Jahrgang 
27-52 (1867)
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454 Novellen⸗

drauſon, daß er auf dem Heimritt mit einſpräche auf Iſefjord, denn es iſt ja Vollmond und Kirchmeſſe zu Reikiavig nein, Alles das nicht; Edda ſitzt ein⸗ ſam und verlaſſen in der felſigen Bucht, Welle auf Welle drängt ſich her aus dem Meer, hin zu den Füßen der harrenden Seele, und flüſtert und rauſcht, während ſie an den Steinen ſchäumend zerrinnt, von dem Schwane am Ufer der Faröer und vom fernen Grönland, aber keine weiß Kunde vom Hakon, der ausgezogen iſt, den treuen Axel zu ſuchen!

So ſaß Edda nun ſchon Jahr auf Jahr und das Jahrzehnt hatte ſich beinahe erfüllt und das Meer brauſte und zwiſchen den Felſenklippen von Iſefjord läg ein einſames Grab, auf dem das buſchige Sand⸗ haargras wehete im Hauche des Windes. Der Spruch der Norna hatte ſich erfüllt und der Gram hatte das Haus der Hioreifs verzehrt; der letzte Mann aus dem adeligen Bauerngeſchlechte von Iſefjord war dem Harm um Edda, ſein einziges Kind, erlegen, und ſie hatten ihn zwiſchen den Steinen ſeiner Heimath zur letzten Ruhe gebettet.

Traget mich nicht hinüber nach Huſſavig oder Holum, hatte der Syſſelmann in ſeiner Todesſtunde geſagt,laßt mich da geſtorben und begraben ſein, wo ich geboren bin und gelebt habe. Mein Herz hängt an der Wiege meiner Väter; und trüget Ihr den Leib des letzten Hioreif von Iſefjord auch in die geweihete Erde des Kirchhofes, ſeine Seele würde drüben doch nicht Ruhe haben und würde ſich auf⸗ machen und Nachts jammernd um den Fall ihres Hauſes irren durch die Felskluften von Iſefjord!

Alſo begruben ſie ihn denn in heimathlicher Erde und Norſen Kordrauſon reichte dem Klaus Trampe von Enkernäs die Hand hin über das Grab Knut Hioreif's, und ſprach:

Gelt, Klaus Trampe, der Gram iſt doch ein mächtiges Gift; und mag der Körper auch wie Stahl und Eiſen ſein, Gram und Kummer frißt ſich doch durch und nagt, bis der Körper zuſammenbricht wie eine morſche Säule; da liegt nun Knut Hioreif auch, der Felſenmann, und was allein der Grund ſeines Falles war, das iſt der Gram des Vaterherzens um ſein einziges Kind!

Klaus Trampen aber bebte das Herz in der Bruſt, als er von dem Grame des Vaters um ſein einziges Kind hörte, denn er dachte an ſeinen Nielſen, der Vater und Mutter verließ, um gen Grönland zu fahren, und erſehnte die Stunde, daß die Schollen auch auf ſein gebrochenes Vaterherz fallen würden.

Mein Niels iſt todt und und ſein Vater wird ihm bald folgen! murmelte er dumpf und warf eine Handvoll Erde in Gottes und Chriſti Namen auf

Zeitung.

Knut's Sarg, und dumpf hallten die Schollen auf dem Sarge wieder, als ſage der Todte dem Lebenden Dank für dieſen letzten Freundesdienſt.

Die Liebe, ſagt ein franzöſiſcher Schriftſteller, iſt eine Leidenſchaft, die uns zweilen wider unſeren Willen mit ſich fortreißt; aber die immer ruhige und beſonnene Freundſchaft muß beſſer auf dem Grunde der Herzen leſen können, und wenn ſie für Jemanden zu uns ſpricht, kann ſie uns nicht täuſchen. Das Ge⸗ fühl der Freundſchaft hat gewiſſe Sympathieen mit dem der Liebe gemeinſam; allein da die Freundſchaft reiner und beſtändiger als die Liebe iſt, ſo muß ſie auch mit mehreren Vorzügen begabt ſein. Es iſt ein köſtliches Ding um einen wahren Freund; Oreſt und Pylades und die Freunde, die Schiller in ſeiner Bürgſchaft gefeiert, ſind hiſtoriſche Größen; Jeſus Sirach und der weiſe Salomo in ſeinen Spruchge⸗ dichten thun klar und deutlich dar, welch ein Kleinod der beſitzt, der einen Freund ſein eigen nennt, und David und Jonathan ſind eine ſo herzerwärmende Er⸗ ſcheinung in alten Teſtament, daß ein Jeder. gewiß die Erzählung ihrer Freundſchaftsproben mit wahrer Luſt und Herzensfreude lieſt.

Knut Hioreif hatte zwei wahre, alte, erprobte Freunde ſein Lebelang beſeſſen und hatte ſie auch über den Tod hinaus noch; denn über ſeinem Sarge gaben ſich Norſen Kordrauſon, der Stiftsamtmann von Vidöe, und Klaus Trampe, der Syſſelmann von Enkernäs, die Hand und das Gelöbniß, im Angedenken ihres

geſchiedenen Freundes für ſein einziges Kind zu ſorgen

und ſie zu hüten für und für aus allen ihren Kräften!

Sie verſtieß den Erich, meinen Liebling, ſprach Norſenwohlan, ſo ſoll Erich's Freund ſich ihrer annehmen und ſie ſchützen!

Mein Niels iſt um ſie in's Elend gegangen, weil ſie ihn verſchmähete, murmelte Klaus Trampe, wohlan, ſo ſoll Nielſens Vater für ſie thun, was er vermag aus allen ſeinen Kräften!

Denn ſie iſt Knut's Tochter und Knut war unſer Freund! ſprachen ſie Beide und ein Händedruck beſiegelte den Schwur der Männer.

Und wie ſie noch ſo ſtanden, klang es wie Glocken⸗ ton über die Berge hin bis an das Meer: war doch zur ſelbigen Stunde auch ein Vater zu Reikiavig ge⸗ ſtorben und hatte doch Olaf Niegelſon, der fromme Biſchof, das Zeitliche geſegnet. Die Glocken hallten und ſie trugen ihn hinaus aus dem Kathedralhauſe hin auf den Pfarrhof ſo arm und ohne Beſitz, wie er vormals als Kind in das Leben getreten war. Der fromme Seelenhirt iſt todt; ſo lange aber noch ein wahres Chriſtenherz rings in dem Banne der eiſigen Inſel ſchlägt, wird der Fuß auch das Grab Olaf