Jahrgang 
27-52 (1867)
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430. Novellen⸗

ich aber grundſätzlich aller Zudringlichkeit und Ueberrumpe⸗ lung feind, durch welche nur zu oft Männer von nachhal⸗ tiger Bedeutung beläſtigt, in ihren Schaffensſtunden geſtört und zu Gegenſtänden der Schauluſt, Neugierde und eitler Ruhmrederei herabgewürdigt werden. Eine Begegnung mit bedeutenden Menſchen zählt zu den bedeutſamen Ereigniſſen auch für die eigene Entwicklung. Wenn man einen Mann um ſeiner ſelbſt willen aufſucht, ſo genügt es nicht, in ihm nur einen höflichen, nachſichtigen Menſchen zu finden, der uns unſer Impromptu zu gute hält und uns für etliche Minuten zur Augenweide dient. Ich will einen Einblick in ſein Weſen gewinnen, hierzu iſt aber der Schlüſſel nicht immer leicht und ſchnell zu finden. Ein leeres Haus iſt offen, ein volles zu.

So ſandte ich denn auf gut Glück ein Briefchen auf Recognoſcirung an den Meiſter, der auch richtig an ihn gelangte, obgleich ich die Titulaturen und die Wohnung veſſelben nicht kannte.

Schon am zweiten Tage darauf brachte mir ein bär⸗ tiger Diener als Antwort eine Einladung auf den folgenden Morgen.

Zur ſchicklichen Stunde erhandelte ich mir denn einen billigen Einſpänner, um nicht ſchweißtriefend Liſzt's Zelle zu betreten.

Das Gebäude, vor welchem ich Roß und Mann aus meinem Solde entließ, ſieht ſich unanſehnlich an; es iſt, wie ſich's die Phantaſie ſchon als Lißzt's Sansſouci vorgeſtellt haben mag, ein triſtes, ſchlichtes Klöſterlein. Aber ſeiner Lage nach iſt dieſes ſtille Haus ſo bevorzugt, daß ihm wohl nur wenige auf der weiten Erde gleichgeſtellt werden mögen.

An der alten Via Sacera gelegen, iſt es der nächſte Nachbar des alten Forums und ſeine Fenſter blicken nach dem Capitol, den palatiniſchen Palaſtruinen und dem Coloſ⸗ ſeum. Ein beſchauliches Leben drängt ſich an ſolcher Stätte von ſelbſt auf. Warum ſollte ſich an dieſe gewaltige ernſte Ruinenwelt nicht auch die Sinnesänderung eines glücklichen Weltkindes knüpfen?

Ich trat über etliche Stufen an die offene Kloſterpforte und ward mit einem Male an meiner Sache irre, denn ich ſah vor mir eine ſchöne ſäulengeſchmückte Treppe, wie ſie das ärmliche Aeußere keineswegs vermuthen ließ. Wäre mir nicht alsbald eine Viſitenkarte an der großen Thür über der Treppe in's Auge gefallen, ich hätte wohl noch nähere Er⸗ kundigungen für nöthig erachtet. So aber gab mir ja die Karte ſelbſt Auskunft; ich ſtieg alſo hinauf und las: L'Abbé Fr. Liszt.

Nachdem ich an der Halsbinde gerückt und die Hand⸗ ſchuhe ſtraffer angezogen, griff ich beherzt nach der grünen Schnur, dem Wecker des Pförtners. Zwei Diener, zwar nicht befrackt, aber ſonſt in untadeligem Schwarz, empfingen mich; der Eine enteilte mit meiner Karte, der Andere nahm mir den Oberrock ab.

Meine Vorſtellung von ächter Möncherei exlitt eine ganz empfindliche Breſche. Wozu zwei Bediente vor der Zelle eines Mönchs? Und wenn dienſtbare Geiſter, warum denn nicht nach Kloſterbrauch ſimple Laienbrüder? Doch ich brauchte nicht lange an dieſen aufdringlichen Fragen zu knacken, um ſofort in noch größere Begriffsverwirrung verſetzt zu werden. 6

Der meldende Bote kam zurück und geleitete mich mit der Weiſung, der Herr Commendatore erſuche mich, einen

Augenblick zu warten, in den Empfangsſalon, ja wahr⸗ haftig in einen Empfangsſalon im eleganteſten Sinne des

Zeitung.

