Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

benachbarte Marſchland giftige Dünſte aushaucht, iſt die Luft hier doch trocken und verbreitet belebende Geſundheit. Der Seewind, der bei Einbruch der Nacht oder bei nebeligem Sonnenaufgang ſäuſelnd durch die Dickichte ſtreicht, bringt den unter den Blumen ausgeſtreckten Bauern kein Fieber. Sie wenden ihre Blicke den rothen Strahlen des Sonnen⸗ unterganges zu, die durch die Säulen dieſer Laubhalle flammen und ihren Glanz ausbreiten über das abgeſchälte Sparrwerk wirr ineinander hängender Aeſte; ſie ſehen die Sterne am Firmament zum Vorſchein kommen und den Hesperus in voller Pracht unter thauigen Aeſten flimmern; der Mond zieht ſilberflüſſig über den Sammetwipfeln der Bäume dahin, während ſie neben ihren Lagerfeuern in Schlaf verſunken ſind; ein friſcher Morgen weckt ſie bei dem Geſange der Vögel, dem Dufte des Thymians und dem Blinken der Thautropfen auf dem Graſe rings um ſie. Mittlerweile haben Froſtſchauer und Fieber und Tod auf der Ebene, nur wenige Schritte von ihrem Lager, die ganze Nacht hindurch, heimtückiſch ihre Opfer ſich erkoren, kein Peſtgeruch aber hat die bezauberten Bezirke des Waldes erreicht.

Meilenweit kann man längs den grünen Wänden in vollkommener Einſamkeit unter den Pinien reiten oder fahren und dennoch laſſen die Geſchöpfe des Waldes, das Sonnen⸗ licht und die Vögel, die Blumen und die majeſtätiſchen Säulen neben uns kein Gefühl der Einſamkeit oder Furcht aufkommen. Ungeheuere Ochſen hauſen in der Wildniß graue Thiere mit wilden Augen, verzweigten Hörnern und leichtem Tritt. Einige ſind Patriarchen des Waldes, die Väter und die Mütter vieler Generationen, die von ihrer Seite weggenommen worden, um in Pflügen oder Wagen auf der lombardiſchen Ebene Dienſte zu leiſten. Andere ſind jährige Kälber, unlenkſam und der Arbeit unkundig. Um ſie dem Joch zu unterwerfen, muß man ſie ſehr frühzeitig aus ihren heimiſchen Waldesblößen hinwegnehmen, ſonſt toben ſie und härmen ſich ab. Ein träge dahinfließender Canal zieht ſich von den Sümpfen aus durch den Wald und iſt voller Fröſche, kleiner Eidechſen und unzähliger Schlangen. Man kann dieſes Gewürm auf der Oberfläche unter den Dickichten der blühenden Binſen oder aufgerollt um die Lilienblätter und Blumen ſich ſonnen ſehen gewaltige Un⸗ gethüme, ſchlüpfrig und gefleckt, die Tyrannen des Sumpflandes.

Man ſagt, daß Dante, als er in Ravenna lebte, gern Tage lang allein in den Lichtungen dieſes Waldes weilte, mit Gedanken an Florenz und deſſen Bürgerkriege beſchäftigt und über die Geſange ſeines Gedichts nachſinnend und wirklich haben die Einflüſſe des Pinien⸗Waldes deutliche Spuren darin hinterlaſſen. Der Reiz der Sommer⸗Einſam⸗ keit dieſes Waldes ſcheint tief in ſeine Seele eingedrungen zu ſein; denn als er das Säuſeln der Winde und den Geſang der Vögel unter den Aeſten ſeines irdiſchen Paradieſes

ſchildert, ſagt er:

Doch ſie entfernten von der geraden Richtung Sich ſo nicht, daß in Uebung ihrer Kunſt Geſtört die Vöglein auf den Wipfeln wären.

Nein, freudig grüßten ſie die Morgenſtunde Mit Lobgeſang, verborgen in dem Laube, Das ſummend ihrem Lied als Grundbaß diente.

So wie im Pinienwald von Zweig zu Zweige Es rauſchet dort am Meeresſtrand von Chiaſſi, Wenn den Sirocco Aeolus entfeſſelt.

