Ertrag

450,000 Dollar war. Davon erhielt Madame Riſtori

270,000 Dollar, von denen ihr nach Abzug aller Ausgaben

ein Netto⸗Gewinn von 200,000 Dollar bleibt. Ihr erſtes

Auftreten in Newyork fand im September 1866 ſtatt und

ſeitdem iſt ſie in Nordamerika über 8000 engliſche Meilen weit gereiſt. C.

Misrellen. Eine Geſellſchaft in Albany hat an der Spitze der State Street Grundbeſitz im Werthe von 147,000 Dollar gekauft, worauf ſie ein ſechs Stockwerk hohes Hötel, deſſen Fronte in Marmor aufgeführt werden ſoll, und ein damit verbundenes Opernhaus errichten will, die bereits gegen einen Jahreszins von 100,000 Dollar an einen Herrn Boeſſels vermiethet ſind. Der Bau des neuen Hötels ſollte am 1. Juni beginnen und daſſelbe ſoll doppelt ſo groß werden, wie das Delevanhötel, und mehr Zimmer enthalten, als irgend ein Höôtel in ganz Nordamerika.

Ein Londoner Juwelier, Namens V. J. Thomas, ſtellt in Paris gegenwärtig ein Brillanthalsband aus, welches 18,000 Pfund Sterling, alſo etwa 125,000 Thaler koſtet. Die daran angebrachten Diamanten wurden mit außerordent⸗ licher Umſicht und vielem Geſchmack ausgewählt und zu⸗ ſammengeſtellt, aber fünf Jahre waren erforderlich, um dies Halsband fertig zu bringen. Wer würde dies glauben?

r.

Ein Bauer kam zu einem Advocaten, fragte denſelben um Rath und ſetzte ihm umſtändlich die ganze Sache, um die es ſich handelte, auseinander.

Haben Sie mir die Thatſachen genau der Wahrheit gemäß mitgetheilt? ſagte der Rechtsgelehrte.

O freilich, Herr, entgegnete der Bauer.Ich hielt es für das Beſte, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen; die Lügen können Sie nun ſelbſt dazu ſetzen. r.

Der Inſtinct gilt bei den Frauen eben ſo viel, als der Scharfblick großer Männer; ſo liegt es auch in der⸗ Frauen⸗ natur, das Unmögliche durch Möglichkeiten zu beweiſen und Thatſachen durch Ahnungen und Vorgefühle umzuſtoßen.

r.