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hervor und legten ſich über die Haide, der Himmel war düſter bezogen und aus der Ferne her rollte dumpf das Brauſen der Woge. Erich war in tiefe Gedanken verſunken; nun waren Tage auf Tage zu Wochen und Wochen zu Monden geworden, ſeit er von Iſefjord geſchieden, und keine Kunde war zu ihm gekommen aus der einſamen, ſtillen Bucht, wo
die Felſen ſich hinausſtrecken wie Arme in das Meer und wo der Mond Abends gerade über dem Waſſer des Fjords ſteht.
„Sie haben mich Alle vergeſſen, Edda und Norſen,“ murmelte Erich düſter,„und Knut Hioreif kennt mich nicht mehr!“.
„O doch, Junker,“ rief da eine feſte
Stimme neben ihm,„Knut Hioreif kennt Euch noch und der beſte Beweis dafür iſt, daß er Euch hier aufſucht
am Grabe Norſen Nadocks; ich war zu Reikiavig im Hauſe Eures Ohms und fand Euch nicht, doch ich mußte Euch treffen um jeden, jeden Preis, und ſuchte Euch darum allüberall, bis ich Euch hier fand!“
„Und was wollt Ihr von mir, Knut Hioreif?“ fragte Erich.
„Es iſt ein ſeltſamer Ort, da ich Euch ſuchte und fand, und da wir miteinander reden wollen, Junker; allein der Grund, der mich zu Euch führt und der Gegenſtand, davon wir miteinander reden wollen, iſt auch ſeltſam; es iſt hier finſter und trübe und es ſchauert mich auf dem Grabe Norſen Nadocks, aber hier drinnen in meinem Herzen iſt es auch trübe und finſter!“
Und Knut Hioreif drückte die Hand auf das Herz, und als ihn Erich anſchauete, da ſah er, wie der ſtarke Felſenmann vom Iſefjord ſich wunderſam verändert in der kurzen Zeit, denn unter der Pelz⸗ kappe ſtahl ſich ein graugefärbtes Haar hervor und auf dem jüngſt noch ſo kräftigen Antlitz lagen tiefe Furchen von Gram und Sorge; und wie er ihn noch ſo anſchauete, hob Knut Hioreif den Blick empor und ihre Augen trafen ſich.
„Um Gottes willen,“ rief Erich erſchrocken, „was iſt mit Euch, Knut, ſeid Ihr krank, oder iſt es die Edda?“
Knut Hioreif ſchüttelte das Haupt.
„Nein, Junker,“ ſprach er düſter,„wie ſollte ich krank ſein, da ich hier bei Euch bin? Und die Edda iſt daheim am Iſefjord!“
„Aber was iſt Euch denn, Knut? Sprecht, ich beſchwöre Euch— iſt Euch ein Unglück und Herzeleid widerfahren?“
Unglück und Herzeleid, Junker Erich, ob mir das
widerfahren iſt? Was nennt Ihr denn Unglück und
Novellen⸗Zeitung.
Herzeleid? Und meinet Ihr denn, daß das vor der“
Zeit grau und alt machen kann?“
Und Knut Hiöoreif ſtrich ſich mit der Hand über die Augen, als wollte er ein trauriges Bild ver⸗ wiſchen, dann ſprach er ernſt:
„Junker Erich, hört mich an; nicht kommt jetzt zu Euch Knut Hioreif, der reichſte Grundbeſitzer von Island, nicht der Syſſelmann von Iſefjord, nicht der Enkel des Normanns,— nein, Erich, der Vater Edda Hioreif's kommt zu Euch und legt ſein bekümmertes Vaterherz vor Euch nieder, der greiſe Vater kommt zum Knaben und flehet ihn an um Erbarmen für ſein Kind!“
Erich machte eine Bewegung, ihn zu unterbrechen; Knut legte die Hand feſt auf ſeinen Arm.
„Unterbrecht mich nicht, Junker,“ ſprach er.— „Die Hioreifs von Iſefjord ſind ein altes adeliges und ſtarkes Geſchlecht; Krankheit und Siechthum waren nie heimiſch auf der Diele von Iſefjord, jedem
fedrängniß des Lebens widerſtanden die markigen Bauern meines Geſchlechtes; nur Eines konnte ſie
ffällen und hat ſie gebrochen Einen nach dem Andern,
ohne Ausnahme die Hioreif's von Iſefjord, das iſt der Gram. Es iſt eine alte Weiſſagung in unſerem Hauſe von der Norne zu Vagna, daß der Gram das Haus der Hioreifs verzehren würde in alle Zeiten, bis Hakon der Norweger wieder käme nach Island und um die Edda freiete; die Zeiten der Sage ſind vorüber, aber der Nornenſpruch gilt noch und dem Knut Hioreif bricht er das Herz, während die Edda, der letzte Sproſſe meines Hauſes, daheim dahinwelkt in Gram und Harm. Es iſt vorüber mit den Hioreifs, wenn Ihr nicht helft, Junker— und darum kommt Knut Hio⸗ reif, der Vater Edda's, flehend zu Euch! Seht, ſeit alten Zeiten war es Brauch, daß die Hioreifs ihre Söhne mit freigeborenen Töchtern Islands vermählten; ſie waren von jeher reich und angeſehen und hätten billig um der edelſten Familie Seelands Grafentöchter freien können, allein Bauer muß bei Bauer bleiben und aus einem Bündniß von Groß und Klein kann nur Elend und Kummer kommen. Treffen zwei Dinge zuſammen, die ungleich ſtark ſind, ſo dienet Eines als Hammer und das Andere als Ambos und beim Drucke übt Eines den Druck und leidet das Andere den Druck; was hilft es denn, Ziegel und Marmor mit Mörtel kunſtreich verbinden? Der Mörtel ver⸗ wittert und der Marmor zermalmt langſam den Ziegel, daß der Regen, von der Farbe des Stein⸗ mehls gefärbt, wie blutige Thränen der Reue von der Wand läuft.„
„Das war von jeher der Spruch der Hioreifs und ſo haben wir es gehalten ſeit Menſchengedenken,
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