Folge. 429

Während wir, dieſer Verſe gedenkend, an den graſigen Flächen, neben den Gewäſſern des einſamen Platzes, hinabwandern, dünkt es uns, als begegneten wir jener auf ihrem Spaziergange ſingenden und Blume um Blume pflückenden Dame,wie Proſerpina als Ceres ihre Tochter, und ſie ihren Frühling verlor. Dort auch hatte Dante die Viſion von dem Vogel Greif und dem Wagen: er ſah da die ſingenden Mädchen, die bei des Benedictus Stimme herniederſteigende Beatrice, die fallende Blume, ihre flammende Robe und ihren grasgrünen Mantel, ihren weißen Schleier und ihre Oliven⸗Krone all' dies erfaßte wie ein Blitzſtrahl das innere Auge des Dichters und er erinnerte ſich wie er vor ihr knieete, als er noch ein Knabe war.

Dante aber iſt nicht der einzige Sänger, den dieſer Wald zu dichteriſchen Gefühlsäußerungen begeiſtert hat. Auch Boccaccio verlegte bekanntlich ſeine Geſchichte der Honoria in den Pinienwald. Auch Byrons Name wird auf ewig mit dem Pinetum verknüpft ſein. Während ſeines zweijährigen Aufenthaltes in Ravenna beſuchte er häufig dieſe Wildniß, theils als einſamer Reiter, theils in Geſellſchaft von Freunden. Die über dem Eingange des von ihm bewohnten Hauſes befindliche Inſchrift ſpielt darauf an als auf einen der Gegenſtände, welche den Dichter hauptſächlich in die Nähe Ravennas zogen:Voll Sehnſucht, den alten Wald zu beſuchen, welcher ſchon den Göttlichen(Dante) und Giovanni Boccaccio begeiſterte. Wir wiſſen indeß, daß eine mächtigere Anziehungskraft, in der Perſon der Gräſin Guiccioli,dieſem Platze des alten Ruhms, dereinſt im adriatiſchen Meer, Ravenna, ſeine Treue erhielt.

Zwiſchen dem Bosco, wie die Ravennaten dieſen Pinien⸗ wald nennen, und der Stadt erſtreckt ſich etwa drei engl. Meilen weit das Marſchland. Es iſt eine von Dämmen und Gräben durchſchnittene und in unzählige Reisfelder abgetheilte Ebene. Mehr als ein halbes Jahr lang liegt ſie unter Waſſer und haucht während anderer Monate tödtliche Dünſte aus, welche ſie eben ſo unbewohnbar machen wie die römiſche Campagna; doch iſt im Frühjahr ſelbſt dieſe traurige Fläche ſchön. Die jungen Blätter des Reiſes ſchießen im feinſten und zarteſten Grün über das Waſſer empor. Die Gräben ſind umſäumt mit blühenden Binſen und goldprangenden Schwertlilien, während weiße und gelbe Lilien in Myriaden auf den ſchweigſamen Sümpfen ſchlafen. Tamarisken laſſen ihre roſenrothen und ſilberfarbenen Locken an dem Wege flattern, und wo immer ein Fleck mooſiger Erde aus dem Sumpfland emportaucht, da glüht er von purpurnen Orchi⸗ deen und flammenden Goldblumen; der Boden aber darunter iſt ſo verätheriſch und ſchwammig, daß dieſe glänzenden Blüthen wachſen wie Blumen in den Träumen der Feen⸗ märchen. Vergebens verſucht man ſie zu pflücken; ſie ent⸗ weichen unſerm Griff und blühen in Sicherheit außer allem Bereich des Armes oder eines Stockes. 4

Ein Beluch bei Liſzt in Rom.

Liſzt nur um der Zelle wegen zu beſuchen, in welche er ſich aus einem glänzenden Weltleben zurückgezogen, mag für Raritätenkrämer von Intereſſe ſein. Ich trug jedoch würdigeres Verlangen, ich wollte den weltberühmten Vir⸗ tuoſen, den hervorragenden Mann kennen lernen und einem hohen idealen Streben den Tribut meiner Hochachtung dar⸗ bringen. Die Zelle gedachte ich immerhin als merkwürdiges Außending und als Symbol einer noch merkwürdigeren Entwickelungsphaſe mit in den Kauf zu nehmen, Nun bin