Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

428 Novellen⸗

loſigkeit und unmäßige Production zu Grunde gegangen iſt. Das Publicum wird in dieſen Räumen weſentlich durch eine Venus Canova's angezogen, zu der die Schweſter Napoleons, Pauline Borgheſe, geſeſſen, oder vielmehr gelegen. Wenn ich von allen mir bekannten Arbeiten Canova's das Grab⸗ mal in der Auguſtinerkirche zu Wien ausnehme, ſo wüßte ich kaum ein Stück, welches mir ein ganz reines Vergnügen gewährte. Seinen weiblichen Körpern raubt eine fatale Eleganz, zu der ihn ſeine meiſterhafte Technik verführt haben mag, alles individuelle Leben. Seine Helden, wie der Theſeus in Wien und die drei im Belvedere des Vatikan aufgeſtellten, ſind nicht poſitiv und ſtraff genug: ihre Mus⸗ kulatur iſt weichlich und aufgedunſen, ohne gebietende Kraft. Es ſind Bellini'ſche Helden, ohne eigentliches Naturell. Talente dieſer Gattung ſollten den Kreis des Anmuthigen nicht übertreten. Man ſieht die Hebe im Berliner Muſeum gern, wie man die Nachtwandlerin gern hört. Denraſen⸗ den Ajax jedoch wie diePuritaner überlaſſe ich gern Anderen.

Das untere Stockwerk iſt allein eine Reiſe nach Rom werth. Der tanzende Faun des Myron iſt ſein Hauptſtück. Vergleicht man damit den Praxiteliſchen, von dem eine vor⸗ treffliche Copie vorhanden, ſo bekommt man ſchon eine recht umfaſſende Vorſtellung des ganzen Faunenthums, welches in der griechiſchen Sculptur eine ungeheure Ausdehnung ge⸗ habt haben muß. In den Faunen ſtellten die Alten den Humor des ſinnlichen Lebensgenuſſes dar. Die Grenze, wo ſich derſelbe in das Thieriſche verliert, wird durch die man⸗ nigfachſten Abſtufungen dargeſtellt. Sowohl die Behand⸗ lung der Attribute, wie des ganzen Ausdrucks der Figur, ſpielt ſich auf der komiſchen Tonleiter ab, welche vom Menſch⸗ lichen in das Thieriſche führt. Bald iſt das Schwänzchen am Rücken nur angedeutet, bald üppig geſchwungen, die Ohren bald nur ſchamhaft leiſe ein wenig heraufgezogen, bald kühn geſchweift. Ebenſo weicht die Größe der Hals⸗ warzen ab. Die Erfindung eines ſo ſchalkhaft ausgelaſſenen, witzigen und kraftſtrotzenden Genus war nur einer Nation möglich, welcher die Ariſtophaniſchen und Anakreontiſchen Elemente eingeboren waren. Der anmuthigſte aller Faunen iſt der Praxiteliſche. Er ſteht an einen Baumſtamm gelehnt. Der ſchalkhafte Ausdruck des Geſichtes iſt geradezu un⸗ widerſtehlich. Es iſt, als ob ganz Griechenland daraus ſchäkerte und lachte. Die Behandlung der Attribute iſt discret, ſie reducirt ſich auf bloße Andeutung. Dem Ani⸗ maliſchen ſchon viel näher ſteht der Myron'ſche, aber der ſaftige Uebermuth ſeiner Muskulatur, das cyniſche zwar, aber gebieteriſche Uebergewicht der ſinnlichen Kraft erſcheint in ſo hinreißender Lebendigkeit, daß es faſt unmöglich iſt, dieſe Geſtalt zu ſehen, ohne nicht ſelbſt zu bacchantiſchem Tanz fortgeriſſen zu werden. Man ſteht ganz erſchreckt da, wie es einem Künſtler möglich geweſen, ſo furchtbar keck und un⸗ mittelbar auf einen Zweck loszugehen. Wie ſinnlich friſch war die Welt einmal, und welches Material muß ein grie⸗ chiſcher Künſtler täglich vor Augen gehabt haben, um eine ſolche Figur herauszubringen!

Beim Herausgehen ſtieß ich mit einem Körper zu⸗ ſammen, den ich aus Berliner Salons in übler Erinnerung hatte. Die Seele, welche in ihm zu wohnen vorgab, ver⸗ ſicherte mir auf fließend Morgenländiſch, daß ſie nun ſchon ſeit zehn Tagen in Rom wäre, Alles geſehen und wieder ab⸗ reiſen wolle. Ach, es giebt Menſchen, denen zu ihrer Aus⸗ bildung nichts fehlt, als die Erziehung des Unglücks oder eine Tracht Prügel. L

*

Zeitung.

