Jahrgang 
27-52 (1867)
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Dierle

erzählte mir Trotter eines Tages und es ergab ſich wie im Großen, ſo aus dem geringſten Kleinen der ſprechende Beweis, daß der Kreis der Tuilerien ſich nach und nach zu einem Hofe umgeſtalten würde. Als die Gemahlin des erſten Conſuls in der Oeffentlichkeit erſchien, mit einem reichen, dem Nationalmuſeum entliehenen Cameenſchmuck, ruinirten ſich die Modehändler und Juweliere durch den Ankauf ſolcher antiken Gemmen; und als Joſephine eine Tunica von oſt⸗ indiſchem Gewebe getragen hatte, konnten alle Befehle des erſten Conſuls die Damen nicht zu den Producten von Lyon zurückbringen.

Nach den ſervilen Nachahmungen von Joſephinens Kleidung, die nicht allein an den Frauen der Generale und der Beamten der Republik, ſondern auch an denen der zurück⸗ gekehrten Emigranten und cidevant Royaliſten zu ſehen waren, konnte man wohl ahnen, daß aus der conſulariſchen Regierung nach und nach ſich ein Thron erheben müſſe, wie das Schaffot unvermerkt aus der verwegenen Gewalt der Royalität entſtanden war.

Bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit Fox legte der erſte Conſul eine ſichtbare Bewegung an den Tag; eine Art Rührung flog über ſeine ſtarren Züge, als er ihm die Hand reichte. Es war darin nichts Gemachtes. Unbegreiflich aber war ſeine gänzliche Unkenntniß des Namens eines Lord Erskine, den Fox als den eines Mannes erwähnte, der früher als er ſelbſt für die Rechte der Menſchheit gekämpft und dadurch wiederholt ſich die Ungnade der Regierung zugezogen habe. Es ſprach bei mir ſehr zu ſeinen Gunſten, als er der Familie von Charles Fox den Vorrang vor der ſtolzen Herzogin von Gordon und ihrer Tochter anwies. Man ſah daraus, daß Name und Ruf des volksfeindlichen Herzogs ihm be⸗

kannter waren, als der des menſchenfreundlichen Lords Erskine.

Und doch war ich mitunter empört über die ſchroffen Manieren des erſten Conſuls, und theilte jederzeit bei meiner Rückkehr aus den Tuilerien den allgemeinen Enthuſiasmus über die Liebenswürdigkeit Joſephinens und ihrer Tochter.

In den Kreiſen der Familie Beauharnais bemerkte ich jene freundliche Herablaſſung des alten franzöſiſchen Hofes, und in Bonaparte und ſeiner Schyweſter die ungeſittete, ge⸗ wöhnliche einer corſikaniſchen Pachterfamilie.

Nach wiederholten Beſuchen und häufigen Unterredungen fühlte ich mich jedoch beſchämt, den umſichtigen, großdenkenden Mann, unter deſſen beſonderer Mitwirkung ein verfallenes Königreich wieder erſtehen ſollte, nach der einfachen Kleidung, den gewöhnlichen Manieren und dem wenigen à son aise bei einer Staatsceremonie beurtheilt zu haben.

Der Geſetzgeber, der ſchon allein durch ſeine Siege hätte berühmt ſein können; der General, dem die Weisheit ſeiner Geſetzgebungen ſchon ÜUnſterblichkeit verleihen konnte, der in ſeiner hohen, ſchwierigen Stellung noch mit Künſtiern und Gelehrten verkehrte, durfte nicht auf kleinliche Weiſe be⸗ urtheilt werden.

Die Fortſchritte der Künſte und Wiſſenſchaften, das

Folge. 443

Conſuls tuaneif eine, die ſeine Feinde ihm abzuſprechen pflegten, und ſeine Freunde nicht genug verfochten haben: die Güte ſeines 5 ens.

Ein politiſcit Mord, zu dem er auf Veranlaſſung eines böſen Geiſtes irken mußte, hat ſeinen Charakter in den Augen der Enckänder und antirevolutionären Franzoſen in ſo ſchlechten Credit geſetzt, daß es beinahe zu unſerer Religion gehört, den natürlichen Feind unſeres Landes als den Mörder des Herzogs von Enghien zu bezeichnen. Wenn wir aber politiſche Feindſeligkeiten und die böſen Eingebungen jenes verſchmitzteſten aller Politiker, des Herrn Talleyrand,*) ab⸗ rechnen, ſo werde ich mich nicht einen Augenblick beſinnen, die Gutmüthigkeit des nachherigen Kaiſers zu beſtätigen.

