Skalholt.
Vierte
Ohms Haus! Gott möge Euch behüten, aber wenn Ihr einſt durch Vidöe reitet, vergeſſet nicht, daß der alte Norſen Kordrauſon dort im Stiftshauſe wohnt und ſuchet ihn auf, daß wir wieder einen fröhlichen Zug thun können auf Seiner Majeſtät des Königs allerhöchſte Geſundheit,“ und Norſen lüftete den Hut; „wenn ich aber heimreite gen Vidöe,“ fuhr er fort,
„will ich einſprechen auf Iſefjord, und will der Edda
Grüße ſagen vom Junker Erich Niegelſon! Alſo be⸗ hüte Euch Gott!“
Und ehe noch Erich dem wackeren Norſen Kor⸗ drauſon hatte danken können, hatte derſelbe ſein Röß⸗ lein gewandt und war um die Ecke des nächſten Hauſes verſchwunden.
So ſtand denn Erich vor dem Hauſe Olaf Niegel⸗ ſon's, ſeines Oheims, der ihn einſt nach Island ge⸗ rufen, um ihm die Braut zu gewinnen und zu dem er nun kam, nach dem er die Braut ſchon verloren! Die Thür öffnete ſich unter dem Drucke ſeiner Hand und er trat in einen einfach geſtrichenen Hausflur, deſſen einziger Zierath die lebensgroßen Gemälde Luther's und Melanchthon's waren. Man findet dieſe Bilder ſehr allgemein in Islands Häuſern, denn Is⸗ lands Volk bekennt ſich zur proteſtantiſchen Kirche und es laſſen ſich die erſten Spuren der Einführung des Chriſtenthums und des Uebertritts vom katholiſchen Cultus zur proteſtantiſchen Glaubenslehre ganz genau nach geſchichtlicher Tradition auffinden und feſtſtellen. Bereits im achten Jahrhundert war Island von iriſchen Mönchen, ſomit Trägern des Chriſtenthums, an einzelnen Stellen der Oſtküſte bewohnt, doch wurde der Glaube nicht ohne mannigfachen Wider⸗ ſtand beſonders von Seiten der heidniſchen Tempel⸗ vorſteher oder Goden, die dadurch ihrer hierarchiſch⸗ ariſtokratiſchen und damals gültigen prieſterlichen und richterlichen Gewalt verluſtig gingen, erſt im tauſend⸗ ſten Jahre geſetzlich angenommen; man errichtete Schulen und ſtiftete zwei Biſchofsſitze in Holar und Die mit der chriſtlichen Lehre eingeführte Kenntniß lateiniſcher Schrift und Sprache, abend⸗ ländiſcher Literatur und Gelehrſamkeit fand hier einen um ſo empfänglicheren Boden, als der Dichtkunſt und geſchichtlichen Erzählung bereits ſeit den früheſten Anſiedelungen eine ſorgſamere Pflege und Ausbildung zu Theil geworden wie irgend anderwärts im germa⸗ niſchen Norden. Im Jahre 1540 begann König Chriſtian III. von Dänemark die Reformation einzu⸗ führen, die aber erſt 1551 völlig zu Stande kam und ſeither ſich im Banne der ganzen Inſel behauptet hat.
Erich ſchrit durch den Hausflur hin einige Stiegen hinauf, wo eine zweite Thür ihm den Weg verſperrte; er klopfte dagegen.
Folge. 421
„Tretet ein!“ rief drinnen eine freundliche Stimme und ehe noch Erich die Thür geöffnet, ſprang ſie von innen auf und bot einen freien Blick in ein kleines gewölbtes Zimmer, deſſen Wände ringsum mit Büchern beſetzt waren und das ſein Licht durch ein im gothi⸗ ſchen Style gebautes Fenſter mit runden Glasſcheiben erhielt. Auf dem Fenſterſims ſtand ein Geranium und eine Paſſionsblume, im Herde lohte eine wär⸗ mende Flamme und die auf dem Tiſche gehäuften Papiere zeigten, daß der Bewohner des Zimmers nicht gerne feierte; über den Schriften aber ſtand auf einem Pulte ein Crucifix mit dem Bilde des Erlöſers und vor ihm lag eine aufgeſchlagene Bibel. In der Thür ſelbſt ſtand eine vom Alter gebückte Greiſengeſtalt; ein langer ſchwarzer Oberrock hätte ſchon längſt und hinreichend den Geiſtlichen bezeichnet, wenn nicht auch noch das Symbol des lutheriſchen Predigerſtandes, die Abbildung der Geſetztäfelchen, um den Hals des Greiſes geſchlungen geweſen wäre. Sein wohlwollen⸗ der Blick ruhte freundlich auf dem jungen Gaſt und ihm die Hand entgegenſtreckend, ſprach er:
„Tretet ein, mein Freund; es wird Euch ein wenig warm ſein bei mir, allein Ihr müßt das dem Greiſe zu Gute halten, dem das Blut nicht mehr ſo feurig durch die Adern wallt, wie Euch, ſondern lang⸗ ſam und träge dahinſchleicht und gar herzlich gerne ganz ſtehen bleiben und ſtocken möchte; mein Haar ſieht aus wie Schnee, es iſt Winter mit mir und da muß ich mich wohl vorſehen, denn das Alter ſchüttelt mich wie der Froſt! Allein was iſt Euer Begehr? Kann Euch Olaf Niegelſon behülflich ſein in irgend einem Dinge und Euch beiſtehen mit Rath und That, ſo könnet Ihr deſſen von vorn herein gewiß ſein; ſpricht doch der Herr: Wohlzuthun und mitzutheilen ver⸗ geſſet nie, denn ſolche Opfer gefallen⸗Gott wohl!“
„Seid Ihr es ſelbſt,“ entgegnete Erich,„ſo grüße ich Euch, Herr Ohm, und Olaf Niegelſon kann über⸗ zeugt ſein, daß der Sohn Sture Niegelſons allezeit von Herzen den Onkel begrüßt, deſſen er ſich nur noch dunkel aus der Jugend von Dalſtröm, dem Sitze ſeiner Väter, her erinnern kann!“
„Ei was, Du, Erich, mein Liebling!“ rief hoch⸗ erfreut der fromme Biſchof und faßte Junker Erich's Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände.„Ja, ja, Du biſt's! Das iſt des alten Sture treues Auge, und die Naſe und der Mund iſt juſt wie die ſelige Frau Magdalene, Deine Mutter! Das Haar iſt auch blond, juſt wie wir es Alle haben, die Niegelſons von Dal⸗ ſtröm— ſei mir gegrüßt, Du ächtes Niegelſonsblut! Als Du vorhin zu mir eintrateſt, erkannte ich gleich an Deinem Kleid, daß Du ein Diener des Krieges ſeieſt und wunderte mich, was Du bei mir, dem


