Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierle

Niegelſons zu finden wiſſen, und die Hand allezeit bereit ſein, des Sandhaargraſes duftige Dolde anf die Stätte zu legen, da der fromme Biſchof ſeine letzte Ruhe hält, deſſen Wahlſpruch allezeit geweſen:

Wohlzuthun und mitzutheilen vergeſſet nie, denn ſolche Opfer gefallen Gott wohl!

Drüben aber beim Krämer zu Huſſvig, der die ſchwarze Mally heimgeführt, Norſen Kordrauſons unge⸗ treue Jugendliebe, flackert nach Jahren noch das Feuer im Camin und ſitzt Norſen Kordrauſon, der Stifts⸗ amtmann von Vidöe, davor und redet mit dem Klaus Ufliot, dem Leibjunker zu Fuß, der einſt dem Erich, als er hinüberfuhr zur Freite nach Island, den Rath gegeben hatte mit den Thrantaſſen von der Sundſtraße zu Kopenhagen. Die Zeit bringt Roſen, ſagt das Sprüchwort, allein bei den fröhlichen Gäſten des Krämers von Huſſavig hatte ſie eher Roſen entblättert, wenn man nämnlich Norſens fröhliches rundes Antlitz ein Röslein zu nennen ſich wirklich erkühnt: der Stifts⸗ mann von Vidöe war immer noch fröhlich und guter Laune, trank gern noch ein Glas vom Rothen bei der Mally, die nun auch langſam in die Jahre ge⸗ kommen war, fragte den Krämer regelmäßig nach dem

Preiſe der Eiderdaunen, herzte und küßte ſein Path⸗ chen, deſſen Vater er beinahe geworden wäre, und lüftete den Hut, wenn Seiner Majeſtät des Königs Erwähnung gethan ward. Wenn er aber ſeinem Patriotismus ſo freien Lauf ließ, dann konnte man recht ſehen, daß eine geraume Spaune Zeit zwiſchen den Tagen lag, daß Junker Erich Niegelſon auf Vidöe landete und daß jetzt Capitän Klaus Ulfliot auf einer Expedition gen Grönland bei dem wackern Amtmann von Vidöe vorſprach. Norſens Schädel war faſt ganz kahl und wo noch ſo ein einſames vergeſſenes Löckchen ſtand, da war es eisgrau und trug Islands verſin⸗ kende eiſige Farbe; aber Norſens Auge blitzte noch eben ſo luſtig und ſchalkhaft, wie vormals nur eines Dinges durfte er nicht gedenken, denn dann traten dem alten treuen Herzen die Thränen in die Augen und das Glas, mit dem er noch auf des Kö⸗ nigs Geſundheit kräftig angeſtoßen, zitterte ihm in der Hand.

So nun paſſirte es ihm juſt, als er mit dem Klaus Ulfliot beim Krämer zu Huſſavig am Camin ſaß, und er ſprach:

Das iſt eine traurige Geſchichte, Capitän, und ich ſpreche nicht gern davon. Hätte ſich Alles ſo hübſch machen können uud iſt doch Alles nicht ſo ge⸗ worden: der Nielſen Trampe iſt verſchollen, Erich Niegelſon kehrt nicht wieder, Knut Hioreif liegt in der Erde, der fromme Olaf Niegelſon ſchlummert den Schlaf des Gerechten, dem Klaus Trampe iſt im ver⸗

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gangenen Mond auch das Herz gebrochen, daß ihn ſein Sohn verlaſſen hat und bei Gott! es wird nicht mehr lange währen, dann muß Norſen Kor⸗ drauſon noch einmal hinaus nach dem Buſen von Iſef⸗ jord: umſonſt habe ich der Tochter Knuts zugeredet, zu mir heraufzukommen nach Vidöe, denn ich wollte ſie hal⸗ ten als mein eigen Töchterlein, allein ſie will nicht und hat mir geantwortet: Laßt mich, Norſen, ich muß ja hier warten; wo ſoll mich Erich finden, wenn er mit dem Nielſen heimkehrt? Da ſitzt ſie draußen am Strand und harrt, aber Erich kommt nicht und endlich wird ſie ihrem Gram erliegen und ich werde hinaus müſſen und ſie beſtatten; der Greis ſteht dann allein an dem Grabe der entblätterten, einſt ſo duftigen Roſe von Iſefjord!

Und eine Thräne rann langſam über die Wange des Biedermannes.

Die Zukunft iſt dem Menſchen verhüllt und Nie⸗ mand vermag den Schleier zu lüften, der über den Tagen liegt, die da kommen ſollen; und der Zukunft harrend ſitzt Edda Hioreif einſam am Strand und wartet auf den Geliebten, während weit droben im Norden tief unten auf dem Grunde des eiſigen Polar⸗ meeres zwiſchen den Trümmern ſeines geborſtenen Schiffes Hakon liegt, der ausgezogen iſt, den Axel zu ſuchen, der ſich für ihn geopfert hat!

Möge der Himmel ſich Deiner erbarmen, Du einſame, geknickte Roſe von Iſefjord!

Aeſopiſche Fabeln von Albert Galſter.

1.

Einer Mücke Muth o Graus! Fordert einen Stier heraus.

Zu dem Zweikampf auf dem Plan Kam der Stiere Volk heran.

Doch die Mücke:Bin erfreut, Daß ihr Alle Zeugen ſeid;

Einem winzig kleinen Thier

Thut ihr hohe Ehre ſchier

Und erhebt mich ohne Streit Zum Inſect von Wichtigkeit. Dies geſagt, ſchlug ſie die Flügel, Schwebend über Thal und Hügel. Gaffend ſtanden ſie noch da,

Bis kein Ochs ſie weiter ſah.