Wortes. Es fehlt ihm nichts, weder nach den Anforderungen des nordiſchen Comfort, noch nach den Rückſichten auf das römiſche Klima, wenn auch ſchreiender Luxus ſorgſam vermieden ſcheint. 1 Indeſſen habe ich mich keineswegs ſo inquiſitoriſch umgeſehen, daß ich mit einer Walter Scott'ſchen Schilderung des Liſzt'ſchen Salons dienen könnte. Auch herrſchte Dunkel in dem großen Gemach, da die Fenſterladen nach italie⸗ niſchem Brauch gegen die Strahlen der Vormittagsſonne geſchloſſen waren. Am meiſten zog mich der Tiſch in der Mitte des Saales an; es lagen zumeiſt italieniſche Schriften religiöſen Inhalts in Widmungseinbänden darauf. Daß Liſzt auch hier, als Abbate, inmitten der ſchaffenden Geiſter ſtehe, davon geben ſchon dieſe Dedicationsexemplare Zeugniß. Die Thür ging auf und die weltbekannte elegante Künſtlergeſtalt trat mir freundlich entgegen und drückte mir die Hand. Der erſte unmittelbarſte Eindruck, welchen Liſzt's Erſcheinen auf mich ausübte, war der einer noch überra⸗ ſchenden Jugendlichkeit. Selbſt die ſtark ergrauenden, aber noch immer dichten, langwallenden Haare, an die ſich die Tonſurſcheere nicht gewagt, thun dem Zauber dieſer unge⸗ wöhnlichen Perſönlichkeit wenig Eintrag. Von Griesgrämig⸗ keit, Ueberdruß, mönchiſcher Entſagung u. ſ. w. iſt in den Zügen des intereſſanten Charakterkopfes keine Spur zu entdecken. Und ſo wenig wie Liſzt in einer Mönchszelle, eben ſo wenig finden wir ihn in einer Mönchskutte. Der

ſchwarze Abbérock kleidet ihn kaum minder elegant, als

ſeinerzeit der Salonfrack. Wer Lißzt als ein Räthſel be⸗ trachtet, findet in ſeiner äußeren Erſcheinung ſicherlich nicht die Löſung.

Der Abbé⸗Maeſtro trug in gaſtfreundlicher Weiſe die Koſten der Unterhaltung; wo immer er meinen Worten

α

eine beſcheidene f abmerkte, beantwortete er ſie auf das

Mittheilſamſte manchem lebhaften Intereſſe, das nach einem discreten Ausdrucke ſuchte, kam er mit feinen Neben⸗ bemerkungen zuvor.

Jetzt führte er mich in ſein Arbeitszimmer, nöthigte mich auf einen Fauteuil und ſetzte ſich ſelbſt an den großen Schreibtiſch, um in aller Eile einen preſſanten Brief zu expediren. Auch auf dem Schreibtiſche lag gar Vieles, das zum Abbé in näherer Beziehung ſtand, als zum Künſtler, doch zeigten ſchöngeſchriebene Notenblätter, daß muſikaliſches Schaffen zu des Meiſters Tagesarbeit gehört.

Brief und Adreſſe waren in großen Zügen ſchnell zu e geſchrieben und dem Diener zur Beſtellung übergeben. Liſzt erhob ſich nun, offerirte mir Zigari scelti, nahm ſelbſt auch von dieſem Kraut, mit welchem ſich der verwöhnte Gaumen erſt allmälig verſöhnt, und ließ ſich dicht an meiner Seite nieder.

Ich erwähnte des Gerüchts, das ſeine bevorſtehende

Reiſe mit dem großen Krönungsfeſte in Ungarn in Verbin⸗

dung bringe, und der gefeierte Maeſtro nahm hiervon

Anlaß, mich umſtändlich mit der Geſchichte ſeiner Krönungs⸗ meſſe bekannt zu machen. An dem Fürſtprimas Scitovsky

habe er einen überaus wohlwollenden Gönner gehabt.

Während eines heitern Mahles habe derſelbe ſeinem Herzens⸗ wunſche, doch noch ſeinem geliebten König die Krone auf⸗ ſetzen zu können, Ausdruck gegeben, und zugleich in ungemein ſchmeichelhafter Weiſe die Aufforderung an ihn gerichtet, eine Krönungsmeſſe zu componiren, aber ſehr kurz müſſe ſie ſein, da der geſammte Krönungsact wohl ſechs Stunden in Anſpuch nehmen werde. Dieſer liebenswürdigen Werbung habe er nicht widerſtehen können, ſondern bei einem Glaſe

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