Jahrgang 
27-52 (1867)
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Lady Conyngham, die Reize einer Lady Georgine Gordon, Miß Seymour, Mſtrs. Wilmot und vieler anderer ſchönen Eng⸗ länderinnen, die bei allen Bällen des Cärnevals den Preis davon trugen, trieben die hübſchen Parvenues, die Joſephinens ſchönen, vornehmen Anſtand eben ſo ſchle dachahmten, als Kammerjungfern ihrer vornehmen Herrſchäften in Ver⸗ zweiflung..

Viele von ihnen waren in der That ſehr ſchön; wir Engländer aber, beſonders die Damen, an das in den Kreiſen von Carlton⸗Devonſhire und Gordonhouſe herrſchende Weſen gewöhnt, konnten den Prunk, das zur Schau Tragen, die funkelnde Pracht, die überladene Eleganz der Gemahlinnen von Junot, Talleyrand, Murat, Savary und Anderer nicht ohne Lächeln mit anſehen, und die Herzogin von Gordon war es zumeiſt, die hinter dem Fächer Lady Conyngham oder ihrer von himmliſcher Schönheit ſtrahlenden, dabei ſehr be⸗ ſcheidenen Tochter ihre ſpottenden Bemerkungen mittheilte.

Die Gemahlin von Junot erfreute ſich der beſonderen Gunſt des erſten Conſuls, der ſich nicht ſelten über ihre Affection einer hohen Abkunft luſtig machte; denn wenn Madame Junot des Comnener⸗Capitels erwähnte, war ſie eben ſo reizend als die unerreichbaren présisieuses kridicules. Madame de Souza, welche in allen Kreiſen von Fremden, ſo⸗ wohl Engländern, Ruſſen als Polen, ſich des, der Ueberlegen⸗ heit ihres Geiſtes und ihrer Umgangsmanieren gern gezollten Beifalls erfreute, ſuchte ſehr oft die Heiterkeit der engliſchen Hautevolée zu unterdrücken, wenn dieſe ſich allzu vorlaut über die Permons, Andreoßys und andere corſiſche Abenteurer luſtig zu machen pflegten.

(Schluß folgt.)

Zur Geſchichte des engliſchen Jaurnalismus.

Mit der ſchon Jahrhunderte lang früher als bei uns Deutſchen eingetretenen politiſchen Reife des britiſchen Vol⸗ kes ging naturgemäß auch die ſich raſch vollziehende Entwicke⸗ lung ſeines politiſchen Zeitungsweſens Hand in Hand, und es iſt die Geſchichte deſſelben von nicht geringem cultur⸗ und literarhiſtoriſchen Intereſſe, ſo daß ſicher allen unſern Leſern das Nachfolgende ſehr willkommen ſein wird. Es läßt uns einen lehrreichen Blick in die Geſchichte einiger der bedeutend⸗ ſten engliſchen politiſchen Zeitungen thun.

So ſchreibt z. B. Th. Karcher in ſeinem kürzlich veröffentlichten WerkeStudien über die politiſchen und geſellſchaftlichen Einrichtungen Englands über die Preſſe zunter Anderm:

Die erſte gedruckte Zeitung in London erſchien am 23. Mai 1622 unter dem Namen Weekly Newes(Wöchentliche Nachrichten); das Blatt wird im britiſchen Muſeum ver⸗ wahrt. Siebenzig Jahre ſpäter gab es ſchon neun Wochen⸗ blätter; 1709 war die Zahl verdoppelt. Im Jahre 1724 hatte man bereits drei täglich erſcheinende Zeitungen, ſieben, die dreimal die Woche ausgegeben wurden, und ſechs, die am Samstag zur Preſſe gingen; außerdem erſchien die London Gazette(jetzt das amtliche Blatt) zweimal die Woche. Vor dem Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts war die Zahl der Tageblätter auf dreizehn geſtiegen. Das Morning Chronicle ward 1769 gegründet. Lange Zeit war es das bedeutendſte Blatt. Sein zweiter Eigenthümer, Perry, war es, der zuerſt die Parlamentsverhandlungen veröffentlichte. Als Perry 1821 ſtarb, ward das Blatt für 42,000 Pf. St.(eine halbe Million Gulden) verkauft. Da es aber von 1834 an ſich der Bigotterie und dem Rüchſchritt ergab, ſank es immer

Novellen⸗

Zeitung.

