420 Novellen⸗Jeitung.
⸗Das will ich wohl hübſch bleiben laſſen,⸗ rief Paul und ſeine Augen dünkten mir plötzlich gar un⸗ heimlich zu ſein, ⸗ſagt'mal, Norſen Kordrauſon, Ihr wollt ja wohl nun Jubilate die ſchwarze Mally von Beſöe heimführen?⸗
„Ja wohl will ich das, denn die Mally hat mich von Herzen lieb, aber zum Henker! Was reißt Ihr denn den Stock oben locker zwiſchen den Steinen, daß ich herumzappele am Seile zwiſchen Himmel und Erde, wie ein Fiſchlein an der Angel!“ rief ich erſchrocken, denn der Paul rüttelte oben am Pfahl, als wollte er ihn ausreißen und mich hinabwerfen in die toſende Bucht.
⸗Die Mally mag Euch gar nicht,“» rief er droben und rüttelte kräftig, aber ich möchte ſie gern, und da ich ſie nun nicht bekomme, ſo ſollt Ihr ſie auch nicht haben und ich werfe Euch hinab in's Meer, daß Ihr ertrinken müßt!⸗
„Und er riß am Pfahl aus aller Kraft, daß ich mit dem Seile herumſchlug wie ein verendender Hecht und alle Augenblicke fürchten mußte, ich würde, ehe ich eines naſſen Todes durch die heimtückiſche Meuchler⸗ hand Paul Larfſen's ſtürbe, mir noch den Schädel an den Felszinken einſtoßen. Nun iſt es aber bekannt, daß dem Menſchen in der größten Noth die beſten Gedanken kommen, und ſo überlegte ich denn in aller Geſchwindigkeit, daß die Mally auf alle Fälle für mich verloren ſei, denn, daß Paul Larfſen wollte, ich ſolle ſie ihm abtreten, merkte ich recht wohl; ſie hatte zwar ſchöne Augen, allein der Böſewicht da droben war Alles im Stande und wenn ich hier im Meer ertrank, verlor ich außer Mally auch noch mein Leben und hatte mir umſonſt zum Heile der Menſchheit reich⸗ liche Kenntniſſe zu Skalholt geſammelt! Alſo faßte ich meinen Entſchluß und rief dem Paul Larfſen nach oben zu:„Paul, Paul, hört mich an!“
„Er ſchüttelte ruhig weiter.
„Junger Meuchelmörder,“ rief ich in Todesangſt, „ich will Euch ja herzlich gern die Mally abtragen, denn, wie ich längſt eingeſehen, paßt ſie gar nicht für mich!“
„Das Schütteln ließ etwas nach.
„Ja noch mehr,“ fuhr ich fort,„ich will den Schreiber bitten, daß er ſie Euch zur Frau giebt!“
„Und das Seil hörte auf zu ſchwanken, Paul ſchaute über die Felswand, in ſeinen Augen blitzte es noch wie verhaltene Mordluſt und er ſprach:
«Schwört mir das bei Eurer Seelen Seligkeit und ich will Euch das Leben ſchenken!l«
„Und ich ſchwur einen entſetzlichen körperlichen Eid und entkam ſomit dieſem gräßlichen Tode; die
Folge davon war, daß ich, nach dem ich die feſte Erde ⸗
mit heißen Küſſen bedeckt und mich im Spiegel be⸗
ſehen hatte, ob mir nicht etwa, wie es ſchon zu
mehreren Malen paſſirt ſein ſoll, die Haare von der gräßlichen Angſt gebleicht oder ganz ausgegangen ſeien, zum Schreiber nach Beſſöe ging und mein Wort zurücknahm, in Folge deſſen wiederum ich auf eine feine Weiſe aus dem Hauſe gecomplimentirt wurde, was man auf Isländiſch herausgeworfen nennt. Der Schrei⸗ ber war entſetzlich böſe, mein Vater zürnte mit mir, allein mein Leben war doch gerettet und die ſchwarze Mally gönnte mir einen wahrhaft freundlichen Blick, als ein Jahr ſpäter der Mörder Paul Larfſen ſie vom Altar in den Kaufladen zu Huſſavig führte, den ihm ſein Vater, der Krämer zu Holum, gekauft. Als
ich einige Zeit ſpäter erfuhr, die ganze Todesnoth
ſei nur eine abgekartete Geſchichte geweſen, um mich los zu werden, und die ſchwarze Mally hätte ſelbſt den Plan dazu angegeben, war ich anfänglich ſehr er⸗ zürnt, allein Norſen Kordrauſon hat ein ſo gutes chriſtliches Herz und der Krämer Paul Larfſen von Huſſavig einen ſo guten Rothen im Keller, daß ich ihnen verziehen habe und ein Jahr ſpäter einen roth⸗ bäckigen Buben über die Taufe hielt, der mir zu Ehren den Namen Norſen trägt; ſo oft ich aber Huſ⸗ ſavig paſſire, beſuche ich mein Pathchen, trinke ein Glas vom Rothen und freue mich, daß ich bei einem Haar des netten Jungen leiblicher Vater geworden wäre! 1
„Das, Junker, iſt die Geſchichte meiner einzigen, aber unglücklichen Liebe; allein, warum wollt Ihr das wiſſen und was ſoll dann ſein, wenn ich geliebt habe?“
„Nun dann,“ ſagte Erich ernſt,„dann ſchweigt mir von der Edda und dem Nielſen Trampe, denn Ihr zereißt mir das Herz!“
Und der wackere Stiftsmann von Vidöe ſchaute erſchrocken auf den Junker Erich, den er noch nie hatte ſo ernſt reden hören und faßte in Gedanken nach ſeinem kleinen Herzchen, als drohte dieſem Ge⸗ fahr: die Roſe von Iſefjord, Junker Erich mit ſeinem Schweigen und bleichen Angeſicht, Nielſen Trampe und deſſen Grönlandfahrt drehten ſich bei ihm im Kopfe in einem wirbelnden Kreiſe, bis plötzlich ein heller Lichtſtrahl durch das Gehirn des kleinen Mannes fuhr und er in Gedanken den Hut abnahm, wie er ſonſt nur zu thun pflegte, wenn Seiner Majeſtät des Königs Erwähnung gethan ward. So ritten ſie ſchweigend durch die Straße von Reikiavig, da hielt Norſen Kordrauſon das Rößlein an und ſprach mit einer weichen Stimme, die von Rührung durchdrungen war:
„„So lebt denn wohl, Junker Erich, hier iſt Eures


