452 Novellen⸗Zeitung.
ausgerottet um dieſes Principes willen; kaum, daß die Kugel dem Laufe entflogen und der Mörder ent⸗ flohen iſt, ſo lauert ſchon hinter dem nächſten Felſen der Bruder des Gemordeten und nimmt ſich den Schützen zum Ziele. Pfeife luſtig hin, meine treue Büchſenkugel, es gilt ja die Blutrache! Darum, Junker Erich, kam ich nach Reikiavig, fand Euch aber nicht, und als ich nach Euch fragte, ſagten ſie mir drüben in der Stadt, wie Ihr ſo bleich und ſtill geworden und den ganzen Tag über den Büchern ſäßet und zwiſchen den Steinen der Halde umherirrtet; und als ich dann in meinem Schmerz zu Eurem Ohm kam, da hat er mir geſagt, wie es um Euch ſteht und Knut Hioreif hat ſeine Rache zerbrochen und ſeinen Zorn vergeſſen; der von Gram gebeugte Vater Edda's ſucht den unglücklichen Erich Niegelſon auf, um mit ihm zu klagen! Der Gram bricht die Hioreif's, ſagt die Norne: der Gram ſchwebt über Iſefjord, und bricht das Haus— Erich, da komme ich zu Euch und flehe Euch an um Gnade! Ich bin ein ſtolzer Bauer und will mich doch demüthigen vor Euch, Erich, der Vater Edda's liegt vor Euch auf den Knieen und bittet Euch flehentlich: verlaſſet Island, daß Euch die Edda vergißt und wieder auferſteht aus ihrem Grame!“
Und auf dem Grabe Norſen Nadocks, des See⸗ königs, lag vor Erich auf den Knieen der ſtolze Bauer von Iſefjord, der Syſſelmann im Rath, der reichſte Grundbeſitzer auf Island, der Enkel des Normanns, Knut Hioreif, der Vater Edda's, und die Norne von Vagna zog klagend in ihren Nebeln aus den Klüften und die Nacht legte ſich auf das Land, über die Halde aber wehete durch die Büſche des Sandhaargraſes die Bitte Knuts:„Verlaßt Island!“
Die Nacht!— Du kurzes Wörtlein mit unend⸗ lich langer Deutung! Dem Glücke biſt du eine maß⸗ los kurze Spanne Zeit, dem Unglück eine endeloſe Friſt, den Dichtern bald ein zarter Duft, der über die Lande hin ſchwebt, bald ein Schatten, der wie das böſe Gewiſſen durch die Seele ſo durch die Welt jagt! Was trägt ſich nicht Alles über Nacht zu? Ueber Nacht iſt das Chriſtkind geboren, Nacht ward es, als der Heiland am Kreuze ſtarb und der Vor⸗ hang des Tempels mitten entzwei in Stücke zerriß; über Nacht iſt ſchon manche Stadt erobert und manches Schlößlein gefährdet, um noch einmal auf Uhlands duftige Sage vom Grafen Eberſtein zurück zu kommen; über Nacht iſt im Lenz ein mächtiges Blüthenmeer erſtanden und über Nacht dann Alles wieder erfroren; über Nacht iſt die Myrthe erblüht und dann wieder über Nacht gebrochen; kurz, über Nacht paſſiret gar Vieles. Die Nacht deckt Alles mit ihrem
Schleier zu, Sorge, Gram, Kummer und Herzeleid, Bosheit und Falſchheit, aber auch Güte und Herz⸗ lichkeit; Frühling und Liebe haben da ein freies, aber
verdecktes Spiel, und wie der Morgen zeigt, daß das Haupthaar über Nacht vor Grämen ſchneeweiß geworden
iiſt, ſo zeigt er auch den Kindern, daß über Nacht der beilige Chriſt zu Gaſte geweſen iſt und herrliche Dinge beſcheeret hat. Wir haben ja auch kirchlich und welt⸗ lich berühmte, ſo wie hiſtoriſche Nächte: die Weih⸗ nacht und Faſtnacht, die Ballnacht, Brautnacht und Bartholomäusnacht mögen hier kurz als Beiſpiele gelten.
Nach der Nacht kommt dann der Morgen.
Und der Morgen kam nach der Nacht und die
Sonne ſpiegelte ſich in den Wellen des Iſefjords:
Knut Hioreif war über Nacht heimgekommen und am Morgen mit den Knechten wieder hinausgefahren auf den Fiſchfaͤng, und Edda ſaß einſam am Meer und vor ihr ſtand Erich Niegelſon, der Junker von Seeland.
„Edda,“ ſprach er,„als ich zu Euch kam, war ich ganz unbekannt mit Islands Sagen; damals er⸗ zähltet Ihr mir die Sage drüben von dem Felſen, die Sage, wie der Hakon von Norwegen kam und die Königstochter Edda umfreiete, wie er ſie aber nie er⸗ rungen hätte, wenn nicht Axel der Freund ſich für ihn geopfert!— So weit erzähltet Ihr und mittler⸗ weile habe ich mannigfach in der Sage Eures Vater⸗ (landes geleſen und geforſcht: ſo will ich Euch denn das Märlein vom Hakon weiter erzählen.
Hakon ſaß mit der Edda auf dem Throne von Island und war ein mächtiger König; die Skalden ſangen in den Hallen ſeines Schloſſes, und die Ritter des Eilandes ſchlugen dazu mit den Schwertern an die Schilder. Da kam eines Tages die Botſchaft zum König, der Axel, der ſich für ihn geopfert, ſei weit ſim fernen Lande in ſchmähliche Gefangenſchaft ge⸗ (rathen und ſeufze unter der Laſt ſeiner Ketten, und Hakon'’s Herz wollte ſchier ſpringen vor Schmerz, und obwohl er viele Mannen hätte ſchicken können, um den Freund zu befreien, wollte er doch lieber ſelbſt gehen, alſo gürtete er ſein Schwert um die Lende, nahm ſeinen Schild und trat vor Edda, die Tochter von Island. Die verwunderte ſich gar ſehr, als ſie den Gemahl ſo gewappnet und gerüſtet ſah und meinte anfänglich, er wolle nach Seekönigsart einen Zug gegen Dänemark oder. Finnland, machen, oder es drohe dem Eilande Gefahr von Norwegen oder den Faröern her; was denkt Ihr aber, Edda, daß die Königin zu ihm ſprach, als er ihr den Grund ſeiger Wappnung mitheilte d ihr erzählte, daß Axel— der treue Axel— gefangen liege und ſeufze unter ſeinen Ketten, was meinet Ihr, Edda?“
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