Im Pinienwald bei Ravenna. Schon im ſechſten Jahrhundert unſerer Zeitrechnung hatte ſich das Meer in eine ſolche Entfernung von Ravenna zurückgezogen, daß Obſt⸗ und andere Gärten an der

Stelle angelegt waren, wo dereinſt die Galeeren der Caſären

Anker warfen. Pinien⸗Haine erwuchſen längs der Küſte und in ihren erhabenen Wipfeln ſäuſelte die Muſik des Windes gleich dem Geiſte der Wogen und ſtürzte ſich die Brandung auf fernen Sand. Dieſes Pinetum erſtreckt ſich auf etwa vierzig engliſche Meilen längs der Küſte des adriatiſchen Meeres und bildet einen Gürtel von veränderlicher Breite zwiſchen dem großen Marſchland und der rollenden See. Aus der Ferne geſehen erheben ſich die nackten Stämme und die Sammet⸗Kronen der Pinien⸗Bäume wie Palmen, die in einer arabiſchen Sandwüſte eine Oaſe bedecken; kommt man aber näher, ſo treten die Stämme ſelbſt abgeſondert hervor aus einem untergeordneten Waldwuchs von Wachholder und Dorn und Eſche und Eiche, und die hohen Dächer der ſtattlichen Föhren dehnen ihr ſchützendes breites Grün aus über das niedrige und weniger ſtarke Geſträuch. Es läßt ſich kaum eine ſchönere und eindrucksvollere Scene denken als die, welche dieſe langen Reihen majeſtätiſcher Pinien zeigen. Sie wachſen ſo dicht eine hinter der andern, daß wir ſie mit den Pfeifen einer großen Orgel, oder mit den Pfeilern einer gothiſchen Kirche oder mit den Baſaltſäulen des Rieſenwegs (des Giant's Cauſeway in der iriſchen Grafſchaft Antrim) vergleichen können. Ihre Wipfel ſind immergrün und mit ſchweren Tannzapfen beladen, aus welchen Ravenna reichen Gewinn zieht. Dutzende von Bauern ſchlagen am Saume des Waldes ihre Wohnſtätte auf, und machen es ſich zum Geſchäfte, die Pinien zu erklettern und ſie in gewiſſen Zeiten des Jahres ihrer Frucht zu berauben. Hernach trocknen ſie die Tannzapfen an der Sonne, bis die Nüſſe, welche ſie enthalten, herausfallen. Die leeren Hülſen werden als Brennſtoffe verkauft und die Kerne in ibren ſteinigen Schalen zur Ausfuhr aufbewahrt. Man kann die Bauern, Männer, Weiber und Knaben, auf den Blößen des Waldes ſie millionenweiſe ſortiren, trocknen und ſieben und in Säcke verpacken ſehen, um ſie durch ganz Italien zu verſenden. Die Pinocchi oder Kerne der Stein⸗Pinie werden in Küchen vielfach gebraucht und die von Ravenna ſtehen ihrer Güte und ihres aromatiſchen Wohlgeſchmacks wegen hoch im Preiſe. Wenn man ſie röſtet oder zermalmt, ſchmecken ſie wie eine weichere und mehligere Art Mandeln. Die Aufgabe, dieſen Gottesſegen zu ſammeln, iſt eine nicht wenig gefährliche. Man muß in die ſtraff emporſteigenden Baumſtämme Ein⸗ ſchnitte machen, ſich dann, wenn man ſie, oft bis zur Höhe von 80 Fuß, erklettert hat, auf die Aeſte lehnen und mit einer Stange die Tannzapfen ablöſen und dies bei jedem einzelnen Baume. Alljährlich verlieren, wie man ſagt, einige Menſchen bei dieſem Geſchäft ihr Leben.

Wie ſich man denken kann, bilden die Bäume dieſes großen Waldes die Zufluchtsſtätte unzähliger lebender Geſchöpfe. Myriaden von Eidechſen kriechen im Graſe herum, Tauben girren in den Aeſten der Pinien und Nachtigallen laſſen ihren vollkehligen Geſang Tag und Nacht aus den Dickichten des Weißdorns und der Alazie erſchallen. Die Luft iſt voll ſüßer, aromatiſcher Düfte: das Harz der Pinie und des Wachholder⸗ ſtrauchs, die Maiblumen und die Akazienblüthen, die Veilchen, die zu Tauſenden in dem Mooſe auſſprießen, die wilden Roſen und das ſchwache Geißblatt, welche duftende Arome von Aſt zu Aſt der Eſche und des Ahorns werfen, ſchaffen ver⸗ einigt einen der köſtlichſten Wohlgerüche. Und obgleich das