Vierte
„Wenn ſie eine Isländerin war,“ rief Edda, indem ſie dem Erich beide Hände reichte,„dann ſprach ſie: Geh, Hakon, und ſuche den Axel!“
„Nun wohlan, Edda,“ ſprach Erich feſt,„Hakon geht und Ihr ſelber habt mir die Bahn gewieſen, darauf ich gehen werde, ſei es um Leben oder Tod. Lebet wohl, Edda, heute noch wird Erich Niegelſon ſich aufmachen, und wird ſuchen aus allen Kräften ſeiner Seele, ob er den Nielſen Trampe nicht wieder auffinden kann, der ſich für ihn geopfert hat!“
„Erich! mein edler Erich!“ flüſterte Edda leiſe und neigte ſich tief bis auf Erich's Stirne nieder, ſo daß ihre blonden Locken des Junkers Angeſicht um⸗ florten.
Sie legte ihm beide Arme um den Hals und eine heiße Thräne tropfte auf Island Stirn.
„Wißt Ihr aber auch, Erich,“ ſprach ſie dann, indem ſie ſich aufrichtete,„wißt Ihr aber auch, wie es weiter ging mit dem Hakon und der Edda? Hakon ging und Edda harrete ſein allſtündlich auf einem Felſen mitten im Lande, von dem ſie hin⸗ ausſchauen konnte weit über das Meer. Aber Jahre kamen und Jahre vergingen und Hakon kam nicht wieder; Edda weinte einſam auf dem Felſen von Is⸗ land. Und die Sage geht, daß der Himmel ihre Thränen geſehen, ſich ihres Grames erbarmt und die
trauernde Gattin endlich verwandelt habe in jene
Spitze auf der Höhe des Torfa, von der ſie immer hinabſchauet nach dem Geliebten ihrer Seele; und wenn die Sonne ſcheint und der Schnee ſchmilzt auf der Kuppe des Torfa, dann heißt es im Volke, die Edda weint und ihre Thränen träufeln hernieder auf Island!“
„Und wird Edda ſo den Hakon erwarten, der den Axel ſuchen gegangen iſt?“ fragte Erich.
„Edda wartet ſein,“ antwortete feſt das Mädchen, „und dauerte es auch bis über den Tod hinaus!“
Und der Himmel hörte den Schwur und unter dem Strahle der Sonne weinte die Schneeſpitze von Torfa!
Die Zeit geht hin in ungehemmtem Flug; und Jahre vergingen und beinahe hat ſich ein Jahrzehnt daraus erfüllt, dieſe winzig kleine Spanne Zeit in Betracht der unendlichen Ewigkeit und doch ſo grenzen⸗ loſe Dauer für ein wartendes Herz und eine harrende Seele. Island, das felſige Eiland im nordiſchen Meere, von dem die Sage geht, daß einſt des Südens Sonne darüber geſchienen, daß die Granate im Banne der Inſel geblüht und der Lorbeer die grünenden Zweige geſchüttelt, daß Ritterthum und Minnedienſt am Hofe ſeiner Könige gewaltet, wie weiland an
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453
Folge.
König Artus' Tafelrunde— Island ragt aus dem Meer empor wie eine einſame, altersmorſche Eiche auf dem Brachfeld. Ein Zweig nach dem andern erſtirbt und fällt von dem einſt grünenden Stamme, und die Blätter vermodern am Fuße des Baumes, und bald wird nichts von der ſchattigen Pracht übrig geblieben ſein, als ein dürres Holz, das die vertrock⸗ neten Aeſte jammernd gen Himmel ſtreckt, bis ſich dieſer des traurigen Reſtes erbarmt und ihn umwirft, auf daß er das wieder werde, was er geweſen, Staub und Aſche, und die Leute erzählen dann nur noch aus der Erinnerung alter grauer Zeit von dem Eich⸗ baum auf dem Brachfelde. So wird auch eine Zeit kommen— und ſie liegt aller Wahrſcheinlichkeit nach gar nicht mehr allzu fern, daß der Grönlandsfahrer im Eismeer hinweiſt auf eine mächtige Maſſe flim⸗ mernder Eisberge und ſpricht: da lag vor Zeiten Island!
Denn mit jedem Jahre wird die Scholle kleiner, die dem Bewohner der Inſel ſich gaſtlich zeigt, der Eisgürtel, den Gott um das Eiland gelegt, zieht ſich immer enger zuſammen, wie der Schmerz ſich immer enger um das Herz ſchließt, bis daſſelbe unter deuu Drucke des Grames ganz aufhört zu ſchlagen, bis ſelbſt der Hekla nicht mehr ſpeien und die Geiſer nicht mehr ſpritzen können, denn ihr Feuer erlöſcht und ihre Gluth erſtickt unter dem ſchweren Drucke des isländiſchen Eiſes. Der Isländer flieht mit jedem Jahre weiter hinauf an die Felshöhen des Snäfial und Torfa, oder wandert aus, von der Noth gezwun⸗ gen, wie der Helgoländer mit thränendem Auge von ſeiner ſchwindenden Heimath ſcheidet. Einſt wird der Tag kommen, wo der letzte Islandsſohn, der letzte Erbe Norſen Nadocks, des Seekönigs von Snäland, den Schnabel ſeines Schiffes abwendet von der Wiege ſeiner Kindheit und dem Grabe ſeiner Väter, wo nur noch die Möve kreiſcht über den Felſen und die Eider flattert vor dem unerbittlichen Froſte, Aber auch die Möve wird die Schwingen breiten und fluͤchten aus dem unwirthbaren Eiland, während die Eider im Todeskampf zuckend in den eiſigen Wogen verſinkt: dann wird Alles todt ſein, die Norne von Vagna zieht nur klagend im eiſigen Nebel über das flim— mernde Eisland und der heimathloſe Isländer ſehnt im fernen Land ſich nach der verſunkenen Heimath!
Island iſt dann Eisland geworden.—
So wird und muß es kommen; allein noch ſteht Island und das Meer brauſt immer noch au die Felſen von Iſefjord, die ſich wie Arme hinausſtrecken in die brauſende Fluth, und Edda ſitzt harrend am Strande. Nicht harrt ſie des Vaters, daß er heim⸗ käme vom Fiſchzug, nicht wartet ſie auf Norſen Kor⸗


