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Rovellen⸗Zeitung.
meinen Geiſt, fobald ein Zufall mir den Zeitraum vor Augen purlicht über die gebrochenen Thürme und Bogenfenſter der
führt, in der ſeine ſtaatsmänniſche Thätigkeit in der Zurückge⸗ zogenheit des Weltweiſen ihren Abſchluß Jefunden hatte.
Es iſt James Trotter Esq., der einſtige Geheimſecretär von Charles Fox, unter deſſen zahlloſen Freunden der intimſte, der ſeiner Zeit viel berühmte Irländer, in deſſen Armen der große britiſche Staatsmann verſchied, der in England der Erſte der Menſchen genannt wurde,— der Mann, der, bald hoch gefeiert, bald verkannt, erſt dann die gebührende Wür⸗ digung fand, als der Tod ihn erlöſt hatte nach langen Kämpfen mit ſeinem hochtragiſchen Schickſal.
Trotter beſaß ein tiefes Wiſſen, vereint mit jener Genia⸗ lität, durch welche man neben der Achtung bald auch eine warme Zuneigung für die Wiſſenden empfindet. Begabt mit einem empfänglichen Herzen, war er gleich Charles Fox, ſeinem einſtmaligen Gönner, hochbegeiſtert für die Rechte der Menſchen, für die ihnen von Gott verliehene Freiheit. Aber auch an Eigenthümlichkeiten fehlte es ihm ſo wenig, als es den meiſten ſeiner enthuſiaſtiſchen Landsleute daran nicht gebricht.
Als ich dem merkwürdigen Manne auf einer Wanderung durch die öſtlichen Provinzen von Irland zum erſten Male begegnete, hatte er nahe an 2000 engliſche Meilen zu Fuß gemacht, um von Ort zu Ort das ihm geeignet erſcheinende Material zu ſeinem großen Geſchichtswerke über Irland zu ſammeln, welches leider durch ſeinen frühen Tod unvollendet blieb. Trotter war damals nur von ſeinem treuen Schreiber Frank begleitet, der zugleich die Stelle eines Leibdieners bei ihm verſah. Das ganze Reiſegepäck deswandernden Philoſophen beſtand in einiger Leibwäſche, die Frank in einer keinen Valiſe mit der ledernen Schreibmappe ſeines Gebieters auf dem Rücken trug.—
Es war in Tinderen, wo wir uns begegneten, dem ſchönſten Dorfe des grünen Inſelreiches; ein Ort, der es hin⸗ ſichtlich ſeiner bezaubernden Umgebung und was ſolide Bau⸗ art und die Bildung ſeiner Einwohner betrifft, mit dem beſten engliſchen Marktflecken aufnehmen kann.
Während eines Anfenthaltes von faſt acht Tagen war eine nähere Bekanntſchaft bald gemacht. Die Art unſerer Beſchäftigung führte uns täglich zuſammen. Indeß Mr. Trotter die älteren Leute ausfragte und die Reſultate, die er ihren Erzählungen entnahm, ſeinen früheren Notaten an⸗ reihete, ſkizzirte ich die umfangreichen prächtigen Ruinen der Abtei Tinderen, die unter den in Irland vorhandenen Reſten gothiſcher Baukunſt zu den impoſanteſten gehören.
Jene Tage werden mir vor vielen anderen, die ich im Auslande verlebte, unvergeßlich bleiben. Einmal wegen des
merkwürdigen Mannes, mit dem der Zufall mich in Tinderen zuſammenführte, um ſpäterhin nur um ſo tiefer ſein endliches tragiſches Schickſal zu beklagen— dann wegen der Begründer des ſchönen Dorfes, die ehrliche Pfälzer waren, deren betrieb⸗ ſame Nachkommen ſeit nahe 200 Jahren der Provinz Wexford zum leuchtenden Vorbilde gedient haben.*)
Es war an einem herrlichen Sommerabend; die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne ergoſſen ihr magiſches Pur⸗
*) Verfaſſer hat ſich bei dem Leſen der neuern Reiſeberichte, welche von deutſchen Touriſten über Irland veröffentlicht wurden, mehr als einmal gewundert, daß die darin enrhaltenen archäo⸗ logiſchen, geographiſchen und geſchichtlichen Angaben ſich nur jehr auf der Oberfläche gehalten haben. Es würden ihnen im andern Falle weder die Ruinen von Kilmalock, die verſchiedentlich mit den Ruinen von Palmyra und Balbeck verglichen ſind, die Veſte des berühmten weißen Ritters, noch die prachtvollen Ruinen der Über dem von Deutſchen Sagündeten gleichnamigen Dorfe gele⸗ genen Abtei Tinderen entgangen ſein tönnen!
