Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

Theil jedoch bilden die fabrikmäßigen Copiſten, welche na⸗ mentlich für den amerikaniſchen Bildermarkt arbeiten. Dem Publicum wird dadurch viel unwillkommene Beſchwer be⸗ reitet. Während ganzer zehn Monate erinnere ich mich, das Portrait Rafaels in den Uffizien nicht an ſeinem Platze geſehen zu haben. In dem langen Corridor, welcher den Adonis von M. Angelo enthält, kann man immer darauf rechnen, ein Dutzend der beſten Bilder verarbeitet zu finden. Nur die Tribuna ſtellt keine Reiſepäſſe aus. Dafür iſt der

berühmte Saal dermaßen mit Staffeleien beſetzt, daß man

ſich kaum bewegen kann.

Im Café di Roma nimmt man ein gutes franzöſiſches Frühſtück ein. Es liegt für dieſen Zweck ſehr bequem in der Mitte des Corſo, vis-à-vis der Kirche S. Carlo. Da man gemeinhin ſpät zu Mittag ißt, ſo thut man gut, hier eine kurze Sieſta zu halten. Außer römiſchen Zeitungen iſt nur das Journal des débats, Galignani und die Cöl⸗ niſche Zeitung zu finden. Letztere wurde im Laufe des Winters verboten. Die Augsburger Allgemeine war in zwei Kaffehäuſern vorhanden, il regno natürlich gar nicht vertreten. Die römiſchen Zeitungen enthalten nichts als Polemik gegen Italien und einen im Sinne des Vatikans verfaßten dürren Clavierauszug der Tagesereigniſſe. Ich habe das Schickſal gehabt, kurze Zeit unter Nicolaus in Ruß⸗ land zu leben, muß aber bekennen, daß mir jene Preßver⸗ hältniſſe kaum halb den widerlichen Eindruck gemacht haben, als die hieſigen. Als ich an die Grenze des Kirchenſtaats gelangte, confisicrte man mir das Zeitungspapier, in welches meine Kämme und Bürſten gewickelt waren. Ganz beſonders entrüſtet waren die die Douaniers, als ſie eine vollſtändige Nummer der gazetta del popolo um einen meiner Stiefel entdeckten.Man wird doch wohl ſeine Stiefel in Zeitungs⸗ papier wickeln dürfen!Ja, aber nur in römiſches. Sie haben ganz Recht, römiſche Zeitungen eignen ſich am beſten dazu.

Römiſches Kaffeehausleben muß man an Orten ſtudiren, wo der Fremde nicht hinkommt. Gegen Neapel, Mailand und Florenz iſt der Unterſchied jedoch ſehr groß. Dort herrſcht ein Lärm, als wäre man am Vorabend einer Revo⸗ lution. Hier iſt Alles ernſt, gemeſſen und mäßig. Gegen Fremde iſt der Römer oft ſtolz und kurz angebunden, es fehlt ihm der Humor des Florentiners, das Temperament des Neapolitaners und die Courtoiſie des Venetianers. Im Allgemeinen kenne ich kein Volk, welches ſo viel wider⸗ ſprechende Eigenſchaften beſitzt, als die Italiener. Ich will nur ein Beiſpiel anführen. In keinem Lande der Welt wird ſo viel Abgötterei mit Thieren getrieben, wie in Italien: unmittelbar daneben läuft die äußerſte Grauſamkeit gegen ſie. Ich habe hier und im Neapolitaniſchen Thierquäle⸗ reien geſehen, daß ſich einem das Herz im Leibe umdrehte. In Rom iſt mir beſonders aufgefallen, daß man niemals Rohheiten gegen das andere Geſchlecht bemerkt. Im unge⸗ heuerſten Gedränge, z. B. am Abend der Hirandola, herrſcht das vollendetſte selfgovernment. Jeder geht mit der äußer⸗ ſten Rückſicht gegen ſeine Nachbarn, ſo daß ich in Rom wagen konnte, was in keiner anderen Stadt zu wagen wäre, an jenem Abend mit eleganten Damen der beſten Geſellſchaft in einem Gewühl von vielleicht 50,000 Menſchen auf der piazza del popolo zu ſtehen. Bei uns würde man durch Stöße und unflätbige Redensarten erdrückt. Dagegen fällt es

ſtattet, als das Ludoviſi'ſche ärmlich.

keinem Arbeiter ein, dem beſtgekleidetſten Manne auf der Straße Platz zu machen. Principe oder Campagnuole io sono Romano. In Rom ſpielt das Kaffeehaus die Rolle

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Solge. 427

des politiſchen Schmollwinkels, des Clubs, wenn man will. Da das Volk ſich nicht mehr wie in den alten Thermen zum Baden vereinigt, ſo vereinigt es ſich zum Kaffeetrinken. Hier wird Weltgeſchichte verhandelt, auf Antonelli geſchimpft, Nantnnen aus dem Vatikan erzählt, geraucht, geſchlafen u. ſ. w.

