426 Novellen⸗Zeitung.
mit Gewinnen gekrönt ſein kann, durch das ganze die Grenze der Schönheit und Natürlichkeit in das
Buch geht. Noch mehr häuft es ſich in der Diſſonanz des Schluſſes zuſammen. Die alte Margod und Marilene ſind wilde Teufelcharaktere von exceptioneller Bosheit, und Willbald, in jeder Weiſe hintergangen und in ſeinen heiligſten Gefühlen und Rechten beleidigt, wird endlich zu der würdeloſen Wahnſinnsthat auf⸗ geſtachelt, ſeine treuloſe komödiantiſche und rache⸗ kochende Braut Marilene an einen Baum zu binden und wie eine wilde Katze zu erſchießen, worauf er ſich den Gerichten ausliefert. Die Compoſition hat, wenn wir von Compoſition hier überhaupt ſprechen und nicht lieber an einen wirklichen Vorfall aus den Criminalacten des vorigen Jahrhunderts denken wollen, der den Dichter romantiſch angemuthet hat, ſich an pa⸗ thologiſchen und pſychologiſchen Problemen zu verſuchen, — ich ſage, die Compoſition hat etwas Graſſes, Anti⸗ poetiſches und ſtellt das warme Intereſſe an den Perſonen in Frage. Ja dieſe ſelbſt ſind bis über
Excentriſche, durch Krankhaftigkeit und Unſchönheit Verzerrte hineingeführt. Aber es regt ſich in ihnen bei alledem ein voller Pulsſchlag genrebildlichen Lebens und eine Kraft der Leidenſchaften und beſtia⸗ liſchen Seelenverfinſterungen, die nur ein Talent höheren Ranges wiederzugeben vermag. Der Dialog bringt eine Menge dem Leben abgelauſchter Züge und die locale Malerei iſt bei großer Einfachheit durch⸗ aus plaſtiſch und beherrſcht die Einbildungskraft des Leſers. 4
Als beſonderes Reſultat geprüfter Uebung und künſtleriſchen Nachdenkens möchte ich noch ſchließlich in dieſen Andeutungen hervorheben, daß Müller ſehr erſchöpfend gerade in der Zeichung derjenigen Per⸗ ſonen und Gemüthszuſtände ſein kann, über welche er nur wenig ſagt. Dieſer Grad von Oekonomie ſollte jüngere Kräfte zur Nacheiferung anregen.
Feuilleton.
An den Ufern der Tiber. (Schluß.)
Die Galerie Sciarra iſt ſo klein(drei mittelgroße Zimmer), daß man unmittelbar nach ihr gern noch die Sammlung Rospigliosi ſieht, zumal der Gang nach dem Quirinaliſchen Hügel, auf dem ſie liegt, allerlei Abwechſe⸗ lung gewährt. Wenige Schritte vor dem Palaſt befinden ſich die Dioskuren des Monte cavallo. Ich hatte die Ab⸗ güſſe von natürlicher Größe zuerſt in Berlin geſehen. Dort wirken ſie trotz des impoſanten Treppenhauſes räumlich ganz koloſſal. Hier auf dem Platze des Quirinals, mit der Sil⸗ houette der Peterskirche am Horizont und dem ſich nach dieſer Seite ſchroff abwärts beugenden Terrain, paſſen ſie äußerſt vomehu und ernſt, aber nicht überwältigend in den Raum. Was man von ihrer falſchen Aufſtellung ſpricht, verſtehe ich nicht. Meiner Meinung nach können ſie gar nicht anders ſtehen; denn welcher Bildhauer würde einen Roſſebändiger ſo darſtellen, daß der Kopf des Pferdes ihm zugewandt wäre? Ich wüßte nicht, wodurch die Kraft, welche ein widerſtreben⸗ des Thier dem Zügel entgegenſetzt, einfacher und natürlicher ausgedrückt werden könnte, als indem es den Kopf gewaltſam von dem Bändiger abwendete. Burckhardt, dem man ge⸗ wiß ein feines Gefühl nicht abſprechen wird, erwähnt übrigens die Sache gar nicht. Ein Hauptgrund, warum die Dioskuren räumlich nicht ſo koloſſal wirken, als man denkt, liegt entſchieden darin, daß man in Rom alle Begriffe von Dimenſionen verliert. Das bekannteſte Phänomen dafür iſt die Peterskirche. Sie erſcheint trotz ihrer Höhe von 436
und ihrer Länge von 592 Fuß anfangs klein, rückt aber bei jedem neuen Beſuch immer rieſenhafter auseinander, bis man einmal erlebt hat, daß die Kirche trotz 20,000 Men⸗ ſchen, die in ihr waren, leer ausſah. Bis ganz zuletzt habe ich es nicht glauben wollen, daß das gräuliche Tabernakel Bernini's die Höhe des Palaſtes Farneſe hat. 3 Den Palazzo Rospigliosi beſucht man vornehmlich um des vielgenannten Deckengemäldes willen, auf welchem Guido die Aurora dargeſtellt hat. Den Wagen des jungen Sonnengottes umſchweben die Horen, dem Zuge voran Au⸗ rora mit freudig geſchwungenen Armen. Es iſt wie klingen⸗ des Licht, Alles in drängender Auferſtehungsluſt, eine Be⸗ wegung, daß man den Athem anhalten möchte. Man kann das Bild nicht ſehen, ohne für den ganzen Tag morgenfriſch geſtimmt zu werden. Auf einem Tiſche iſt die Einrichtung getroffen, daß man die Decke bequem in einem Spiegel be⸗ trachten kann. Der Saal iſt ewig beſetzt mit Malern, welche die geniale Arbeit in allen Formaten copiren. Einer von ihnen entblödete ſich nicht, die Sonne Guido's auf einem Tabatièrendeckel aufgehen zu laſſen. Man kann das kaum noch Frivolität nennen. Es iſt eben die reine Be⸗ wußtloſigkeit. Die Copirkrankheit graſſirt hier und in Flo⸗ renz dergeſtalt, daß der Platz vor der Seggiola in Pitti für die nächſten zwanzig Jahre abonnirt iſt. Es werden förm⸗ lich Geſchäfte dadurch gemacht, daß man ſein Recht zu copi⸗ ren an einen Anderen verkauft. Hat Jemand ſeine Arbeit vollendet, ſo läßt er ſich für die nächſte Vacanz einſchreiben.
Natürlich fehlt es nicht an bedeutenden fremden Künſtlern,
welche des Studiums wegen copiren; bei weitem den größten
—‿
1


