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ſtellung einen höchſt werthvollen Theil der isländiſchen Literatur ausmachen, vermiſchten ſich ſpäter mit vielen Sagen des ſüdlicheren Europas, die die Dichter und Gelehrten des Eilandes von ihren Reiſen mit heim⸗ brachten und durch Ueberſetzungen der isländiſchen Literatur anreihten, wie die Thätigkeit der Geiſtlichen derſelben auch bibliſche oder weltliche Chroniken und Legendenerzählungen zuführten. Dazu wären dann noch die unterſchiedentlichen Recht⸗ und Geſetzbücher, die Islands Fürſten ihrem Volke vorſchrieben, zu rechnen.
Wir finden ſomit in der isländiſchen Literatur neben Rechtsbüchern und hiſtoriſchen Werken alter Zeit mehrere größere Legendenkreiſe, die dem Fremden ein wunderſames Reich der Sage eröffnen und die es ihm möglich machen, ſich gewiſſe Kunde über das Märchen zu verſchaffen, das ihm der weißlockige Rinder⸗ hird auf der Haide von Torfa erzählt hat. Es iſt aber eine gefährliche Sache, in dieſen Grund zu tauchen, denn ſchwerlich gelingt es dem kühnen Taucher, wieder
emporzukommen an das Licht des nüchternen Alltag⸗ lebens aus dem wunderſamen Meeresſchloſſe der Sage
von Island.
So ging es auch Erich.
„Die allgemeine Literatur,“ hatte Olaf Niegel⸗ ſon, ſein Oheim, zu ihm geſprochen,„gleicht einem Baum, der langſam in ſich ſelbſt zerfällt und in ſeinem Verdorren und Vermodern nimmer die Kraft beſttzt, einen friſchen Zweig„der eine ſchattige Wipfelkrone zu treiben, indeß aus ſeinen Wurzeln, die der Strom des Lebens halb vermodert und verſpült hat, eine un⸗ endliche Maſſe wilder Schößlinge treibt, die, ohne je zu der Hoffnung zu berechtigen, daß ſie Bäume werden köunten, dem Stamme auch noch die letzte Kraft ent⸗ ziehen, die Urkraft des die Wuxzeln umgebenden Bodens. Die poetiſche Kraft des Volkes kann heutzutage nicht einmal mehr in die Literatur dringen, obwohl dieſe im Volke wurzelt, da zwiſchen beiden das Geſchmeiß der Dichterlinge ſteht, die gierig ein jedes Tröpfchen Volksreim in ſich ſaugen, um daraus einen unreifen, fahlgrünen Trieb zu ſchießen. Und dieſes Unglück und hölliſche Leidweſen finden wir faſt in allen Ländern, die ſonſt durch Dichtung und Reimkunſt ſich hervor⸗ gethan: Italien, England, Frankreich, ja ſelbſt Deutſch⸗ land geht unter in dem übermäßigen Poetendrange, der jedes irgendwie befähigte Gemüth zu dem Aber⸗ glauben verführt, es nenne ein eminentes Dichter⸗ talent ſein. Das Sprüchwort ſagt: Was ein Haken werden will, krümmt ſich bei Zeiten; das iſt aber nicht ſo zu verſtehen, als würde ein jeder Menſch, der in ſeinen Jugendjahren einmal einen paſſablen Reim gefunden, ein großer Dichter, und es kann
Novellen⸗
Zeitung.
dieſen Dichterlingen gar nicht genug an das Herz gelegt werden, daß man im Beſitze einer Heerde allerdings ein Hirt, als Verfertiger von Gedichten aber noch lange kein Dichter iſt. Da haben wir denn dieſen Wuſt von Poetereien, der wie Schlamm im Fluſſe der Poeſie liegt; nur das Natürliche iſt ſchön, aber eben, um zu glänzen, greifen die Poeten unſe⸗ rer Zeit nach dem Unnatürlichen und verlieren dadurch das Schöne. Es verſteht ſich ja auch von ſelbſt, daß auf einem ſo überdüngten Boden des geiſtigen
Lebens ſich nur überreife Pflanzen geſtalten können:
hat man doch dem Boden ſchon ſo viele treibende, künſtliche Beimiſchung gegeben, daß er ſelbſt längſt aufgehört hat, natürlich zu ſein!
„Will man alſo reine, natürliche Poeſie finden,
muß man ein Naturland und ein Naturvolk ſuchen, dem die Cultur nicht ſchon alles Natürliche genommen hat, und das, mein Erich,“ ſo ſchloß Olaf Niegel⸗ ſon ſeine Rede,„findeſt Du bei uns auf dem felſigen Eiland!“
So war Erich durch ſeinen Oheim, der ſich viel⸗ fach mit Islands Literatur beſchäftigt hatte, bekannt geworden mit den Werken der isländiſchen Meiſter und konnte ſich nun nicht wieder losreißen von der Pracht dieſer Dichtung. Islands Poeſie ſteht einzig da, wie die Farbe ſeines Nordlichtes ſich in keinem Lande findet; denn was man im Süden mittheilt in Uebertra⸗ gung und Ueberſetzung, iſt ſo matt, wie der Schein des Nordlichtes, der ſich über die ſüdlichen Länder verirrt; zum Blenden des Nordlichtes gehören Islands Felſen und Gletſcher, zu Islands Poeſie gehört Islands Meerbrauſen und das Kreiſchen der Möve und der Schrei der Eider am hangenden Fels. Erich hörte
und las, und ward ringsum bekannt in der Sage
des Landes, erſt mit den Meiſtern. Da lebte Bragi, der erſte Skalde, noch vor Harald Haarſchöns Zeit; an Harald's Hofe aber ſang Thiodolf von Huin, der die Götter zu Königen machte, während Torbiörn Hornklofi hinreißende Schlachtenbilder dichtete. Um des Jarlsnid wegen, eines Spottgedichtes, fiel Einar Skalaglamm unter dem Racheſchwert des Jarl Hakon, eines Fürſten, der den Thorleif um eines Lobgedichtes willen mit einem vergoldeten Schilde beſchenkte, und Egill Skalagrimsſon rettete ſich durch ſein Helden⸗ lied aus der Lebensgefahr bei Erich Blutaxt, worauf er das Fahren an fremde Höfe bei den isländiſchen Skalden, deren viele genannt werden, aufgebracht haben ſoll. Von den Dichtern kam Erich auf die Dichtungen ſelbſt: Snorre Sturleſons jüngere Edda, das Lied vom Wanderer, vom Odin und Balder’'s Geſchick, der Rabenruf Odin's über Balder's Tod, das Lied von Völund dem Schmied, die Klage der Oddrun,
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