Napoleon war der gute Sohn einer herrſchſüchtigen Mutter, ein guter Bruder ſeinen Brüdern, die mehr als ein Mal durch ihre Intriguen ſeinen Thron in Gefahr brachten; ſo ſeinen Schweſtern, die ihm durch Galanterie und Ver⸗ ſchwendung keine Ehre machten. Der verſchwenderiſchen, ungetreuen Gemahlin war er ein nachſichtiger Gatte und ein liebender für die Mutter ſeines geliebten Kindes.

Napoleon war auch nachſichtig gegen ſeine Stiefkinder, billig gegen ſeine ganze Hofhaltung, und bis zur Schwäche ſeinen Waffenbrüdern geneigt.

Seine Güte war doppelt ſo wahr als die Joſephinens. Es wäre eben ſo ungerecht, Nelſon einen hartherzigen Mann zu nennen, weil er die Hinrichtung der Caraccioli in Neapel zuließ, als Napoleon ein Ungeheuer, weil er zu der Ein⸗ willigung von Enghiens Todes theil verleitet werden konnte.**)

Es ſei jedoch bemerkt, daß dieſe meine Vextheidigung ganz uneigennützig iſt und nur um meines Gewiſſens willen geſchieht, denn mir ward von Seiten des erſten Conſuls damals kein Zeichen beſonderer Huld zu Theil, und einer der wenigſt angenehmen Züge ſeiner Aufrichtigkeit beſtand in ſeiner unüberwindlichen Antipathie gegen die Engländer.

Je länger ich lebe, deſto mehr überzeuge ich mich, daß dieſer Haß eben ſo gegenſeitig als unauslöſchlich und inſtinct⸗ mäßig iſt, daß er nur zeitweilig durch zufällige Motive über⸗ wunden werden kann, daß er ſelbſt ausgezeichnete und geiſt⸗ reiche Männer beherrſcht. Es iſt ein Nationalhaß, der ſchon achthundert Jahre gedauert hat und weitere Jahrhunderte dauern wird.

Der Conſul konnte wohl dem unbeſtrittenen Genius eines Fox huldigen, ſowie er als Kaiſer dem Verdienſt eines Jenner und anderer Gelehrten, beſonders wundärztlichen Forſchungen huldigen konnte. Aber er machte kein Geheim⸗ niß aus ſeinem Widerwillen gegen das ſtolze, anmaßende Be⸗ nehmen der Herzogin von Gordon, oder gegen das dünkelhafte Dandyweſen unſerer Vollblutmänner. Auch gab er ſich durch⸗ aus nicht die Mühe, die zuweilen erſcheinenden Ausbrüche ven Wuth gegen unſeren pomphaften Repräſentanten, Lord Whitworth, zu unterdrücken.

Man muß geſtehen, daß die Damen des conſulariſchen

Heranwachſen nützlicher Inſtitutionen zeugten ſchon vom Ge⸗ Hofes dieſen Widerwillen ſehr geſchickt zu einer Flamme

deihen des Gemeinwohles. Louvre neueingerichteten Galerie mit Denon und Millin

nach einigen in Begleitung des jungen Charles Flahaut

Als ich eines Tages von der im anzufachen wußten, denn die jugendliche Schönheit einer

*) Es hat ſich ſpäter herausgeſtellt, daß Talleyrand um die

unter den Trophäen des letzten Feldzuges verbrachten Stunden Verhaftung des Herzogs zwar gewußt, daß aber nicht er, ſondern

faſt wie ein Berauſchter zurückkehrte, war ich ſehr bereit,

dem erſten Conſul die ſchroffen Blicke zu verzeihen, die er einer, die Gaſtfreundſchaft der Tuilerien in Anſpruch nehmenden Schaar engliſcher Reiſenden zugeworfen hatte.

Unter den vielen guten Eigenſchaften des damaligen!

der ſervile Savary es war, der ohne Wiſſen des Kaiſers das Vollziehen des Todesurtheils beſchleunigte..

**) Der Unterſchied aber beſtand darin, daß Nelſon den Ein⸗ flüſterungen einer Buhlerin Gehör gab, während Napoleon einen Mann verhaften ließ, der im engliſchen Solde ſtand und die Sicherheit der neuen Regierung bedrohete.