tiefer; es ſuchte die Gunſt der fremden Geſandtſchaften, und ging zuletzt dadurch zu Grunde, daß es ſich in die Hände der Napoleon'ſchen Regierung gab. Während ſeines Beſte⸗ hens hatte es die Preſſe von einem Zuſtand ſchweren Drucks ſich zu vollſter Freiheit erheben geſehen. England iſt, wie die Länder des übrigen Europa's, reich an geſetzlichen Waffen gegen die Preſſe; nur ſind ſie verroſtet, und Niemand denkt mehr daran, ſie anzuwenden. Schon Eduard I.(1272 1307) veröffentlichte ein Geſetz gegendie Veröffentlichung falſcher Nachrichten, und das heutige Napoleon'ſche Regi⸗ ment kann ſich alſo hierin auf ein ſechs Jahrhunderte altes hiſtoriſches Recht berufen. Unter den Königen aus dem Hauſe Tudor(1485 1603) durfte man nur denken wie der König befahl, alſo auch nur ſo ſchreiben; den Druckern, die mißfällige Schriften in die Preſſe gaben, ſchnitt man Ohren oder Hände oder beides zuſammen ab. Die Stuarts (1603 1689) machten es nicht beſſer; König Jakob I. erklärte jede Schrift für ein Libell, d. h. für verleumderiſch, und der Beweis der Wahrheit war nicht zugelaſſen. Erſt 1697 ſchaffte das Unterhaus die Cenſur endgültig ab. Das Recht, die Verhandlungen des Parlaments zu veröffentlichen, i*ſt erſt in dieſem Jahrhundert anerkannt worden.

Auch in Kinglake's trefflichem Buche über den Krim⸗ krieg finden ſich höchſt anziehende Notizen über das Aufblü⸗ hen und Wachſen des engliſchen Zeitungsweſens, beſonders über das der Times.

Die Times rechnet ihren Urſprung von der franzöſiſchen Revolution; ihr erſtes Blatt erſchien auf Neujahr 1788. Ihr Eigenthümer war John Walter, und noch heute gehört ſie ſeiner Familie, und wird noch in demſelben Hauſe gedruckt, zu Printing Houſe Square in der Citwy Am 29. November 1814 ward ſie zum erſten Mal auf einer Dampfpreſſe gedruckt, welche unſere Landsleute König und Bauer, die Erfinder der Schnellpreſſe, gebaut hatten. Jetzt wird der Letternſatz des Blattes auf eine eben ſo einfache als ſinnreiche Weiſe viermal auf runde Walzen ſtereotypirt, und da jede ihrer Preſſe achttauſend Exemplare in der Stunde liefert, ſo vermag ſie in drei bis vier Stunden ihre ſechzigtauſend Exemplare fertig darzuſtellen. Ihren großen Aufſchwung nahm dieTimes zur Zeit der Napoleon'ſchen Kriege. Damals ließ Hr. Walter die neueſten Nachrichten vom Feſt⸗ land mit ſolcher Schnelligkeit kommen, daß er ſie oft früher als die Regierung empfing. Sie machte ſich dem Publicum unentbehrlich, indem ſie es ſich vorzugsweiſe zur Aufgabe ſetzte, die öffentliche Meinung zu ergründen und deren Aus⸗ druck zu ſein. Die höchſte Blüthe der Times fällt in die Zeit von 1848 bis 1860. Seitdem ſind die Kaufleute der City mißtrauiſch geworden gegen das Blatt, das ſie bei wichtigen Finanzfragen in Irrthum führte, ſo bei denen, welche Mexico und den amerikaniſchen Bürgerkrieg betrafen. Die Times ſetzte ihre alte Aufgabe beiſeite, das Organ der wirklichen Meinung des Landes zu ſein. Indeſſen iſt ihr Einfluß ſo gewaltig, daß es Jahre bedarf, um ihn auf merkliche Weiſe zu mindern. Noch immer verhandelt ſie als Macht mit jeder anderen Macht, und ſie leiſtet unberechenbare Dienſte durch ihre ungeheure Verbreitung.An die Times ſchreiben iſt die letzte Hülfe der Unterdrückten. Die Times wird von mindeſtens einer halben Million Menſchen geleſen. Das ganze Leben Englands ſpiegelt ſich in ihren Spalten. Außer der Maſſe Anzeigen, die ſie in ihrem Hauptblatte enthält, veröffentlicht ſie täglich acht bis ſechzehn Rieſenſeiten, die nur den Anzeigen gewidmet ſind. Und der Preis der letztern iſt ſo hoch, daß eine einzelne Spalte ſchon ein nettes Sümm⸗

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