Fremde holten mich aus dem Café zur Villa Borgheſe ab. Sie liegt dicht vor der porta del popolo in einem prächtigen Park, welcher nach dem Pincio der Hauptſpazier⸗ gang der Römer iſt. Der Fürſt Borgheſe iſt von Allen der populärſte, weil er ſeinen Park wie ſeine Galerie in der Stadt auf das Liberalſte geöffnet hält. Man ſchätzt die Ausdehnung des Parks auf faſt eine Quadratmeile. Ich hatte große Freude an meiner Geſellſchaft. Nichts geht in einer ſchönen Fremde über den Verkehr mit geiſtreichen, friſchen Landsleuten. Ich habe eine ſolche Geſpenſterangſt vor allem hergebrachten Weſen, vor Encyklopädien und großen Apparaten. Bei uns hat man zu viel mit nurge⸗ bildeten Leuten zu thun. Das iſt oft wie bloßer Nachdruck, als hätten die Menſchen ſich nicht ſelbſt verfaßt, ſondern als wären ſie von einem Anderen geſchrieben. Das Leben

richten ſie ſich ein, als wäre ſein letzter Zweck ein wiſſen⸗

ſchaftliches Examen, oder als wäre ein Preis auf die Lange⸗ weile geſetzt. Sie heucheln Theilnahme, ſie heucheln Reſpect, ſie heucheln ſich Frauen und Kinder an, und am Abend ihres Lebens haben ſie ſich ſogar ein Duodezrühmchen zuſammen⸗ geheuchelt, und die ganze Gaſſe, in der ſie wohnen, glaubt daran. Gott ſei Dank, meine hieſigen Landsleute, mit denen ich umgehe, ſind nicht wie jene Leute, welche in ihrem Gott⸗ ähnlichkeitsgefühl hinauslaufen, den Berg anzuſtreichen, weil er ihnen nicht grün genug, oder den Leib Anadyomene's zu corrigiren, weil er ihnen nicht akademiſch genug iſt. Sie gönnen ſich den Luxus mit ihren eigenen Augen zu ſehen, und weit entfernt, ein neues Wunder der Kunſt oder der Natur zu leugnen, weil ſie nicht Gevatter bei ihm geſtanden, freuen ſie ſich der ewig jungen Geſtaltungskraft des Lebens. Hinauf, hinan! Beim Himmel, es war Zeit, denn daheim war ich von unſeren 24 Tonarten, von unſerem ewigen Dur und Moll faſt krank geworden. Mich auf die lydiſche oder phrygiſche Seite zu werfen, verſpürte ich wenig Luſt, und ſo beſchloß ich, die wunderliche Diſſonanz meines Lebens in reinerer Luft ausklingen zu laſſen, den Staub von meiner Seele zu ſchütteln und anderen Sternbildern nachzujagen. Ja, hier ſtehen andere Sterne am Himmel. Unſelig der, dem ſie nicht einmal wenigſtens geleuchtet, der, durch die Noth des Daſeins an die Scholle geſchmiedet, nicht e inmal wenigſtens den Flug hieher wagen kann.

Am 30. October.

Das Caſino im Borgheſiſchen Park findet man das erſte Mal nicht leicht, ohne irre zu gehen. Es liegt unter hohen Bäumen verſteckt und iſt gerade ſo fürſtlich ausge⸗ Ich kenne nichts, was dem würdigen Geſchmack fürſtlicher Häuſer in Italien gleich⸗ käme. Dieſe weiten, luftigen Hallen mit ihrer Marmor⸗ pracht, dieſe köſtlichen Moſaikböden, venetianiſchen Spiegel, Kryſtallleuchter, Tiſchplatten von edlem Geſtein und an Bildern und Sculptur die überreichſte Fülle, wie freudig und kunſtbehaglich ſtimmt es die Seele!

Das Caſino Borgheſe hat zwei Stockwerke. In dem oberen ſtehen drei Sculpturen aus Bernini's Jugendzeit, aus deren einer(Apoll und Daphne) mir recht klar wurde, wie dieſer von Hauſe aus ſehr talentvolle Mann nur durch Kritik⸗