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VYierle
ſelbe geſchrieben und geſprochen wird. Der allgemeine Eindruck, mit dem uns die isländiſche Sprache ent⸗ gegentritt, iſt derſelbe, den das Auge des Fremden von den jähen und ſcharfgezackten Felsgebirgen Is⸗ lands empfangen mag: rauh und hart iſt ihr Klang, feſtgefügt und ungelenk ihr Bau, ihr Styl ein eigent⸗ licher Lapidarſtyl— aber mit Leichtigkeit lieſt der heutige Isländer die Sagas ſeiner Vorzeit und in ihrer Sprache ſchreibt er für den allgemeinen Mann wie für den Gelehrten. Islands Sagenkranz iſt wunder⸗ bar und das Lied ſeiner Märchen ohne Grenzen, denn an jedem Felſen hängt eine Ueberlieferung alter Zeit und auf dem Grunde der Buchten ruhet ein Mär⸗ lein, und ein jeder Quell ſpringt luſtig hervor aus dem Hauſe der Frau Saga.
Und woher kommt das?— Island liegt im Norden und während die Cultur, dieſe ſchlimmſte Feindin der traditionellen Ueberlieferung, gierig die Lande beleckt, die ſonſt die Wiegen der Sage waren, während ſelbſt der Märchenſtern des Morgenlandes erbleicht, liegt über dem Norden noch ein duftiger
Nebel- von Sage, Märe und Fabel; Norwegen, Schweden und Finnland ſind noch wahre Gärten der Dichtung; auf dem grünen Irland ſtreift, wenn auch ſchon ſeltener, noch Frau Hulda mit ihrem luſtigen Jagdgefolge— und mitten im eiſigen Ocean liegt, im Nebel des Morgens geborgen, Island, der Herd der nordiſchen Sage. Tauſende von Märchen kreiſen ringsum im felſigen Eiland und pflanzen ſich fort von Geſchlecht auf Geſchlecht, der Fiſcher erzählt dem Hirten von dem Meer und der Hirt dem Fiſcher von der Kluft zwiſchen den Felſen. Man kann hier der Eigenthümlichkeit Erwähnung thun, die man nur bei der isländiſchen Literatur zu beobachten Gelegenheit hat: daß nämlich Gedichte ohne Schrift entſtehen und ſich Jahrhunderte hindurch bis zu ihrer Aufzeichnung treu erhalten, iſt eine alltägliche Erſcheinung und läßt ſich aus der Literatur, oder, wie man es jetzt zu nennen beliebt, Culturgeſchichte jedes Volkes und jeglichen Landes belegen; daß jedoch auch proſaiſche Compoſition vor der Schrift und nicht, wie ſonſt, erſt mittelſt und in Folge derſelben ſtattgefunden und nur auf dem Wege mündlichen Vortrages der Schrift überliefert worden iſt, damit kann allein Island ſich zeigen. Allein nicht blos mündlich ruhet die Sage in Is⸗ lands Schooß— die unendliche Menge und Viel⸗ fältigkeit der Sage, die ſich auf Grund der Götter⸗ und Heldenſage zu einer reichen Poeſie entfaltete und was ſie im Mutterlande Norwegen gekeimt, durch die Kunſt der Skalden auf Island zur Reife brachte, machte an Stelle der mündlichen Tradition bald eine ſchriftliche Aufzeichnung wünſchenswerth, und da
Kolge. 437 Island, wie wir oben ſahen, ſchon in einer Zeit, die für uns noch den Anſtrich grauer Sagenzeit hat, der Sitz der Cultur und Bildung war, fanden ſich leicht Männer, die es ſich zur Lebensaufgabe machten, die Sage Islands niederzuſchreiben, um ſie zu er⸗ halten für Kinder und Kindeskinder und für die ſpäteſten Zeiten. Dieſe poetiſche Literatur läßt in ihren zum überwiegenden Theil nur fragmentariſchen Ueberreſten einen ſtarken, kaum irgendwie vermittelten Gegenſatz wahrnehmen zwiſchen älterer einfacher und ſpäterer, künſtlicher Poeſie, von denen erſtere durch die Gedichte der älteren Edda, letztere durch die Skalden⸗ dichtung repräſentirt wird. Jene, die für uns in vieler Hinſicht die wichtigſten Denkmäler der nordiſchen Poeſie ſind, zeichnen ſich durch ſtrenge Gedrungenheit, gewaltige Kraft und kühne Größe, wie ſie uns nur aus der altheidniſchen Zeit mächtig entgegentreten kann, aus und gehören dem nationalen Epos an. Es ſind dies die Lieder der Götter⸗ und Heldenſage, denen ſpäter, als das volksmäßig epiſche Lied verhallte, die kunſtmäßige Skaldenpoeſie folgte; dieſe warf ſich haupt⸗ ſächlich auf das hiſtoriſche Lied und das Loblied, zu deſſen reicher Einkleidung ſie auch die Mythologie verwendete. Schon im elften Jahrhundert verfällt die Skaldendichtung nicht allein in der Kunſtmäßig⸗ keit ihrer Form, ſondern auch in ihrem Gehalt; es iſt dies eigentlich nicht zu verwundern, da ja das hiſtoriſche Lied bei der hiſtoriſchen Ausführlichkeit und Genauigkeit eben, die von ihm gefordert wurde, ſich nimmermehr der proſaiſchen Erzählung näherte; doch verſtummte die ſkaldiſche Poeſie erſt gänzlich, als mit Hakon VI. die Begünſtigung der Skalden als Hofdichter aufgehört hatte. Neben dem altepiſchen Liede und zum Theil ihm angeſchloſſen erſcheint auch die gnomiſche Dichtung, das Spruchgedicht in der älteſten Zeit der isländiſchen Poeſie; auch kam im vierzehnten Jahrhundert in Island eine chriſtlich⸗ geiſtliche Poeſie auf, die ſich in Lobgeſängen und in Bearbeitungen von bibliſchen Geſchichten und Heiligen⸗ legenden kund that. Daß das vorzugsweiſe ſogenannte Volkslied ſchon früh vorhanden war, iſt glaublich, und Spuren von ihm finden ſich ſchon frühzeitig; doch ſcheint es ſich erſt nach dem Verfall der Kunſt⸗ poeſie reichlicher entfaltet zu haben.
Die erſten Spuren der literariſchen Proſa finden wir auf Island zu Anfang des zwölften Jahrhunderts, wo Ari der Weiſe zuerſt die Geſchichte der Inſel und deren allmäliger Bevölkerung ſchrieb. Dieſen erſten Aufzeichnungen folgten ſpäter in proſaiſcher Form theils die alte Heldenſage, theils die Thaten der Könige, berühmter Männer und einzelner Geſchlechter; ſolche Sagen, die in Hinſicht auf Inhalt und Dar—