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einſt ſo mächtigen und prächtigen Abtei. In der Natur herrſchte jene feierliche Stille, welche im Hinblick auf die groß⸗ artigen Trümmer den Eindruck einer zu unſerer Seele her⸗ anſchwebenden ruhmvollen Vergangenheit noch lebendiger macht, als wir zur beſtimmten Stunde uns zuſammenfanden, um auf der zum Hauptportale führenden Terraſſe im Blick über das ſchöne Thal zu unſeren Füßen und im gelegentlichen Geſpräch vom vollbrachten Tageswerk Erholung zu finden.
Das ſchöne Bild unten im Lande führte mir heute lebendiger, wie die Tage zuvor, das Bild der eigenen Heimath vor die Seele, als nach dem Klange der Feierabendsglocke, ſpäter als gewöhnlich, die Schnitter ſingend hinter den hoch⸗ geladenen Erntewagen in die ſchönen Gehöfte heimkehrten.
Trotter, der, wie er mir erzählte, ſolch ſchöne idylliſche Bilder ſchon an den Ufern des Rheines und der Moſel kennen gelernt hatte, als er mit ſeinem Freunde Fox im Jahre 1802 kurze Zeit dort verweilte,*)— ſprach den Wunſch aus, daß es bald überall ſo wie hier, im urdeutſchen Tinderen, in ſeinem Vaterlande ausſehen möchte! Und daß es ihm damit Ernſt war, erkannte man aus dem Blick ſeines aufleuchtenden Auges, aus einem tiefen Seufzer, der ſeiner hochathmenden Bruſt ſich entrang, als er im tiefen Tone der Stimme die Worte ausſprach:„Zu ſolch einem allgemeinen Segen wird's nimmer hier zu Lande kommen, ſo lange unſere geſegnete Inſel wie bisher mit eiſernen Ketten an England geſchmiedet bleibt.“
Mein neuer Bekannter kam in ſeinem, allen Völkern Freiheit erſehnenden Ideengange oft auf Frankreichs Zuſtände während der Revolution zu ſprechen. Obgleich kein eigent⸗ licher Bonapartiſt, erging er ſich gern in Erinnerungen an die Zeit, wo er in Begleitung ſeines Freundes Fox nicht allein bei dem erſten Conſul, ſondern auch in den Cirkeln von Joſephine und in den Aſſembleen des geſpreizteſten höchſten engliſchen Adels Zutritt erhielt. Die Elite der ſtolzen britiſchen Ariſtokratie hatte nämlich in großer Zahl die Zeit des kurzen Friedens von Amiens benutzt, ſich in Paris mit den Veränderungen des Tons bekannt zu machen, der unter der Conſularregierung die Cidevantformen ſo bedeutend alterirt hatte.
Trotter's Bemerkungen über das Paris von damals, die Bruchſtücke, die er mit aus mit Fox gehabten Unterhaltungen mittheilte, während ſie in der Seineſtadt verweilten, waren mitunter ſo eigenthümlicher Art, ſowohl ihn ſelbſt, als den britiſchen großen Staatsmaun ſo ſcharf charakteriſirend ,daß ich daraus einzelne Stellen, gleich Palingeneſieen, meinem Gedenkbuche einzuverleiben nicht unterlaſſen konnte. Wenn ich mir deren Veröffentlichung in dieſen Blättern geſtatte, glaube ich keine Indiscretion gegen den Mann zu begehen, der mir bei wichtigerern Mittheilungen, die er mir bei einem ſpäteren Wiederſehen machte, nie das Gebot der Geheim⸗ haltung auferlegt hat.
Ueberdies hat ſich ſchon ſeit vielen Jahren das Grab über dem großen Patrioten geſchloſſen. Der Tod ſteckte den langjährigen Leiden des edlen Mannes, die dem ſtolzen Eng⸗ land zur unauslöſchlichen Schmach gereichen, ein endliches Ziel.*)——
Wir befanden uns kaum eine Woche in Paris— ſo
*) Er machte damals die Studien zu dem ſpäter von ihm erſchienenen Heldengedichte: The warriors on the Rhine(Die Krieger am Rheine).
**) Verfaſſer beabſichtigt, ſpäter in der Novellenzeitung darauf zurückzukommen,


