436 Novellen
zieht den blauen Faröern wieder zu, denn hier iſt es zu traurig auf Iſefjord!
Da klappert ein Roßhuf den felſigen Hang her⸗ unter, Edda ſchauet verwundert auf, Norſen Kor⸗ drauſon iſt's, der heimkehrt von der Meſſe zu Reikia⸗ vig; und wie er die Jungfrau erſchauet am Strande, da ruft er fröhlich:
„Grüße Dich Gott, Edda— viele Grüße vom Junker!“
„Danke ſchön!“erwiderte Edda ruhig und ſchwieg.
„Aber hat es Dir denn nicht leid gethan, daß der Erich fortging?“ fragte Norſen.
„Es muß ihm doch nicht mehr gefallen haben in meines Vaters Hauſe!“ entgegnete Edda mit feſter Stimme, ohne daß ihr die Wimper zuckte. Und nach einem Weilchen, währenddem ſich Norſen ver⸗ legen mit ſeinem Rößlein zu ſchaffen machte, ſprach er:
„Wo ſteckt denn der Nielſen Trampe?“
„Der iſt nach Grönland gefahren auf den Wall⸗ fiſchfang, wollte auch nicht mehr daheim bleiben!“ ſagte Edda und ſchauete dem Stiftsamtmann von Vidöe ruhig und klar in das Antlitz.
„Und Dein Vater, Edda?“
„Was Ihr für Fragen thut, Norſen! Wo wird mein Vater denn wohl anders ſein, als draußen auf dem Meere zum Fiſchfang: hat ſich bei uns im Hauſe doch Nichts geändert und iſt doch Alles beim Alten geblieben!“
Und Norſen Kordrauſon ſagte der Edda Lebe⸗ wohl und ſpornte ſein Rößlein; als er aber um die nächſte Felſenecke gebogen war, ſchüttelte er ſein Haupt und ſprach:
„Curioſes Mädchen das!“
Würde aber wohl nicht ſo geredet haben, wenn er gewußt hätte, daß die Edda, kaum daß er fort war, weinte aus Herzensgrund und ſchluchzte, daß es ihr das Herz brechen wollte, und als er nach ſtunden⸗ langem Ritt zu Vidöe anlangte, immer noch weinte und ſchluchzte, einſam und verlaſſen an dem Buſen von Iſefjord! Norſen Kordrauſon wußte das aber nicht und murmelte wieder, als er es ſich daheim be⸗ quem gemacht hatte am Camin:
„Curioſes Mädchen das!“
Auf Islands felſigem Geſtein duftet nicht Roſe
und Nelke, noch taucht die trauernde Weide ihre hangenden Zweige in das dunkle Waſſer des felſenum⸗ gürteten Fjords, einſam wehet nur auf der Halde die Dolde des Sandhaargraſes und das dunkelgrüne Moos legt ſich über das Steingrau der Felſen, um dem Eiland eine noch düſterere Färbung zu geben. Auf Islands Haide ſingt kein Vogel; der Sang der Nach⸗
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Zeitung.
tigall iſt eine Fabel, und wenn der Finke einmal riefe auf Island, der luſtige Buchfinke aus den grünenden Hainen von Rügen, ſo würden die Felſen verwundert aufſchauen aus dem tauſendjährigen Schlaf, den ſie ſchlummern ſeit Erſtehung der Welt, und würden das Haupt verwundert ſchütteln, daß der Thau hin⸗ ſprühete über das Meer aus den mooſigen Flechten. Auf Island kennt man nicht Lerchenruf noch Wachtel⸗ ſchlag; um Island brauſt nur das Meer alltaͤglich die dumpfe, einfache Weiſe und über die Halde zieht toſend der Sturm und bricht ſich pfeifend an den Kuppen der Felſen, indeß über dem ſtürmiſchen Ocean hin die Möve kreiſcht und am Klippenthor gell der Ruf der ſchwarzen Eider wiederſchallt. So iſt Is⸗
land ohne Duft und Lied, ohne Sang und Blüthe;.
und doch liegt ein Kranz duftiger Knospen rings um die ganze Inſel und läuft in farbigen Windungen von dem Fuße der Berge hinauf bis an die Gipfel — und doch ſchallt ein Sang über die Inſel, gar wunderſam und ſchöner, denn aller Vögel Lied rings⸗ um in den Landen; das Lied iſt nicht rührend und ſchmelzend, daß die Leyer die Weiſe begleitet, nein, es rollet im Klange der Harfe über die Wogen ein mächtiges donnerndes Heldenlied!
Als Island gegen Ende des neunten Jahrhunderts von Norwegen aus bevölkert wurde, erhielt, wie der religiöſe Glaube und die Sitte, ſo auch die Sprache des Mutterlandes hier eine neue Heimath. Wenn
nun dort ſchon durch ſorgſame Pflege der Dichtkunſt
und Erzählung der Sprache eine Ausbildung wider⸗ fahren war, ſo ward dieſelbe hier noch durch die pby⸗ ſiſche Beſchaffenheit der Inſel und ihre politiſche Ver⸗ faſſung, die in den häufigen Gerichtsverhandlungen des Freiſtaates noch ein neues Bildungsmoment hinzutreten ließ, begünſtigt. Durch die Einführung des Chriſten⸗ thums auf Island erhielt die einheimiſche, bis dahin
wohl ſchriftloſe Sprache eine Schrift in der mit—
der Bekehrung Hand in Hand gehenden lateiniſchen Sprache; doch konnte letztere glücklicher Weiſe nicht mehr auf die bereits in reicher Poeſie und Sage be⸗ ſtimmt ausgeprägte Urſprache ſtörend einwirken oder ſie gar, wie wohl anderwärts, in ihrer bisherigen An⸗ wendung beſchränken. So fand ſie eine ſichere Stätte auf Island und gewährt hier die eigenthümliche, wenn auch einmal durch ihre eigentlich nie ganz unterbrochene Literatur, dann durch die vereinſamte Lage des hoch⸗ nordiſchen Eilandes hinlänglich begründete Erſchei⸗ nung, daß eine Sprache, deren Schriftzeugniſſe in den Ueberlieferungen, daß Scandinavien von Süden her durch ein Volk der Aſen unter Odins Auführung be⸗ völkert worden ſei, bis in das elfte Jahrhundert hin⸗ aufreichen, im Weſentlichen noch heutzutage als die⸗
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