Jahrgang 
27-52 (1867)
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Dierte

davonſprang. Laſſ' Er mich acht Tage und länger bei Waſſer und Brod ins Amtsgefängniß ſperren, ich trag's tauſendmal leichter, als der Frau Förſterin ſchlimmen Verdacht und ihre harten Schläge! Denn bin ich auch darum die arme Wilddiebstochter gewor⸗ den, ſo weiß ich doch, daß Sein braver Vater nur ſeine Schuldigkeit that, als er dem Joſeph Margold am Diſtelhügel im Walde beim Wildern den Tod gab!

Halt ein, das ſollſt Du nicht ſagen, wenn's auch tauſendmal wahr wär'! rief Willbald erſchüttert und drückte, ohne es recht zu wiſſen, das ſchöne Mäd⸗ chen mit Innigkeit an ſich, welches im Gefühl der gekränkten Unſchuld den eigenen Vater anklagte, zum Beweis, daß ihr jeder Haß, jeder Rachegedanke gegen deſſen Feind fremd ſei!

Ich ſag's auch nur Ihm, weil Er ſo gut und menſchlich iſt! flüſterte ſie, indem ſie ſich in ihrer Herzensangſt ſo feſt an ihn ſchmiegte, daß ihre ſchlanke Geſtalt wie an ihn gewachſen vor ihm ſtand und ihm das Zittern ihrer Glieder in alle Nerven fuhr.Er⸗ führ's meine Mutter, o Herr Jeſu, ich glaube, ſie ſchlüge mich todt, ſo ſehr haßt ſie Seinen braven Vater noch immerfort, wie ich ihr doch ſchon oft die himmelbeſten Worte gab, dem blinden Mann nicht mehr zu fluchen, nun ſchon ſechszehnmal Gras über die Unglücksthat gewachſen iſt und der Wald, der den Joſeph Margold ſterben ſah, eben ſo vielmal wieder grünte! Aber eher ſieht der Herr Förſter Winckel⸗ mann noch einmal den blauen Enzian auf ſeiner Berg⸗ wieſe blühen, als meine Mutter ihren Haß aufgiebt, woran der heilige Dionys ſchuld iſt, der ihr ſo oft im Traume erſcheint und ſie auffordert, dreimal des Tags den Namen Seines Vaters am Weihbecken zu verfluchen!

So iſt ſie's auch wohl geweſen, die uns näch⸗ tig den Eberwurzſtengel an's Thor band? fragte Willbald.Denn daß Du's nicht gethan hätteſt, ſagt' ich meiner Mutter gleich!

Das ſagte Er ihr! rief Marilene im hellen Aufſchrei der höchſten Freude und drückte wie zur Be⸗ ſtegelung ihrer Unſchuld ihre Lippen feſt auf ſeinen Hals.O nun weiß ich die Urſache ihres Zornes gegen mich, flüſterte ſie glühend,nun ſegne ich die Hand, die mich ſchlug, wenn nur Er mir Solches nicht zutraut, Herr Willbald, nur Er nicht! Meine Mutter aber liegt ſchwer krank zu Bette, kann ſich ſeit Wochen nicht vom Fleck rühren, die that's alſo gewiß nicht, wenn ſie's auch freut! Aber ein Mittel weiß ich, wie Er den ſchlechten Menſchen doch noch herauskriegt: die Steingötterin hat einmal eine Scherbe von einem Zauberſpiegel in der alten Burg Roden⸗

Folge. 425

ſtein gefunden, wenn man die Nachts an einem un⸗ gebrochenen Hanfſtengel in unſern Heilbrunnen hängt und ſie gleich beim erſten Morgengrauen heraus⸗ nimmt, ſo zeigt Einem das Glas das Bild des Uebelthäters, mag derſelbe ſeine böſe That auch noch ſo heimlich ausgeführt haben.

Glaub' doch der alten Eule ihre verlogene Ge⸗ ſchichten nicht, ſagte er lächelnd über den feierlichen Ernſt, womit ſie ihn bei dieſer Verſicherung anblickte. Mir iſt's genug, wenn Du mir ſagſt, daß Deine Mutter es nicht gethan hat, andere Feinde kümmern mich nicht. Aber Deinen heutigen Waldfrevel darf ich Dir nicht ungeſtraft hingehen laſſen, das ſiehſt Du gewiß ein; jedoch ſollſt Du Dir ſelber Dein Strafmaß beſtimmen, weil Du ſo aufrichtig gegen mich geweſen biſt und auch den Laubdiebſtahl nur verſucht, nicht ausgeführt haſt!

Nehm' Er's für geſchehen an und ſtraf' Er mich ſo ſtreng Er will, ich trag's ſchon mit Freuden, weil's von Ihm kommt, ſagte das liſtige Mädchen mit einem Ausdrucke von Rührung und Schalkheit, als wiſſe ſie, daß in dieſem Augenblicke ein Mond ſtrahl den dunkeln Glanz ihrer Augen noch zaube⸗ riſcher verkläre, wovon Willbald in ſeiner innerſten Seele getroffen und entzündet wurde. Dabei lehnte ſie den krauslockigen Kopf ſanft wider ſeine Bruſt, als ſei das ihre rechtmäßige Stelle, die ihr ſelbſt ſeine gefürchtete Mutter nicht ſtreitig machen dürfe, und ſpielte die zwiſchen Kummer und mädchenhafter Sprödigkeit ſchwankende Hülfeſuchende ſo meiſterhaft, daß ſie alle Sinne des jungen Mannes gefangen nahm, bis er ſie zuletzt in ſtürmiſcher Leidenſchaft an ſein Herz preßte und, Alles vergeſſend, in heißer Liebesgluth ſtammelte: 4

Das ſoll Deine Strafe ſein und mein Lohn zugleich, daß ich Dich mein eigen nennen darf in alle

Ewigkeit! Ja, ich ſchwöre Dir, beim Gedächtniß

Deines unglücklichen Vaters, daß ich Dir treu bleibe bis zum letzten Athemzug, ſofern Du mir nur beiſtehen willſt, Deine Mutter zu verſöhnen. Denn für meine zwei Alten ſag' ich ſchon gut, wenn auch die Mutter anfangs noch hitziger aufbrauſen wird, als ſie's vorhin gegen Dich that, weil die Bäume, die am höchſten ſind und mit ihrer Krone dem Himmel am nächſten ſtehen, von den Stürmen am heftigſten geſchüttelt werden, obſchon die ſanfte Ringeltaube nirgends ſo gern niſtet, als in ihrem hohen Wipfel!

Nach der Mittheilung dieſer eigenthümlichen höchſt individuellen Scene, die ich hier abbreche, da ſie an ihrem Culminationspunet auch ihre Erſchö⸗ pfung hat, wird man meinen Ausſpruch begreifen, daß ein pſychologiſches kühnes Wagen, welches nicht immer